SZ: Wie äußert sich das?

Die Psychotherpaeutin Claudia Haarmann hat sehr intime Berichte von Frauen im Alter von 20 bis 70 Jahren aufgezeichnet (© Foto: SZ)

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Haarmann: Unsere Mütter-Generation hatte ja noch die Vorstellung, dass Sexualität eigentlich Männersache sei - nach dem Motto: Ich tu's, aber vor allem für ihn. Wenn ich nun mit jungen Frauen unter zwanzig rede, dann sagen die: "Ich habe zum ersten Mal mit meinem Freund geschlafen, denn der wollte das unbedingt. Und ich hab' einfach Angst gehabt, der würde sich 'ne andere suchen, wenn ich das nicht mitmache." Mädchen haben eine rosarote Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit. Wenn sie aber mit dem Wunsch nach Sex konfrontiert werden, gehen sie über dieses innere Gefühl immer wieder hinweg.

SZ: Sind Jugendliche heute nicht aufgeklärter denn je?

Haarmann: Natürlich findet Aufklärung statt, allerdings meistens in der Richtung, wie man es vermeidet, schwanger zu werden. Über die Lust sprechen Mütter und Töchter nicht. Es gibt nach wie vor Hemmungen, wirklich über Sex zu reden.

SZ: Es scheint insgesamt Offenheits-Defizite zu geben beim Sex. Was sagen Sie zur so genannten "Orgasmus-Lüge"?

Haarmann: Der Orgasmus ist für uns wie eine heilige Kuh geworden. Jeder muss da hin. Was machen denn die vielen Frauen, die keinen Orgasmus bekommen? Was passiert mit denen, die eine halbe Stunde brauchen, um überhaupt erst mal ein Lustgefühl zu verspüren? Die täuschen den Höhepunkt notfalls vor. Laut einer Studie der Berliner Charité haben das 90 Prozent aller Frauen schon einmal gemacht. Weil sie glauben, dieser Orgasmus wird von ihnen erwartet.

SZ: Dem Partner zuliebe?

Haarmann: Genau, damit der das Gefühl hat: Ich befriedige meine Partnerin.

SZ: Schätzen Frauen die Männer denn da richtig ein?

Haarmann: Sehr oft nicht. Ich glaube, dass viele Vorurteile mit im Spiel sind. Zum Beispiel dieses Bild, dass Männer eigentlich immer wollen. Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Männer froh sind, wenn sie mal nicht müssen. Den immer potenten Lover geben sie, weil sie meinen, das müsse so sein. Auch die Männer stehen unter Druck, um der Frau diesen Höhepunkt zu bereiten.

SZ: Sie zitieren eine niederländische Studie, die besagt, dass tatsächlich nur 30 Prozent der Frauen beim Geschlechtsverkehr zum Orgasmus kommen.

Haarmann: Wir halten das ja immer noch für den Ausdruck höchster Liebe, beim Geschlechtsverkehr mit dem Mann einen Orgasmus zu erleben. Das ist bei sehr vielen Frauen aber physiologisch gar nicht möglich; zumindest nicht ohne einen Riesenaufwand von Tricks.

SZ: Die man dann in der Ratgeber-Literatur nachlesen kann.

Haarmann: Es gibt wirklich immer mehr Sex-Ratgeber, darunter auch sehr gute Bücher. Aber Ratgeber knüpfen da an, wo man sich defizitär fühlt. Nach der Devise: Sie haben ein Manko, hier sind drei gute Tipps. So einfach ist es nicht. Viele dieser Bücher verstärken eher noch das Gefühl: So wie da beschrieben läuft es bei mir nicht, also bin ich nicht okay.

SZ: Müssen Frauen beim Sex vielleicht einfach egoistischer werden?

Haarmann: Auf der einen Seite sicher. Aber es geht doch in erster Linie mal darum, herauszufinden: Was macht mir Druck? Was ist mein eigentlicher Wunsch? Es würde auch nicht schaden, wenn wir ab und zu mal wieder auf unseren Körper hören würden. Alle Leistungskriterien zum Thema Sex finden ja im Kopf statt. Aber der Körper lügt nicht. Der weiß genau, was er braucht.

SZ: Was denn?

Haarmann: Ich hatte mal den Fall einer Frau Ende vierzig, die seit vielen Jahren mit ihrem Mann keinen Sex mehr hatte. Was übrigens nicht untypisch ist für langwährende Beziehungen. Sie hatte große Sehnsucht nach Körperlichkeit, aber Angst davor, die Initiative zu ergreifen, weil sie befürchtete, ihr Mann sei nicht mehr so potent. Sie wollte ihn nicht in eine peinliche Situation bringen. Ich habe gesagt: Wie wäre es, wenn Sie mit Ihrem Mann darüber reden und sich morgens einfach zusammenlegen, ohne irgendwas zu tun. Nach einer Woche hat sie mich angerufen, und die beiden hatten zum ersten Mal seit Jahren wieder miteinander geschlafen.

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(SZ vom 30.5.2006)