Tödliche Schüsse Haftbefehl gegen Polizisten

Dennis J. starb in der Silvesternacht durch die Kugel aus einer Polizeipistole. Nach der Rekonstruktion der Tat ist nun klar: Der Einsatz der Waffe war rechtswidrig.

Von L. Weißmüller

Kurze gegelte Haare, weites Sweatshirt, dicke Halskette - auf dem Foto sieht Dennis J. aus wie der typische Halbstarke aus dem Berliner Bezirk Neukölln. Mit seinen großen dunklen Augen und den vollen Lippen wirkte er fast noch kindlich, jedenfalls deutlich jünger als 26 Jahre.

In der Silvesternacht hat ein 34-jähriger Polizist Dennis J., der per Haftbefehl wegen Diebstahl und Verkehrsdelikten gesucht wurde, im brandenburgischen Schönfließ (Oberhavel) erschossen. Der tödliche Vorfall hat für Schlagzeilen gesorgt, zu unterschiedlich waren die Interpretationen des Tathergangs - von Notwehr bis hin zu Mord aus Eifersucht.

Nach der Rekonstruktion am Ort des Geschehens ist jetzt zumindest klar, dass der tödliche Schuss des Berliner Beamten rechtswidrig war. "Nach derzeitigem Stand gibt es nichts, was diesen Schuss rechtfertigt", sagte die Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper am Dienstag in Neuruppin.

Thomas Worm, der Anwalt der Familie von Dennis J., hatte zuvor den Einsatz der Dienstwaffe für nicht gerechtfertigt erklärt: "Die Beamten wussten, dass Dennis nie mit einer Waffe ein Delikt verübt hat." Laut Augenzeugen, mit denen Worm gesprochen hat, bestand für die Polizisten außerdem keine Gefahr.

"Die ganze Angelegenheit ist mysteriös", sagt der Anwalt. Er kann sich nicht erklären, warum die Beamten nicht vor dem Zugriff das Auto, in dem Dennis J. saß, einfach eingeparkt haben.

Der Kleinkriminelle wartete in einem gestohlenen Jaguar in Schönfließ auf seine 19-jährige Freundin. Möglicherweise gab deren Stiefvater, ein Bundespolizist, den entscheidenden Tipp, woraufhin drei Berliner Zivilbeamte am Silvesterabend zu der Reihenhaussiedlung fuhren. Zunächst gingen die Ermittler davon aus, dass der Polizist erst auf Dennis J. geschossen habe, als dieser versuchte, mit dem Auto zu flüchten.

Doch am Dienstag erklärte die Staatsanwaltschaft, dass der Beamte gleich zu Beginn des Einsatzes auf den 26-Jährigen zielte. Schwer verletzt habe dieser dann versucht, mit dem Auto zu fliehen. Dennis J. starb wenig später, sein Auto raste ungebremst 150 Meter die Straße entlang, bis es in eine Wand fuhr.

Am Montag war der Berliner Polizeibeamte wegen des Verdachts auf Totschlag festgenommen worden, der Haftbefehl wurde jedoch wieder gegen Auflagen ausgesetzt. Die Angehörigen von Dennis J. äußerten sich bestürzt darüber, dass der Polizist nicht unmittelbar nach der Tat vom Dienst suspendiert worden war und jetzt wieder auf freiem Fuß ist.

Vermutungen, wonach der Kleinkriminelle mit einer früheren Freundin des Todesschützen liiert gewesen sei und es sich um eine Eifersuchtstat gehandelt haben könnte, schloss die Staatsanwaltschaft hingegen aus. Es habe vor dem Einsatz nur dienstliche Kontakte zwischen der Familie der Freundin und dem beschuldigten Polizisten gegeben, die dazu dienten, den flüchtigen Dennis J. zu finden. Am Freitag wird der 26-Jährige in Neukölln beerdigt.