Noch nie sind in Deutschland so viele Ehen geschieden worden wie 2002: 204.200-mal trennten Richter die Paare rechtskäftigt voneinander, 160.100 Kinder müssen mit dem Urteil leben.

Bundesaußenminister Joschka Fischer hat vier Ehen hinter sich - Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Sänger Peter Maffay und der Schauspieler Sky Dumont je drei. Damit liegen die Prominenten voll im Trend, denn die Zahl der Scheidungen in Deutschland steigt und hat 2002 einen Rekord erreicht. 204.200 Ehen wurden rechtskräftig geschieden - 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Die Statistiker gehen davon aus, dass künftig mehr als jede dritte Ehe geschieden wird.

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Im Zehnjahresvergleich kletterte die Zahl der Paare, die vor den Scheidungsrichter traten, um 51,3 Prozent. Damit kamen im vergangenen Jahr 108 Scheidungen auf 10.000 Ehen - 5 mehr als 2001 und 39 mehr als 1992.

Kritischsten Phasen

Die meisten Ehepaare (13.310), waren 2002 bei ihrer Scheidung fünf Jahre verheiratet. Die zweitgrößte Gruppe hatte vor sechs Jahren den so genannten Bund fürs Leben geschlossen (13.120).

"Die kritischste Phase sind die mittleren Jahre, wenn Kinder da sind und die eigenen Eltern noch versorgt werden müssen", berichtet der Darmstädter Familienforscher, Prof. Hans-Georg Voss.

Auch Kinder müssen mit dem Urteil leben

Kinder sind kein großes Trennungshindernis mehr: "Sie schieben die Scheidung meist eine bestimmte Zeit auf", sagt Voss. Allerdings würden immer noch häufig Kinder gezeugt, um eine Partnerschaft zu kitten. "Ein großer Fehler", sind sich der Wissenschaftler und Familienberater einig.

Fast jedes zweite der 2002 geschiedenen Ehepaare hatte minderjährige Kinder. Rund 160.100 unter 18-Jährige erlebten die Trennung ihrer verheirateten Eltern. Das waren 4,1 Prozent mehr als im Vorjahr (153.520) und 57,9 Prozent mehr als vor zehn Jahren (101.380).

Die Ursachen für eine Scheidung sind nach Einschätzung von Fachleuten vielfältig. Mit der zunehmenden Zahl verheirateter Scheidungskinder steige die Zahl der Trennungen, sagt Bernd Böttger vom Institut für Paartherapie in Frankfurt am Main. Scheidungskinder könnten Studien zufolge schlechter mit Beziehungen umgehen, wüssten aber auch, dass man sich trennen kann.

Psychologie-Professor Voss sagt, Kinder aus Scheidungsehen bewerteten Trennungen anderes, viele fänden es durchaus positiv, zwei Väter oder zwei Mütter zu haben.

Scheidung kein Makel mehr

Eine gescheiterte Ehe sei zudem kein Makel mehr und die finanziellen Folgen nicht mehr so gravierend. "Die Fähigkeit, längerfristige Bindungen zu Personen einzugehen, nimmt in der Gesellschaft insgesamt ab." Ein Wechsel gelte als befriedigend und anregend. "Wir sind schnelllebiger."

Verzweifeln am Ideal

Berend Groeneveld von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung hält das freie Aushandeln des Rollenverhaltens zwischen den Partnern für einen Hauptkonflikt. Dazu komme wirtschaftlicher Druck: Manche Eltern hätten Nebenjobs oder müssten weite Strecken zur Arbeitsstelle zurücklegen. "Was Bindung ausmacht, zerbricht aber auch durch die überreichen Medienangebote", sagt der Psychotherapeut aus Detmold. "Die Leute rennen aber nicht leichtfertig auseinander. Sie scheitern eher im Verzweifeln an ihren Idealen."

Elfriede Seus-Seberich von einer Familienberatungsstelle der SOS- Kinderdörfer in München meint, Paare hätten mit immer mehr Belastungen von außen zu kämpfen. Zu den Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf kämen soziale Probleme wie Stress im Beruf oder die Angst um den Arbeitsplatz. "Die Bundesrepublik Deutschland ist kein gutes Biotop für Familien", sagt die Psychologin. "Viele Paare sind nur noch damit beschäftigt, die Familie zu managen und sprechen überhaupt nicht mehr miteinander. Wenn es gut geht, kriegen die Kinder noch, was sie brauchen. Wenn es schlecht geht, keiner mehr."

(sueddeutsche.de/ dpa)

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