Tod von Dean Potter Verrückt nach Risiko

Grenzen setzte er sich nur selbst: Weltklasse-Kletterer Dean Potter mit seinem Hund Whisper auf einer seiner Bergtouren.

(Foto: dpa)

Dean Potter galt selbst bei Extremsportlern als extrem. Die Todesnähe bei seinen Sprüngen empfand er als "höchste Form der Spiritualität". Nun kamen er und ein Mitstreiter bei einem Wingsuit-Sprung im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien ums Leben.

Von Titus Arnu

Das Video "When Dogs Fly" gibt einen kurzen Einblick in Dean Potters wahnwitzige Welt der Schwerkraft. Das Anschauen des 2,42 Minuten kurzen Clips kann selbst bei Menschen ohne Höhenangst erhöhten Puls, feuchte Hände und Zähneklappern auslösen. Potter klettert da auf den Magic Mushroom, einen pilzförmigen Felsen, der aus der Eiger-Nordwand herausragt. Wie fast immer ist er nicht gesichert. Auf den Rücken hat er sich seinen Hund Whisper geschnallt, einen kleinen Australian Cattle Dog, der eine Flugbrille trägt. Dann stößt sich Dean Potter ab - und rast zusammen mit seinem Hund entlang der Eiger-Nordwand in die Tiefe.

Hat der Extremsportler vor dem Absprung vom Magic Mushroom irgendwelche Mut machenden Substanzen eingenommen? Möglich. Wer den Weltklasse-Kletterer persönlich kennenlernte, dem fielen seine sanfte, singende Stimme, seine entspannte Art, sein Dauergrinsen auf. Es wirkte, als ob er ständig bekifft war. Insider behaupten an dieser Stelle gerne, das "als ob" könne man streichen. Ziemlich abgehoben war der Mann auf jeden Fall, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

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Base-Jumping mit Flughund an der Eiger-Nordwand: Ist so etwas noch Sport? Oder ein Flirt mit dem Tod? Wingsuit-Springer werden immer wieder kritisiert für ihre allzu waghalsigen Aktionen, jeden Sommer kommen Dutzende Athleten bei dieser besonders gefährlichen Spielart des Extremsports ums Leben. Nun hat es auch einen der erfahrensten unter ihnen erwischt. Dean Potter, 43, ist bei einem Sprung vom Taft Point, einer 2300 Meter hohen Klippe im Yosemite-Nationalpark, ums Leben gekommen, zusammen mit seinem Mitstreiter Graham Hunt, 29. Die beiden wollten mit ihren fledermausartigen Anzügen zwischen zwei Felsen hindurchzischen und danach die Fallschirme ziehen - doch sie verfehlten den Spalt und prallten gegen die Felswand.

An Verbote hielt sich Potter aus Prinzip nicht

Base-Jumpen ist im Yosemite-Nationalpark eigentlich verboten. Aber an Verbote hielt sich Potter aus Prinzip nicht. Er war ein Einzelgänger, ein Anarcho, er liebte das Klettern vor allem, weil es dabei "keine Regeln gibt", wie er mal sagte. Sein Freiheitsdrang brachte ihm öfters Kritik und Probleme ein. Viele Male wurde er von der Parkverwaltung aus dem Yosemite verbannt, weil er sich nicht an die Regeln hielt. 2006 wendete sich sein damaliger Bekleidungssponsor Patagonia von ihm ab, weil er auf den Delicate Arch in Utah geklettert war, ungesichert und alleine. Dieser bröckelige Felsbogen steht unter Naturschutz und darf nicht betreten werden. 2014 beendete ein anderer Sponsor die Zusammenarbeit mit Potter, weil er mit seinen Aktionen nicht mehr als Vorbild gelte.

Solche Einwände bestärkten den Ausnahme-Athleten nur bei dem, was er tat. Wenn er sich danach fühlte, kraxelte er auch an Bergen herum, die offiziell gesperrt sind, etwa weil sie als Indianer-Heiligtum gelten. Und weil ihm das Klettern ohne Seil und Haken anscheinend nicht mehr genügte, erfand er die Disziplin free base: freies Klettern an großen Wänden mit anschließendem Wingsuit-Sprung, gerne auch mit Hund im Fluggepäck.

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Potter glaubte, das Risiko im Griff zu haben, weil er stets "superfokussiert" und superkonzentriert" sei. "Seit mehr als zwei Jahrzehnten mache ich die gefährlichsten Outdoor-Kunststücke, manche sagen, ich sei irgendwie verrückt und verantwortungslos", meinte Dean Potter noch im vergangenen Jahr im Gespräch mit der SZ. "Ich hatte aber niemals eine ernsthafte Verletzung - weil ich immer auf meine innere Stimme gehört habe." Die Todesnähe bei seinen Sprüngen empfand er als "höchste Form der Spiritualität".

Dean Potter erzählte damals auch von seinen wiederkehrenden Albträumen, in denen er ohne jegliches Hilfsmittel durch die Luft rast, ungebremst abstürzt - und kurz vor dem tödlichen Aufprall noch aufwacht. Dieser Albtraum ist nun leider wahr geworden. Potter hinterlässt seine langjährige Lebensgefährtin Jennifer Rapp, ihre drei Kinder - und Whisper, den berühmten Flughund.

Info

SZ-Autor Hans Gasser hat Dean Potter im Oktober 2013 getroffen. Sein Porträt des Extremsportlers können Sie auf Gassers Blog nachlesen.