Tierschutz Länder wollen Zirkussen Wildtiere verbieten

Zirkusbär Ben wurde am Montag beschlagnahmt.

(Foto: dpa)
  • Der Bundesrat stimmt heute über einen Antrag ab, der zum Ziel hat, bestimmte Wildtierarten im Zirkus zu verbieten.
  • Die Länder wollen auf Initiative von Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen die Haltung von Elefanten, Großbären, Giraffen, Nashörnern, Nilpferden und Affen verbieten.
  • Gegner sagen: Ein Verbot würde die Existenz zahlreicher Zirkusunternehmen in Frage stellen.

Einer der letzten Zirkusbären in Deutschland ist kürzlich in Bayern beschlagnahmt worden. Der 22 Jahre alte Braunbär Ben war im Beisein eines Amtsveterinärs aus seiner Box eines fahrenden Zirkus auf dem Volksfestplatz im bayerischen Plattling (Landkreis Deggendorf) geholt worden. Das Landratsamt hatte festgestellt, dass sich der Bär unbetreut, ohne Futter und Wasser, ohne Beschäftigungsmöglichkeit und ohne Zugang zum Außenbereich im fensterlosen Drittel seines Transportwagens befand.

"Arbeitskollegen" von Ben gibt es viele: Elefanten, die balancieren, Tiger, die durch Reifen springen, Affen, die als Clowns verkleidet werden. Kunststücke mit Wildtieren sind aus dem Zirkus kaum wegzudenken - das soll sich jetzt ändern.

Die Länder wollen auf Initiative von Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen die Haltung von Elefanten, Großbären, Giraffen, Nashörnern, Nilpferden und Affen (nichtmenschlichen Primaten) in Betrieben, die die Tiere an wechselnden Orten zur Schau stellen, verbieten. Mit einem Entschließungsantrag, der an diesem Freitag beschlossen werden soll, will der Bundesrat die Bundesregierung zum Handeln auffordern. Eine artgerechte Haltung von Wildtieren sei in Zirkussen nicht möglich, so die Argumentation.

Darum leiden Tiere im Zirkus

Weiblichen Elefanten etwa fehle in Zirkussen meist der wichtige Sozialkontakt, sagt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. Tiger wiederum seien oft, entgegen ihres natürlichen Verhaltens, in ihrer Bewegung stark eingeschränkt. Die Tiere leiden in Zirkussen, so die Länder. Das führe auch vermehrt zu Zwischenfällen wie in Baden-Württemberg im vergangenen Sommer, als Elefantenkuh "Baby" aus einem Zirkus ausriss und einen Spaziergänger tötete.

Auch die Überwachung der Tierhaltung klappt aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes nicht. Zwar gäben Zirkusleitlinien vor, wie jedes Tier zu behandeln sei, sagt Schmitz. Diese Leitlinien seien aber nicht rechtlich bindend.

Einer der letzten Zirkusbären Deutschlands beschlagnahmt

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409 Verstöße bei 895 Kontrollen

Bei 895 Kontrollen von Veterinärämtern wurden nach einer Anfrage der Grünen Fraktion von 2014 bei der Tierhaltung in Zirkussen in einem Jahr 409 Verstöße festgestellt. Zu selten kommt es aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes zu Konsequenzen - wie im Fall des Braunbären Ben.

Ob ein erfolgreicher Entschließungsantrag in der Bundesregierung auf Gehör trifft, ist fraglich. Bereits 2003 und 2011 gab es ähnliche Vorstöße. Das Landwirtschaftsministerium sieht seine Hände aber gebunden: Ein Verbot sei nach dem Tierschutzgesetz nur dann möglich, wenn die Tiere an wechselnden Orten nur unter erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden gehalten oder transportiert werden könnten, so eine Sprecherin. Von den Ländern gebe es dazu keine ausreichenden Erkenntnisse. "Der Einführung eines solchen Verbots sind verfassungsrechtlich hohe Hürden gesetzt."

Zirkus-Szene hält Verbot für überflüssig

Die Hürden, von denen die Rede ist, sind Eingriffe vor allem in die Berufsfreiheit. Ein Tierlehrer, der auf Elefanten spezialisiert sei, könne nicht plötzlich ein anderes Tier trainieren, erklärt Frank Keller vom Berufsverband der Tierlehrer. Er könne auch nicht einfach in einem Zoo arbeiten. Ein Verbot wäre aus Sicht der Gesellschaft der Circusfreunde, der etwa 2000 Mitglieder aus der Zirkus-Szene angehören, völlig überflüssig. Viele Zirkusse gingen inzwischen längst von sich aus über die Anforderungen der Leitlinien weit hinaus, sagt Präsident Helmut Grosscurth. Und für viele Betriebe seien die Tiere überlebenswichtig: "Ein Verbot bestimmter Tierarten im Zirkus würde die Existenz zahlreicher Zirkusunternehmen in Frage stellen."

Außerdem: Die Zirkus-Wildtiere seien nicht mehr "wild", sagt Keller. Die meisten seien in menschlicher Obhut geboren und hätten andere Anforderungen als ihre wilden Artgenossen. Dem stimmt Tierarzt Jörg Pfeiffer zum Teil zu. Er arbeitet für ein Veterinäramt, das unter anderem Zirkusse kontrolliert. "Wenn man Funktionen ersetzt, braucht das Wildtier nicht all das, was es in der wilden Freibahn macht."

Affen und Bären kann man aus seiner Sicht nicht artgerecht halten, auch die Haltung von Elefanten sieht er kritisch. Bei Löwen dagegen wäre das unter bestimmten Umständen möglich. Voraussetzung aber sei, dass der Zirkus Sachkunde hat, sagt Pfeiffer. Aber einige Zirkusbetriebe seien auf dem Stand von vor 20 Jahren, und es gebe nur wenige Fortbildungsmöglichkeiten für die Tierlehrer. Deswegen fordert Pfeiffer Kurse, die eigens für Zirkusse entwickelt werden. Doch: "Ein Verbot für Wildtiere jeglicher Art halte ich nicht für gerechtfertigt."