Tourismus Wandern statt wedeln

Immer mehr Winter-Touristen kommen nicht zum Skifahren in die Berge - die Mehrheit will "einfach nur in der schönen Natur sein".

Von Von Christian Schneider

Es hat Zeiten gegeben, da schnurrte auch am Geigelstein im Chiemgau noch der Skilift und brachte Wintersportler nach Schleching. Doch optimal waren die Pisten nicht, und auch mit der Schneesicherheit war es nicht weit her.

Der Ort liegt nur 570 Meter über Meereshöhe. Da waren die österreichischen Pisten attraktiver. So sahen das auch die Gäste - und zogen weiter: Nebenan in Tirol brummt seit Jahren der Tourismus.

Der Blick nach Österreich machte die Schlechinger freilich nicht neidisch, er schreckte sie vielmehr ab. "So wollten wir uns nicht entwickeln", sagt Bürgermeister Fritz Irlacher.

Im Ort erkannte man: "Am Klima können wir nichts ändern, ein Liftausbau lohnt nicht, und Schneekanonen bringen nichts bei uns." So kreierten sie 1997 in Schleching ihr Öko-Modell und begannen damit, die Gemeinde gezielt auf den sanften Tourismus auszurichten.

Der bewusste Verzicht auf hochfliegende Wintersportpläne und Kunstschnee brachte den Schlechingern einigen Spott ein. "Ihr seid um 20 Jahre hinten dran", frotzelten die Nachbarn.

"Wir sind um 20 Jahr voraus"

Nach acht Jahren Öko-Modell und sanftem Tourismus kommen die Schlechinger heute zu einem ganz anderen Ergebnis. "Wir sind den anderen um 20 Jahre voraus", sagt Bürgermeister Irlacher.

Die Gemeinde am Fuß der Alpen hat genau das getan, was weitschauende Touristiker und Umweltschützer schon lange empfehlen: angesichts der Klimaerwärmung und der damit verbundenen Folgen rechtzeitig auf touristische Alternativen auszuweichen.

"Man darf den Wintertourismus nicht nur aus der Sicht des Skisports sehen", sagt Anna-Maria Muck, Sprecherin der Bayern Tourismus Marketing. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund zum Umdenken.

Die Winterurlauber haben sich verändert, es wird nicht mehr so viel Ski gefahren. Vor zehn Jahren sei im Winterurlaub noch Action angesagt gewesen, sagt Anna-Maria Muck, heute suchten die Gäste vor allem Entspannung.

Immer mehr Hoteliers richten sich auf diese neue Entwicklung ein - mit Sauna-Landschaften, Schneeschuh-Wanderungen, Kutschfahrten durch die winterliche Landschaft, Eisstock-Schießen und Skilanglauf.

Gästebefragungen haben ergeben, dass nur noch 12 Prozent der Winterurlauber wegen der sportlichen Betätigung in die Berge fahren. Mehr als 50Prozent der Gäste wollten "einfach nur in der schönen Natur sein".

Für die, so Muck, "steht das Thema Schnee nicht mehr so im Vordergrund". Das deckt sich mit anderen Untersuchungen, denen zufolge sich nur noch etwa ein Prozent der Deutschen als echte Skifahrer bezeichnen.

"Der Skisport hat kaum noch Zukunft" hat auch der Freizeitforscher Horst Opaschowski herausgefunden. Unter jungen Leute "rangiert dieser Sport unter ferner liefen", noch hinter Angeln und Rudern, schreibt der Hamburger.

Immenstadt im Oberallgäu war eine der ersten Gemeinden, die schon vor Jahren die Konsequenz aus dem neuen Trend gezogen hat. Weil der Schnee ausblieb und auch immer weniger Skifahrer kamen, wurde 1993 auf dem 1400 Meter hohen Gschwender Horn eine ganze Liftanlage stillgelegt und abgebaut, die Pisten wurde renaturiert.

Zahl der Skilifte rückläufig

Das Projekt erlangte auf der Expo 2000 Weltruhm. Andere Orte sind inzwischen gefolgt. Nach den Beobachtungen der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra ist die Zahl der Skilifte alpenweit rückläufig.

In Österreich sind zwischen 1980 und 1997 rund 120Lifte verschwunden, in Südtirol nahm die Zahl der Skilifte in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 20Prozent ab. Doch nicht überall werden die Anlagen, wie in Immenstadt, auch tatsächlich abgebaut.

Vielmehr gammeln sie als Investitionsruinen in der Gebirgslandschaft vor sich hin. Bayern Tourismus Marketing, die Dachorganisation der bayerischen Fremdenverkehrsgemeinden, hat drei Thesen zum Wintertourismus in Bayern formuliert: Erstens würden im Bereich des alpinen Skifahrens die meisten bayerischen Wintersportorte gegen Österreich, Südtirol, Schweiz und Frankreich "weiter an Bedeutung verlieren".

Zweitens hätten bayerische Skiorte, die sich auf Anfänger, Kurzurlauber und Tagestouristen konzentrieren, mehr Chancen. Und drittens lägen gute, aber ausbaubedürftige Potenziale Bayerns im Bereich des sanften Tourismus.

Der Zug sei schon in Bewegung gekommen, glaubt Anna-Maria Muck, "er kann aber noch an Fahrt zunehmen". Das sieht man auch beim Bund Naturschutz (BN) in Bayern so: "In der bayerischen Wintertourismus-Werbung dominiert noch immer das Skifahren."

Derweil füllt Schleching seine 900 Gästebetten mit Alternativurlaubern. "Wir haben 90.000 Übernachtungen pro Jahr", sagt Bürgermeister Irlacher.

2001 ist Schleching von der Cipra zur "Gemeinde der Zukunft" erklärt worden. "Wir können absolut zufrieden sein", meint der Rathaus-Chef. Neulich haben sich sogar schon Touristiker aus China und Laos das Öko-Modell Schleching angeschaut.