Eine Fräsmaschine hat am Montagvormittag auf der A3 eine Bombe zur Explosion gebracht. Der Fahrer der Maschine kam dabei ums Leben. Ein Report vom Unglücksort.
Es hat gerade zu regnen begonnen, als sie bei Aschaffenburg die Tragödie vermessen, in Metern und in Zentimetern, nach Breite und Höhe, so gut das eben geht hier draußen im Wind. Zwei Männer in grünen Westen stehen auf dem Asphalt.
Der Gehörschutz eines Arbeiters liegt am Rande des Explosionskraters. (© Foto: dpa)
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Neben ihnen ist kein Asphalt mehr, sondern ein Loch, in dem dicke Stücke von Beton liegen, herausgerissen aus der Bahn, die gleich daneben noch so glatt ist, wie Autobahnen eben glatt sind.
Die Männer halten ein Maßband in den Händen, sie steigen in das Loch, danach verkünden sie ein sehr exaktes Ergebnis: Zwei Meter und fünf Zentimeter tief ist der Krater, den die Bombe in die A3 zwischen Frankfurt und Würzburg gerissen hat.
Der Krieg, der seit mehr als 60 Jahren vorbei ist, hat noch einmal ein Leben gekostet: Ein Bauarbeiter ist hier gestorben. Vier seiner Kollegen haben einen schweren Schock erlitten, ebenso eine Autofahrerin.
Es war 10.53Uhr an diesem Montagmorgen, als hier ein Bauarbeiter, 46 Jahre alt und aus Dresden, mit einer Fräsmaschine durch den Boden pflügte und der Fräskopf seiner Maschine die Bombe traf.
Verbogen zu grotesken Formen
Es blieb keine Zeit zu reagieren, der Sprengstoff riss die Maschine in zwei Stücke, der Mann war sofort tot. Metall, Steine, Asphalt flogen bis zu 500 Meter weit, auf der anderen Fahrbahn zersplitterte die Windschutzscheibe eines Autos, bei anderen gab es Blechschäden.
Auch zwei umliegende Häuser wurden durch die Trümmerteile beschädigt. Minuten später waren die Beamten der Polizeiinspektion Aschaffenburg vor Ort, es folgte die Feuerwehr. Sie sperrten die Autobahn. Jetzt steht drüben hinter dem Flatterband die Kolonne der Wartenden.
Neben dem Krater liegt ein Haufen aus Metall, die gelbe Farbe ist abgeblättert. Es ist das, was einmal eine Fräsmaschine war, vornüber gekippt, verbogen zu grotesken Formen. Links daneben liegt der Fräskopf, rechts das Führerhaus.
Das Gehäuse ist zerbeult, drinnen hängt schief ein Sessel aus seiner Verankerung. Darauf muss der Mann gesessen haben, der jetzt tot ist. Es handle sich wohl um eine Weltkriegsbombe, sagt Polizeisprecher Heinz Henneberger, die Experten seien unterwegs.
"Das kann jeden von uns treffen"
Hinter Henneberger steht ein Mann in einer gelben Weste, auf der "Notfallseelsorger" steht. Neben ihm steht einer im Blaumann, er raucht, er schüttelt den Kopf, weil er nicht reden will über das, was er wohl mit angesehen hat.
Ein paar Meter weiter wartet noch ein Bauarbeiter, sein Gesicht ist rot, er schaut geradeaus, und er versucht zu beschreiben, wie sich die Druckwelle angefühlt hat. "Nicht wie ein Windstoß", sagt er, "wie ein sehr großer Druck eben", und dann sagt er, dass den Mann in der Fräsmaschine ein Subunternehmer geschickt habe, am Morgen habe er ihn kurz gesprochen. "Das kann doch jeden von uns treffen", sagt er noch, seine Stimme hüpft dabei ein Stück in die Höhe.
Hinter ihm, abgetrennt durch Flatterband, warten die, die nichts gesehen haben und denen es vor allem um die Zeit geht. Mehr als 20 Kilometer ist der Stau auf der A3 lang, die Autofahrer wollen weiter.
Dagmar Kaestner steht dort, 66 Jahre alt, sie ist an diesem Morgen in Bonn losgefahren, gegen 9Uhr war das, sie will nach München. Drinnen im Wagen sitzt ihre Tochter mit Catherina, die ein Jahr alt ist und einen Stoffhasen in der Hand hält.
"Wir haben ein Kleinkind hier", sagt Frau Kaestner, und sie fragt, wann es denn weitergehe. Doch das wissen sie am frühen Nachmittag noch nicht einmal bei der Polizei.
Beim Bau übersehen
Dagmar Kaestners Wagen ist der dritte in der Schlange, gleich dahinter sitzt ein Mann in seinem Auto, er sagt: "60 Jahre später, und die rächen sich immer noch." Dabei lacht er.
Es geht dann auf halb drei am Nachmittag zu, als es noch windiger wird auf der A3, außerdem laut, zwei Helikopter sinken langsam herab. Das Flatterband flattert, Laub fliegt durch die Luft.
Die Kameraleute müssen gehen, der Asphalt wird wieder zum Sperrgebiet. Die Spezialisten vom Landeskriminalamt sind da, dazu die Sprengstoffexperten aus Nürnberg, sie müssen jetzt ihre Arbeit tun, den Boden untersuchen, die Stücke, die noch übrig sind.
Am Ende werden sie sagen können, dass es eine 250-Kilo-Bombe war, die der Fahrer der Fräsmaschine zur Explosion gebracht hat. Beim Bau der Autobahn in den 50er Jahren hatte man sie schlicht übersehen.
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(SZ vom 24.10.2006)
FKK-Slackliner Alexander Schulz