Täterprofil von Tim K. Kein demographisches Merkmal

Nach dem Amoklauf in Winnenden wird darüber diskutiert, wie Tim K. zum Täter werden konnte. Dabei werden auch gängige Vorurteile wie Computerspiele, Rockmusik und Horrorfilme bedient.

Fassungslos standen die Menschen an der Gedenkstelle für die Opfer des Amoklaufs von Winnenden. Sie zündenten Hunderte Kerzen an, sie hielten sich an den Händen, sie sprachen über die schreckliche Tat des 17-jährigen Tim K., der am Mittwoch 15 Menschen und am Ende sich selbst getötet hatte. Inmitten der Kerzen lag ein Zettel, auf dem in großen Lettern stand: "Warum?" Wie kann ein junger Mann aus gutem Elternhaus ohne Zukunftsängste losziehen und Menschen töten.

Es gebe "erste Ansatzpunkte für ein Motiv", sagte der Waiblinger Polizeichef Ralf Michelfelder am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin", am Nachmittag gab die Polizei in einer Pressekonferenz weitere Informationen bekannt. In einem Chat schrieb er kurz vor der Tat, er habe dieses "Lotterleben" satt. "Immer dasselbe, alle lachen mich aus. Niemand erkennt mein Potential." Möglicherweise wurde Tim K. von seinen Mitschülern gemobbt, er soll seinen Eltern einen Brief geschrieben haben, dass sich Mitschüler lustig gemacht und Lehrer ihn ignoriert hätten.

Es wird nun versucht, ein Profil des Täters zu zeichnen. Er habe Tischtennis gespielt, seine Leistungen in der Schule haben in den vergangenen Jahren stark nachgelassen, er hatte eher wenig Kontakt zu Mädchen. Es werden auch gängige Vorurteile bedient: Freunde hatte er offenbar nur wenige, einige sollen angegeben haben, dass Tim K. sie zu Videoabenden einlud und Horrofilme vorführte. Er soll ein Fan von Rockmusik gewesen sein und auch Videospiele wie "Counter Strike" gezockt haben. Man gewinnt den Eindruck, dass sich dieses Profil auf viele Amokläufer anwenden lässt: einsam, Computerspieler, Fan von Rockmusik.

"Ein statisches Täterprofil ist eine falsche Vorstellung, weil es kein demographisches Merkmal ist, ob jemand ein Amokläufer ist", sagt der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann. Viele Jugendliche hören Rockmusik und sind Fans von Horrorfilmen und Computerspielen. Es wäre daher eher außergewöhnlich, würde man auf dem Rechner von Tim K. kein Videospiel finden und wenn er Fan von Heimatfilmen oder Volksmusik gewesen wäre. Die Tatsache, dass ihm die Medien gefallen, die einem Großteil der Jugendlichen gefallen, sei noch kein Eingrenzungsmerkmal für einen Amokläufer.

Dass Tim K. allerdings Zugang zu einer Waffe und diese offenbar auch seinen Freunden bereits gezeigt hatte, wäre laut Hoffmann eher ein Merkmal, ihn als potentiellen Täter zu identifizieren. Auch das Mobbing der Mitschüler oder eine mögliche Identifizierung mit anderen Amokläufern wären Indikatoren. Das von Hoffmann entwickelte "Dynamische Risiko-Analyse-System" würde eher nach diesen Dingen fragen als nach dem Konsum von Videospielen.

Durch diese ersten, inakkuraten Meldungen fühlten sich Fans von Computerspielen in die Ecke getrieben. In zahlreichen Foren wurden Beiträge eingestellt, die sich nicht mit der Tragödie von Winnenden beschäftigten, sondern mit einer möglicherweise aufkommenden Killerspiel-Debatte. Man echauffierte sich darüber, dass die Worte "Ballerspiele" und "Horrorfilme" erwähnt wurden - es hatte gar den Anschein, dass die Mitglieder dieser Foren eine mögliche Debatte um Videospiele mehr erregen würde als die Tat des 17-Jährigen.

Ein statisches Täterprofil verklärt die Tat zu einem extremen Sonderfall und leitet die Verantwortung an abstrakte Dinge wie Videospiele und Horrorfilme ab. Diese Dinge jedoch gibt es in anderen Ländern auch. "Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten das Land mit den meisten Amokläufen in den vergangenen zehn Jahren", sagt Hoffmann. Es bedarf nun einer eingehenden, vorurteilsfreien und ausführlichen Analyse, um herauszufinden, warum das so ist.