Tragödie bei der Loveparade Die Ohnmacht der Masse

Beim Woodstock-Festival wurde der Notstand ausgerufen, bei einem "The Who"-Konzert starben elf Menschen - nun mindestens 19 bei der Loveparade. Es gibt genügend Erfahrungen mit Großveranstaltungen. Warum werden sie nicht beherzigt?

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Massenpanik und Massenhysterie bleiben bei Großveranstaltungen unkalkulierbare Risikofaktoren. Brechen sie aus, sind sie nicht zu stoppen. Bei der Loveparade in Duisburg wurde die Redewendung vom Lauffeuer innerhalb von Sekunden zur grausamen Wirklichkeit. Alles was Veranstalter eines Ereignisses mit unüberschaubaren Menschenmengen tun können, ist es, Erfahrungen zu beherzigen. Und derer gibt es genug.

Das Woodstock-Rockfestival im August 1969 gilt als Musterfall. Die unerfahrenen Organisatoren unterschätzten die Anziehungskraft eines Festivals mit Rockstars. Die Infrastruktur für die Konzertwiese nahe des Dörfchens White Lake bei Bethel im amerikanischen Bundesstaat New York war für 150.000 Besucher angelegt worden. Als eine halbe Million Fans zum Gelände drängten, musste die Regierung den Landkreis zum Notstandsgebiet erklären.

Vier Monate später eskalierte die Gewalt bei einem Rockfestival im kalifornischen Altamont, weil die Veranstalter die unberechenbare Rockerbande Hells Angels als Ordnungshüter angeheuert hatten. Unter ihrer Aufsicht waren ein Mord und drei Unfalltote zu beklagen.

Gesetzliche Folgen hatte allerdings erst ein Konzert der Rockgruppe The Who in Cincinnati, Ohio im Dezember 1979, als Tausende Fans in die Halle drängten und elf Menschen starben. Seither ist die freie Platzwahl bei Veranstaltungen mit mehr als 3000 Besuchern in den USA verboten.

Nun wäre es ein Fehler, solchen Katastrophen eine popkulturelle Bedeutung zuzuschreiben. Popfans sind weder gewaltbereiter noch gefährdeter als die Besucher anderer Großveranstaltungen.

Als im Mai 1985 ein Brand im Fußballstadion im englischen Bradford eine Panik auslöste, gab es 56 Tote und 200 Verletzte. Eine Schlägerei beim Europapokal im Brüsseler Heysel-Stadion eskalierte zur Massentragödie mit 39 Toten und 600 Verletzten.

Die Auslöser für solche Unglücke sind meist technischer Art. Als die Band Pearl Jam beim Rockfestival in Roskilde zu leise spielte, drängten 50.000 Fans zur Bühne. Acht Menschen wurden erdrückt.

In all diesen Fällen waren es jedoch Fehler bei der Organisation und überforderte Sicherheitskräfte, die eine schwierige Situation zur Tragödie eskalieren ließen. Alkohol, Drogen oder eine aufgeheizte Stimmung können die Panik oder Hysterie zwar verschärfen, sind aber nie eigentliche Ursache.

Die Erfahrung mit diesen Unglücksfällen können nach der Tragödie bei der Loveparade in Duisburg nur noch dazu dienen, die Risikofaktoren präziser zu erkennen, die zu einer solchen Katastrophen führen.

Es wird nicht leicht sein, die Schuldfrage zu klären. Man wird die Organisatoren für ihre Schlamperei, die Ordnungshüter für Fehlverhalten und die Behörden für Fehlentscheidungen zur Rechenschaft ziehen müssen.

In den Menschenmassen aber finden sich bei einem solchen Unglück nur Opfer, in der Masse bewegen sich die vielen unschuldigen Einzelnen. Die gilt es zu schützen.

Tanz, Tod, Trauer

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