Todesanzeigen üben eine merkwürdige Faszination auf die Leser aus, und wer sie genau liest, kann viel über die Menschen erfahren.
Vielleicht hatte sich die Dame nur ihren Sinn für Humor bewahrt, vielleicht wollte sie einen starken Abgang haben, jedenfalls war ihre Anzeige für die Leser der Lokalzeitung eine Sensation, ein Ereignis, über das man noch Tage später sprach. "Ich lade euch alle herzlich ein zu meiner letzten Party", stand auf einer Drittelseite im Fränkischen Tag.
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Trauermotive aus deutschen Tageszeitungen: Blumen und Bäume verdrängen immer mehr christliche Symbole. (© SZ-Grafik: Katharin Baka)
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Stattfinden sollte das Fest auf dem Bamberger Friedhof, so wollte es die hochbetagte Gräfin, die lange vor ihrem Ableben die Anzeige hinterlegt hatte. "Wir haben ihre Wünsche eins zu eins umgesetzt, da konnten die Angehörigen nichts mehr sagen", erzählt Jörg Freudensprung vom Bestattungsinstitut "Pietät".
Todesanzeigen üben eine merkwürdige Faszination aus. Wenn man sich erst einmal auf die tägliche Lektüre dieser zeitlos schönen Rubrik eingelassen hat, kommt man nicht mehr so schnell davon los. Vor allem ertappt man sich ständig dabei, die eigenen Lebenschancen mit Blick auf den Jahrgang der Toten auszurechnen und insgeheim Buch zu führen über die Statistik der sanft Entschlafenen, nach langer Krankheit Verstorbenen oder plötzlich aus dem Leben Gerissenen.
Neuerdings kann man sich sogar immer öfter ein Bild von den Menschen machen. Schwarz-Weiß-Fotos in Todesanzeigen sind keine Seltenheit mehr - italienische Sitten in deutschen Blättern.
Wer mit Bestattern, aber auch mit Anzeigenleitern bei den Zeitungen spricht, stellt fest: Nichts scheint so beständig zu sein wie die gedruckte Todesanzeige. Sie trotzt wirtschaftlichen Krisen ebenso wie dem Internet, obwohl es dort natürlich längst virtuelle Trauerportale mit einer eingeschworenen Gemeinde gibt.
Anders als der Automobil- oder Immobilienmarkt bleibt der Tod eine feste Größe, und gerade in dieser Tautologie liegt die Chance für die Zeitungen. Zugleich ist die Traueranzeige auch Ausdruck gesellschaftlicher und sprachlicher Moden, die sich wiederum in den Muster-Broschüren der Zeitungsverlage wiederfinden, aus denen sie dann tausendfach kopiert werden.
Immer häufiger, sagt die Germanistin Angelika Linke von der Universität Zürich, gehe es nicht mehr um die bloße Bekanntgabe ("In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied von unserer Mutter"), sondern um die Gefühlswelt der Angehörigen. "Beliebt ist der offene Brief an den Verstorbenen, bei dem die Hinterbliebenen ihren Abschiedsschmerz auf individuelle Weise ausdrücken. Die Verfasser sprechen dabei weniger über den Toten als über sich selbst."
Das geschieht nicht selten durch Gedichte und Aphorismen, die Bibelverse weitgehend verdrängt haben - so wie übrigens auch das Kreuz als Anzeigenmotiv zunehmend durch weltliche Symbole wie Bäume, Blumen und selbst entworfene Graphiken ersetzt wird. Als Sterbebegleiter dienen Gedichte von Goethe über Rilke bis Hermann Hesse, ein oft gelesener Gewährsmann ist auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer mit seinem im KZ verfassten Trostgedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen".
Ein Spiegel des Lebens
Ganz oben in der Hitliste stehen beim Münchner Bestatter Karl Albert Denk tröstende Worte von Konfuzius ("Leuchtende Tage") und Antoine de Saint-Exupéry: "Wenn Du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es Dir sein als lachten alle Sterne. . ."
In den Printmedien, wo sonst kein Platz für Lyrik ist, sind Todesanzeigen ein beständiger Anachronismus, die wohl älteste Form der Leser-Blatt-Bindung. Sie sind oft auch die einzige persönliche Konfrontation mit dem Tod, sagt Kerstin Gernig vom Kuratorium deutsche Bestattungskultur. "Die meisten Menschen sterben im Pflegeheim oder im Krankenhaus, der Tod ist aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Nicht mal mehr der Leichenwagen ist als solcher erkennbar - da bleibt nur noch die Todesanzeige als memento mori."
Auch Gernig studiert mit Gewinn die tägliche Rubrik, weil sie gerne zwischen den Zeilen liest. "Dort sind ja oft ganze Dramen dokumentiert: Wenn in der linken Ecke die Ehefrau trauert und rechts die Geliebte, ist das ein Spiegel des Lebens."
Faszinierend sind Todesanzeigen auch für Leser, die Stilblüten und Kuriositäten schätzen. Liebhaber der unfreiwilligen Komik konnten sich beispielsweise an einem Nachruf erfreuen, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stand: Da teilte eine Firma in würdigen Worten mit, ihr Prokurist habe sie nun leider verlassen. Der aufmunternde Schlusssatz "Danke dafür, Herr Huber!" klang allerdings ein wenig doppeldeutig.
Manchmal zahlt es sich eben aus, auf die Hilfe von Fachleuten zu vertrauen. Jörg Freudensprung aus Bamberg zählt zu jenen Bestattern, die bei ihren täglichen Beratungsgesprächen die Angehörigen eher ermutigen, etwas mehr zu wagen, sich von Floskeln zu lösen und auf persönliche Weise mit dem Tod umzugehen.
Das sei allerdings besonders schwierig, wenn ein junger Mensch stirbt. Familienmitglieder seien dann oft nicht in der Lage, sich Gedanken über eine Anzeige zu machen, "die wählen dann die erzkonservativste Formulierung, während sich ein 35-jähriger Krebskranker oft etwas Besonderes überlegt. Der will dann mit seiner eigenen Anzeige ein wenig provozieren - ich finde das verständlich."
Mit leichtem Schritt auf die Reise
Andererseits führe ein unerwarteter Todesfall oft zu einer Wortwahl, die dem Verstorbenen gar nicht angemessen ist: "Wer bei einem Selbstmord zu der Formulierung greift, Gott der Herr habe den Liebsten heimgeholt, sollte sich das besser überlegen. In solchen Fällen empfehle ich, die Karten auf den Tisch zu legen - die Nachbarn wissen ja ohnehin meist schon Bescheid."
Angelika Linke zitiert in diesem Zusammenhang die Anzeige der Schriftstellerin Sandra Paretti in der Neuen Zürcher Zeitung: "Der Name der Krankheit tut wenig zur Sache, habe ich es doch mit der Krankheit wie mit dem Leben gemacht, ich umarmte sie, und siehe da, sie wurde mein letzter Geliebter", schrieb Paretti, die "mit leichtem Schritt und singendem Herzen auf die große Reise" ging. Ein selbstbewusster Abschied, der nicht allen Lesern gefiel, aber Paretti in der Schweiz ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit bescherte.
Michael Rutz, Chefredakteur des Rheinischen Merkur, sammelt Todesanzeigen. Besondere Trauergedichte und Erinnerungsverse klebt er in sein Notizbuch. "Ich finde es faszinierend, auf welche Weise man ein versuchen kann, ein Leben zusammenzufassen - und als welcher Mensch man erinnert werden soll."
Die Gräfin aus Bamberg, die nach ihrem Tod Stadtgespräch war, wusste schon, warum sie zu ihrer letzten Party lud.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 31.10.2008/bre)
Russland unter Putin
und ich dachte immer, ich wäre die Einzige, die ganz fasziniert die Todesanzeigen liest, sich das Alter des Verstorbenen ausrechnet und die Namen der Angehörigen vor sich hinmurmelt...!