Total lokalisiert Gasleck an Bohrinsel "Elgin" "Wir glauben, wir wissen wo es ist"

Gefahrenquelle 4000 Meter unter dem Meeresboden: Vier Tage schießt nun schon Erdgas mit gewaltigem Druck aus einem Leck an der Bohrinsel "Elgin" vor Schottlands Ostküste. Jetzt soll der Plattformbetreiber Total die undichte Stelle zumindest lokalisiert haben - abgewendet ist die drohende Umweltkatastrophe damit aber längst nicht.

Von Patrick Illinger

Wer je in die Nähe einer Erdgasraffinerie gelangt ist, kennt ein typisches Merkmal solcher Anlagen: Aus senkrecht in die Luft ragenden Rohren lodern weithin sichtbare Flammen. Unerwünschte Restgase werden dadurch abgefackelt, die bei der Förderung von Erdgas auftreten. Eine ebensolche Flamme brennt auch auf der havarierten und seit Sonntag evakuierten Förderplattform auf dem Elgin-Gasfeld in der Nordsee. Und genau hier liegt das derzeit drängendste Problem: Es brennt ein offenes Feuer, während gleichzeitig 90 Meter darunter rund 10.000 Kubikmeter Erdgas pro Stunde unkontrolliert ausströmen.

Sollte sich um die Plattform herum die Gaswolke so weit ausdehnen, dass sie bis zu der Flamme reicht, gäbe es eine gewaltige Explosion. "Von der Plattform wäre dann nicht mehr viel übrig", vermutet Kurt Reinicke, Professor für Bohr- und Produktionstechnik an der TU Clausthal. Käme es tatsächlich zum großen Knall, wären derzeit zwar keine Menschenleben bedroht, da alle 238 Arbeiter von dem Bohrinselkomplex geborgen wurden. Doch mit einer Explosion wären alle technischen Mittel verloren, mit denen sich das ausströmende Erdgases zeitnah stoppen ließe.

Aus der 6000 Meter tief im Meeresgrund steckenden Rohrleitung könnten dann monatelang Gase entweichen, darunter auch stinkender und giftiger Schwefelwasserstoff sowie ölige Bestandteile des natürlichen Erdgases. Eine Umweltkatastrophe wäre kaum mehr abzuwenden. Immerhin hat der französische Energiekonzern Total am Mittwoch nach eigener Aussage das Leck lokalisiert: Es soll 4000 Meter unter dem Meeresgrund liegen.

Alles hängt vom Wind ab

Gleichwohl hängt aus Sicht von Experten erst einmal alles vom Wind ab. Dessen Stärke und Richtung werden darüber entscheiden, ob das austretende Erdgas abzieht oder eine stehende Wolke bildet, die irgendwann die Flamme erreicht. Meteorologische Prognosen geben derzeit Anlass zu Hoffnung. Demnach steht der Wind in den kommenden Tagen günstig. Plattformbetreiber Total zufolge befindet sich die Gaswolke derzeit nicht in Reichweite der Flamme. Zudem werde das offene Feuer bald von selbst ausgehen, sagt der Konzern.

Doch das ist Spekulation. Unklar ist zum Beispiel, warum der Betreiber die Flamme nach der Evakuierung der Plattform brennen ließ. Ein britischer Vertreter der Bohrinselarbeiter nannte dieses Vorgehen "völlig unverständlich". Die Explosionsgefahr ist auch der Grund, warum Schiffe und Helikopter sich von der Plattform fernhalten müssen. Und es ist der Grund, weshalb im Moment keine Mechaniker die Bohrinsel betreten dürfen, um das Gasleck abzudichten.

Auslöser des Unfalls war möglicherweise Rost. Circa ein Jahr lang sei kein Gas gefördert worden, sagt Kurt Reinicke. In dieser Zeit ist möglicherweise das Innere von zwei ineinander verlaufenden Stahlrohren, wie sie bei Gasbohrungen eingesetzt werden, korrodiert. Das aus dem Elgin-Gasfeld mit Rekorddruck von mehr als 1100 Bar austretende, fast 200 Grad heiße Erdgas sei dann wahrscheinlich in den Ringraum zwischen den beiden Rohren gelangt und nach oben zur Plattform geschossen. Dort kann dann ein Verschluss versagt haben, sodass Gas ins Freie tritt.

Im schlimmsten Fall droht ein gewaltiger Klimaschaden

Immerhin: Laut der norwegischen Umweltschutzorganisation Bellona sind die Risiken für die Umwelt bei Elgin geringer als bei der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko, weil in dem schottischen Feld kaum Öl austritt. Dort blubbern aus dem Bohrloch lediglich Gas und ein Kondensat, eine gelbliche, dieselähnliche Flüssigkeit. Die bildet zwar einen Schmutzfilm auf dem Wasser. Der ist aber wesentlich dünner als Öl und verdampft mit der Zeit.

Der Bellona-Experte Karl Kristensen befürchtet dennoch Schäden für die Tier- und Pflanzenwelt. Außerdem sei das austretende Methan ein sehr effektives Treibhausgas. "Im schlimmsten Fall, wenn der gesamte Inhalt des Reservoirs beim Blow-out austreten würde", so Kristensen, "wäre der Schaden für das Klima etwa zehnmal so groß wie jener, der in einem Jahr durch den CO2-Ausstoß von ganz Norwegen verursacht wird."

Der ölige Film erstreckt sich im Moment über gut zehn Kilometer Länge und mehr als einem Kilometer Breite. Im Normalbetrieb förderte die Bohrinsel neun Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Hauptziel des Betreibers ist, das Bohrloch am Meeresgrund zu schließen. Die in der Nordsee vergleichsweise niedrige Wassertiefe von weniger als 100 Meter wäre da ein Vorteil, allerdings ist der Gasdruck enorm. Außerdem müsste das Gasfeld mit einer zweiten, sogenannten Entlastungsbohrung versehen werden. Doch Tausende Meter tief in die Erdkruste zu bohren, das dauert auch mit modernster Technik mehrere Monate.

Betreiber und Regierungsbehörden sind daher im Moment vor allem daran interessiert, die Bohrinsel zu erhalten und möglichst bald ein Notfallteam an Bord zu schicken. Aber solange oben auf der Plattform ein offenes Feuer brennt, ist daran nicht zu denken. "Die wichtigste Frage ist, ob der Gasaustritt zunimmt, stabil bleibt, oder schwächer wird", sagt der Norweger Kristensen. Wenn er zunehme, müsse man schnell handeln. Letzter Ausweg sei, das Gas abzufackeln. Dabei werde vermutlich die Plattform zerstört.