Jeder, der das Unglück schon immer kommen sah und jetzt harte Konsequenzen fordert, bekommt eine Bühne. Die mutmaßlich Schuldigen werden von Politikern, Experten und Journalisten oft ungeduldig und unerbittlich vorgeführt.

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Der Veranstalter Schaller, Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland und die leitenden Polizisten sind noch nicht einmal Beschuldigte im strafrechtlichen Sinne, und falls sie eines Tages verurteilt werden sollten, so würden sie doch vorher angehört.

Unanständige Rechtfertigungsversuche

Die Öffentlichkeit fällt ihre Urteile dagegen viel schneller. Sie hat die Beteiligten vor sich hergetrieben und wird dies noch lange tun. Die Öffentlichkeit kann grausam sein, und ihre Strafe kann mehr weh tun als selbst die des Strafrichters, wenn er Haft auf Bewährung verhängt. Im Prinzip also ist es legitim, wenn sich die Gescholtenen zumindest um Gehör bemühen.

Allerdings ist es auch im chronisch überhitzten Medienbetrieb möglich, Vorwürfen oder Anfeindungen mit Würde entgegenzutreten, ohne dass insbesondere die Familien der Toten dies als unanständig empfinden müssen.

Die Stadt, der Veranstalter und die Polizei hatten, jeder auf unterschiedliche Weise, eine Verantwortung für die Loveparade in Duisburg. Die Stadt hätte die Veranstaltung nie genehmigen dürfen, das erkennt jeder, der die improvisierte Partymeile sieht. Der Veranstalter wiederum hat sich übernommen, er ist daran gescheitert, die Menschenmassen zu steuern. Und die Polizei war spätestens zuständig, als sich eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit anbahnte, hat dann aber wohl nicht angemessen reagiert.

Alle Beteiligten hätten also Gründe, sich zu entschuldigen; wer, wie Sauerland, politisch verantwortlich ist, sollte zurücktreten. Alle Beteiligten haben ferner das Recht, sich zu verteidigen, was nicht bedeutet, die Schuld als Ganzes bei den anderen zu entsorgen. Alle Beteiligten handeln im Sinne der Transparenz, wenn sie Dokumente veröffentlichen, sie sollten diese aber nicht als reinen Beweis der eigenen Unschuld anpreisen.

Ansonsten sollten alle Beteiligten einfach mal schweigen: In dieser Woche zum Beispiel wäre die Loveparade ein relativ kleines Thema geblieben, hätte jeder seine sogenannten Gutachten für sich behalten.

Wer Antworten sucht, mag es unerträglich finden, auf die Justiz zu warten, aber für die Wahrheitssuche gibt es nun mal meist keine bessere Instanz. Die Staatsanwaltschaft wird die Kette von Ereignissen, Fehlern und Missverständnissen rekonstruieren müssen; nur sie kann jetzt alle Facetten überblicken.

Vielleicht wird ein Gericht dann irgendwann Schuldige ermitteln. Auf keinen Fall aber können die Beschuldigten sich heute selbst freisprechen oder andere verurteilen.

Der Veranstalter Schaller hat jetzt, immerhin, seinen Talkshow-Auftritt bei Kerner abgesagt. Das ist weder Feigheit noch ist es ein Geständnis. Es kann das sein, was man bisher vermisste: berechtigter Selbstschutz und Pietät.

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  1. Parade der Unschuld
  2. Sie lesen jetzt Jeder bekommt seine Bühne
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(SZ vom 03.09.2010/jobr/woja)