Thailand Nicht ohne meine Puppe

Glücksbringer und Kind-Ersatz: Puppen-Medium Mae Ning mit der Jungenpuppe "Diamant" und der Mädchenpuppe "Edelstein".

(Foto: privat)

Sie bekommen im Restaurant den Kinderteller und im Flugzeug einen eigenen Sitz: "Luk Thep", Engelskinder, sind in Thailand sehr populär. Woher kommt die skurrile Liebe zu den Plastikwesen?

Von Arne Perras

Kürzlich hatte Frau Rungnapa wieder mal Ärger. Und sie wollte sich alles von der Seele reden. Da war sie froh, dass die kleine Keota neben ihr saß. "Ich spreche immer mit ihr, wenn es nicht so gut läuft," sagt die Blumenhändlerin. "Danach geht es mir viel besser."

Frau Rungnapa hat ihren Stand auf einem Markt im Norden Bangkoks aufgebaut. Sie ist recht füllig und trägt verschlissene Arbeitskleidung, graues T-Shirt und blaue Schürze. Sie bindet gerade Marigold-Blumen, die sie als Gaben für den Tempel verkauft. Ihre Begleiterin Keota sitzt fein herausgeputzt daneben. Sie steckt in einem rosa Kleid und strahlt mit dunklen großen Augen in die Welt. Sie verzieht keine Miene, wenn die Verkäuferin sie mit ihren Sorgen bombardiert. Wie könnte sie auch. Keota ist eine Puppe.

Ihr Name bedeutet: "Nah am Herzen". Da gehöre sie hin, sagt die Verkäuferin und hält sich die Hand auf die Brust. Wenn sie von Keota spricht, lächelt sie so stolz, als ginge es um ihre leibliche Tochter. "Meiner Puppe kann ich alles erzählen. Wenn ich mit meinen Freunden über meinen Kummer reden will, habe ich das Gefühl, dass die das gar nicht hören wollen."

"Luk Thep" heißen solche Puppen in Thailand. Engelskinder. Erwachsene tragen sie mit sich herum, vor allem Frauen der städtischen Mittelklasse. Manche gehen mit ihnen überall hin. In den Tempel, wo die Puppen schon mal den Segen eines Mönchs bekommen. Ins Restaurant, wo sie wie normale Gäste mit am Tisch sitzen. Oder gar ins Flugzeug, was kürzlich für größeres Aufsehen sorgte, weil eine thailändische Fluglinie damit warb, dass man für seine Puppen eigene Sitze und Mahlzeiten buchen könne. Spätestens in diesem Moment wollte man doch etwas näher erkunden, was es mit den so genannten Engelskindern und ihren Liebhabern auf sich hat. Woher kommt die Puppenmanie? Und muss man sich Sorgen machen?

Doktor Yongyud Wongpiromsarn von der staatlichen Behörde für geistige Gesundheit hat sich das auch schon gefragt. Er wird noch darüber sprechen, sorgt sich aber zunächst, dass die Puppenliebe so heftigen Streit ausgelöst hat. "Die Leute sollten etwas mehr Verständnis füreinander aufbringen", rät der Arzt salomonisch. "Schließlich wissen doch alle, wie stark der Geisterglaube bei uns verwurzelt ist."

Ein Medium kann dem Wesen eine Seele einhauchen - gegen 400 Euro Gebühr

In Gestalt der Engelskinder hat der Glaube an übernatürliche Kräfte nun einen Platz in der städtischen Konsumgesellschaft Thailands erobert. Die Puppen bedienen einen wachsenden Markt. Umso mehr, seitdem Fernsehstars und DJs öffentlich ihre Puppen vorführten und versicherten, dass sie ihren Erfolg den Puppen verdanken. Es gibt "Luk Thep" schon seit einigen Jahren, aber erst in jüngster Zeit haben sie sich so stark verbreitet, beobachtet Psychiater Yongyud. Als Glücksbringer gelten sie vor allem dann, wenn sie gesegnet werden. Zum Beispiel von Mae Ning, einer Frau, die es in der thailändischen Puppenwelt zu beachtlicher Bekanntheit gebracht hat.

Eigentlich möchte die 49-Jährige jetzt nicht gerne darüber reden, aber nach langem Hin und Her bittet sie doch in ihr Haus, das rosa getüncht in einem wohlhabenden Viertel nordöstlich von Bangkok liegt. Der Streit um "Luk Thep" sei nicht gut, sagt sie, so viele müssten sich nun rechtfertigen, warum sie an "Luk Thep" glauben. Das ist nicht unbedingt günstig für Mae Ning und ihre Geschäfte. Denn zu ihr kommen Menschen, die mehr als eine Puppe wollen. Mae Ning soll ihnen einen Geist einhauchen. Ihre Anhänger haben keinen Zweifel daran, dass sie das kann. Die Thailänderin bezeichnet sich als Medium der Hindu-Gottheit Parvati, so dass viele Menschen an ihre besonderen Fähigkeiten glauben.

Die Geschöpfe sind eine andere Form des Selfies: ein magisches zweites Ich

Draußen dämmert es, und Mae Ning hat sich auf dem Sofa niedergelassen. Auf ihrem Schoß sitzen rechts der Puppenjunge "Diamant" und links das Puppenmädchen "Edelstein". Diese beiden hat sie besonders in ihr Herz geschlossen. "Sehen sie nicht aus, als wären sie lebendig?" Aus ihrem Mund ist das eine rein rhetorische Frage. Die Puppen, von denen Dutzende das Zimmer bevölkern, bestellt sie in Amerika. Es gibt sie in vielen Ländern zu kaufen, nur dass sie eben für Thailänder oft keine gewöhnlichen Puppen sind, schon gar nicht, wenn sie von Mae Ning entsprechend hergerichtet wurden.

Wie der Geist in die Puppe kommt, will sie nicht verraten. Berufsgeheimnis. Zu sehen ist nur, dass neben dem Sofa kopflose Exemplare liegen, die offenkundig noch darauf warten, beseelt zu werden. Für ihre Kundinnen achtet Mae Ning darauf, dass die Puppe der Käuferin möglichst ähnlich sieht. Dafür wird sie entsprechend gekleidet und frisiert. "Schauen Sie nur, ,Edelstein' sieht aus wie ich," sagt sie. Das alles hat dann aber auch seinen Preis. Gesegnet und eingekleidet, mit Kette, Armreif und weiterem Schmuck behängt, kostet so eine Puppe umgerechnet knapp 400 Euro. Manche Liebhaber erzählen, sie hätten für ihre Puppen mehr als 600 Euro gezahlt.

Magische Objekte haben eine lange, teils makabere Geschichte in Thailand. Weithin bekannt ist der Glaube an "Kuman Thong", den "Goldjungen". Nach den Überlieferungen nutzten Zauberer früher abgestorbene menschliche Föten für ihre schwarze Magie. Sie rösteten die Körper, um so den Geist eines ungeborenen Kindes zu konservieren. Manche wurden danach in Blattgold gehüllt, was ihnen den Namen gab. Später formten sie Figuren aus Lehm und Asche, die sie von Friedhöfen holten. "Luk Thep ist eine neue Form des magischen Objekts", sagt der Anthropologe Visisya Pinthongvijayakul. Besonders Frauen fühlten sich angesprochen. "Genauer betrachtet ist ,Luk Thep' eine Form des Selfies", sagt er. Ein zweites Ich, das übernatürliche Kräfte besitzt. Für alle, die daran glauben, werde die Puppe so zum Über-Ich, das seine Mutter beschützt, sagt der Anthropologe.

Dazu passt, was eine 17-jährige Kellnerin an der Shopping-Meile Sukhumvit erzählt. Die Treue ihres Freundes habe sie vor allem ihrer Puppe zu verdanken, glaubt sie. Lange habe sie sich Sorgen gemacht, dass er fremdgehen könnte. Also hat sie den Geist ihrer Puppe losgeschickt, um das zu checken. Dann erzählte der Freund irgendwann, dass er einen Kindergeist gesehen habe, der sich neben ihm ins Bett legte. Das war natürlich kein anderer als der magische Spion, das Engelskind. Seither ist die Kellnerin beruhigt. Solange sich ihr Freund beobachtet fühle, bleibe er brav, sagt sie. "Luk Thep" sei Dank!

Taxifahrer Supachai Tutee hat indessen beschlossen, dass er keinesfalls mehr Frauen mit Puppen transportiert, seitdem ihm sein Kollege diese Geschichte erzählte: Kam also eine Kundin mit ihrer Puppe an und wollte schnell in die Stadt. Doch dann beklagte sie sich, dass er so ruppig fahre. Ihrer Puppe sei es schon ganz schlecht. Gleich müsse sie sich übergeben, was sie als Mutter unmöglich zulassen könne. So musste er anhalten und war die aufgebrachte Kundin wieder los. "So eine kommt mir nicht ins Taxi," sagt Tutee. "Die sollen sehen, wie sie weiterkommen."

An seltsamen Berichten herrscht kein Mangel: Mal heißt es, eine Frau habe ihre Puppe mit zum Computerkurs gebracht, damit sie das Programmieren lerne, ein anderes Mal forderte eine Mutter im Spa, ihr Engelskind solle eine Massage bekommen. Auch Psychiater Yongyud hat von solchen Fällen gehört. "Solange sich Leute mit Puppe besser fühlen als ohne Puppe, ist dagegen nichts einzuwenden", sagt er. Leute halten sich ja auch Hunde als Freunde. "Aber wenn so eine Puppe plötzlich alles dominiert, ist das ein Alarmzeichen. Dann sollten sich die Leute fragen: Wo liegt mein wahres Problem?"

"Meine Puppe nimmt mir die Angst, sie hat viel positive Energie."

Manchmal scheint es so zu sein, dass Mütter, die Kinder verloren haben oder selbst keine bekommen können, nach Ersatz suchen. Andere quält ganz offenkundig die Einsamkeit in der Megacity. Wer in Bangkok arbeitet, vermisst häufig seine Familie, die draußen auf dem Land wohnt. Womöglich ist das noch nicht alles: "Die Leute wollen sich an etwas festhalten", sagt der Arzt Yongyud. "Das kann auch damit zu tun haben, dass in unserer Mittelklasse zunehmende Orientierungslosigkeit herrscht." So gesehen sind die Puppen ein Symptom der ökonomischen und politischen Krise. Es regiert das Militär, wann es demokratische Wahlen geben wird, ist nicht sicher. Politisch geht kaum etwas voran, so dass sich Gefühle von Frust und Ohnmacht breitmachen. Wohin das Land steuert, ist für viele gar nicht mehr erkennbar. ",Luk Thep' spiegelt diese Unsicherheit wieder", lautet die Interpretation des Anthropologen Visisya.

Der Blumenhändlerin Rungnapa bleibt wenig Zeit, um über die Politik nachzudenken. Sie weiß nur eines: "Meine Puppe nimmt mir die Angst, sie hat viel positive Energie." Und noch etwas bringe sie mit, was ihr die eigenen Kinder nicht bieten könnten. "Meine Puppe schimpft nicht, jammert nicht, fordert nicht." Sie blickt nur, ewig lächelnd, in die große weite Welt.