Von Martin Zips

"Na, wie geht's, Schnuffel?" Warum eine Münchnerin in Brandenburg Armenspeisungen für Haustiere organisiert - und sich damit harsche Kritik einhandelt.

Schon kommen die ersten Tierbesitzer, reihen sich diszipliniert in die immer länger werdende Schlange ein. Die Menschen, die hier warten, sind Hartz IV-Empfänger. Sie stehen an der "Tiertafel" im brandenburgischen Rathenow an. Ihr Geld reicht hinten und vorne nicht. Mit 345 Euro im Monat - plus staatlicher Zuschüsse - müssen sie nicht nur sich, sondern auch ihr Haustier durchfüttern. Deshalb sind die Menschen froh, dass es die Tiertafel gibt.

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Überall bellt und kläfft es: Plakat der Tiertafel. (© Foto: Zips)

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Rolf, ein bärtiger Mann in Jeanskluft, ist Mitte 50. "Früher habe ich wie alle hier in einem der Optikwerke gearbeitet." Nun kehrt Rolf Woche für Woche auf das Gelände zurück, auf dem nun nur noch Industrieruinen stehen. Er sagt, er sei froh, dass er in diesen Zeiten wenigstens das Futter für seinen Terrier Sammy noch umsonst bekomme. So spare er 60Euro monatlich. "Sammy hat mich noch nie im Stich gelassen. Meine Freunde und Arbeitskollegen schon." Überall bellt und kläfft es. Eine 35 Jahre alte Frau, die mit Hund und Kind zur Tiertafel gekommen ist, begrüßt einen Bekannten und herzt seinen Mischling. "Na, wie geht es, Schnuffel?", fragt sie. "Der Kleine ist immer noch ganz schön wild", sagt der Mann. Die beiden kennen sich vom Jugendsommerlager in der DDR. "Seit der Wende bin ich nie wieder in den Urlaub gefahren", sagt die Frau.

Zu Besuch im 28000-Einwohner-Städtchen Rathenow, der ehemaligen Optikerstadt der DDR. Im Rathaus informiert eine Ausstellung über die Methoden der Stasi: Abhörmikrophone sind zu sehen und in Gießkannen versteckte Fotoapparate. Gleich neben dem Rathaus finden sich viele verlassene Industriebauten, in denen vor der Wende noch Tausende von Arbeitern Brillengläser schliffen und Gestelle bogen. Seit Jahren stehen die Gebäude nun leer. Die Arbeitslosenquote in Rathenow beträgt 15 Prozent. In eine dieser Industrieruinen trägt Claudia Hollm gerade mit ehrenamtlichen Helfern schwere Säcke mit Tierfutter. Spenden der Tiernahrungsindustrie an die Tiertafel Rathenow.

Claudia Hollm, 44, ist gelernte Hotelkauffrau und Programmiererin. Sie stammt aus München und ist froh darüber, dort nicht mehr zu leben: "Zu viel Schickimicki". "Ganz bewusst" sei sie mit ihrem Mann nach Rathenow gezogen. "Wir haben ein hübsches Häuschen hier, direkt am Wald." Kinder hat das Paar keine, aber drei Hunde, eine Katze und Pflegekaninchen. Claudia Hollm ist die "Mutter aller Tiertafeln" in Deutschland. 18 solcher Einrichtungen gibt es, 600 Mitglieder unterstützen Hollms Idee aktiv oder mit Geld. 3000 Deutsche versorgen bei Tiertafeln ihre Lieblinge. Hamburg und Berlin etwa melden die Verteilung von je 700 Kilo Tierfutter wöchentlich. 31 weitere Ausgabestellen sind in Planung. "Wenn wir uns um die Tiere kümmern, kommt das auch den Menschen zugute", sagt Hollm. "Denn Tiere geben den Menschen Hoffnung".

"Abartig" und "widerlich"

Ursprünglich waren Tafeln nur für Menschen gedacht. Vor genau 15 Jahren hatte die Berliner Familienpflegerin Sabine Werth nach dem Vorbild der New Yorker Initiative "City Harvest", bei Bäckern, Obst- und Gemüsehändlern damit begonnen, alles einzusammeln, was sich nicht mehr verkaufen ließ. Die Spenden leitete sie an bedürftige Menschen weiter. Ist Hollm die Mutter aller Tiertafeln, so ist Werth die Mutter aller Armentafeln in Deutschland.

800 dieser Einrichtungen versorgen mittlerweile gut eine Million Menschen. Tafeln sind zur Boombranche geworden. Nicht nur, weil das Angebot von immer mehr Bedürftigen angenommen wird. Auch, weil sich immer mehr Supermarktketten an der Idee beteiligen: So sparen sie sich die Entsorgungskosten. Spendenquittungen bringen oft finanzielle Vorteile. Wer zehn Kisten Äpfel beisteuert, bekommt eine Spendenquittung über den Warenwert von zehn Kisten Äpfeln - egal, wie genießbar sie noch sind.

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