Mit ungeheurer Zerstörungskraft rollen Riesenwellen über die Küsten Südostasiens. Sie überraschen die Menschen auf dem Wasser und an Land aus heiterem HImmel. Mehr als 15.000 blieb keine Chance. Von Manuela Kessler

Es gab kein Entkommen vor diesem Monster, das sich unvermittelt aus dem Meer erhob. Die Wellen türmten sich am Horizont tosend auf zu einer schäumenden Wand. Hoch wie eine Staumauer, so weit das Auge reichte, sind sie mit unbändiger Wucht über den Indischen Ozean gerast, haben Hunderte von Fischerbooten und Dutzende von Taucheryachten unter sich begraben und sind über den asiatischen Küstengebieten grausam zusammengeschlagen.

Anzeige

Niemand hatte Alarm gegeben, nachdem ein Erdbeben am Sonntagmorgen den Norden der indonesischen Insel Sumatra erschüttert hatte. Die Uhr zeigte 7.59 Uhr Ortszeit. Der nationale Erdbebendienst ortete das Epizentrum rund 150 Kilometer südlich der Stadt Meulaboh tief im Meer und vermeldete fälschlicherweise eine Stärke von 6,8 auf der Richterskala.

Das war alles. Keine Rede von rund einem Dutzend Erdstößen, die gewaltige Verwüstungen angerichtet haben in der indonesischen Provinz Aceh. Hotels und Moscheen sind wie Kartenhäuser zusammengefallen, Strommasten und Telefonstangen wie Zündhölzer weggenickt, die wenigen Straßen, welche das Gebiet mit dem Rest des Landes verbinden, sind geborsten.

Das Erdbebengebiet lag vom Rest des Landes abgeschnitten. Keine Informationen über die Katastrophe erreichten zunächst die Außenwelt, weil seit 18 Monaten eine Nachrichtensperre über Aceh hängt, wo sich die indonesische Armee und Rebellen einen Dschungelkrieg liefern. Angst und Schrecken herrschten. Wer konnte, rannte angesichts der Flutwellen, die auf die Erdstöße folgten, um sein Leben.

Aceh befand sich im Zentrum des stärksten Erdbebens der vergangenen 44 Jahre, das eine Gewalt von 8,9 Punkten auf der Richterskala besaß, wie das geologische Überwachungszentrum der USA konstatiert, als sich das unbeschreibliche Ausmaß der Flutkatastrophe abzuzeichnen beginnt in Indonesien und Thailand, Bangladesch und Indien, Sri Lanka und auf den Malediven, die fast 2000 Kilometer entfernt vom Epizentrum liegen.

Die Zahl der Toten stieg im Verlauf des Tages von Hunderten in die Tausende, bei etwa 15.000 Todesopfern sind die Zählungen am Montagvormittag angekommen, und ein Ende der Schreckensnachrichten ist nicht abzusehen. Mindestens eine Million Anwohner des Indischen Ozeans sind von den Flutwellen in Mitleidenschaft gezogen worden.

"Keine Erdstöße dieser Kraft haben die Welt seit 1960 mehr erschüttert, als in Chile ein Beben von 9,5 Punkten zu verzeichnen war", erklärte die amerikanische Geologin Julie Martinez. Der Grund: "Entlang des Andamanen-Grabens, der sich 40 Kilometer unter der Meeresoberfläche befindet, ist eine tektonische Platte über eine Länge von 1000 Kilometer weggebrochen."

Der wahnsinnige Druck sandte riesige Schockwellen durch den Ozean, die das Wasser zu bis zu zehn Meter hohen Wellenbergen, "Tsunamis" auftürmten, die mit über 500 km/h auf die Küstengebiete zurasten.

Die Sonne steht strahlend am Himmel über der südthailändischen Ferieninsel Phuket, als sich am Horizont plötzlich eine weiße Wand aufbaut. Es ist elf Uhr vormittags. Die Taucher sind mit Yachten hinausgefahren zu Korallenriffen, die Müßiggänger räkeln sich am Strand. Erst ist es nicht mehr als ein Raunen, das durch die Reihen der Liegestühle geht, sagt ein deutscher Tourist in die Fernsehkameras von Channelnewsasia.

Lautlos schiebt sich die Wand auf die Küste zu. Sekunden verstreichen in ungläubigem Schock, bevor die Sonnenbadenden aufspringen und zu den Bungalows des Hotels rennen. Ein wüstes Schieben und Drängen setzt in der Panik ein. Jeder versucht so weit weg und so hoch wie nur möglich zu gelangen. Das Tosen der Fluten erstickt jeden anderen Gedanken, als die haushohe Welle keine 20 Meter vom Strand bricht.

Das Wasser überschwemmt nur einen kleinen Teil der Ferienanlage. Alle atmen auf. Das thailändische Personal sammelt die ungekippten Stühle ein, als sich Minuten später eine viel größere, zweite Mauer im Meer aufbaut. Wohin? Die Menschen rennen die Straße hoch, klettern auf Palmen. Die Flutwelle zerreißt die Bungalows am Strand, als seien sie aus Papier, und die dritte Front rast im Wasser bereits heran.

Autos und Boote wirbeln durch die Luft. In zehn Minuten ist der Spuk vorbei. Zurück bleibt eine einzige Verwüstung. Im Wasser treiben Trümmer und Leichen. Auf Phi Phi, wo der Psychothriller "The Beach" gedreht wurde, werden 200 Bungalows ins Meer gespült - einige samt Bewohnern und Angestellten.In den berühmten Smaragdhöhlen vor der Küste sind zeitweilig 80 Taucher eingeschlossen. Zwei Sportler aus Malaysia kommen dabei um.

Auf den Malediven wird der Notstand ausgerufen. Flutwellen hätten zwei Drittel der Hauptstadt Male unter Wasser gesetzt, zu vielen Inseln könne kein Kontakt aufgenommen werden, sagt ein Regierungssprecher: "Wir befürchten, dass etwa zehn Menschen getötet und etwa 30 weitere verletzt wurden." Die etwa 1200 Inseln umfassenden Malediven liegen teilweise nur ein bis zwei Meter über dem Meeresspiegel vor der Südspitze Indiens. Urlauber berichten, ganze Hotelanlagen seien weggespült worden.

In Lastwagen werden die Toten abtransportiert in Madras (Chennai), der Hauptstadt des südindischen Bundesstaats Tamil Nadu. Die meisten Fischer befinden sich in ihren kleinen Holzbooten auf hoher See, als die tödlichen Wogen anrollen. Hunderte Familien genießen den Sonntag auf der Strandpromenade, die Kinder lassen Drachen fliegen und spielen Cricket.

In einer Hütte am Strand sitzt die Fischersfrau Lakshmi beim Frühstück mit ihren Kindern, als plötzlich Wasser durch die Türe strömt. Sie bringen sich gerade noch in Sicherheit, ehe Sekunden später ihr Hab und Gut in den Wellen verschwindet. Der Gestank von Verwesung liegt in der Luft.

Wehklagende Verwandte haben sich um die am Strand liegenden Leichen versammelt. Schätzungsweise 400 Fischer und 200 hinduistische Gläubige, die ein läuterndes Morgenbad nahmen, werden allein in Tamil Nadu vermisst.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Der Trauertänzer

"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...

(SZ vom 27.12.2004)