Die meisten Menschen verlassen sich auf ihren Sehsinn - doch diese Sicherheit ist trügerisch.
"Haben Sie den Gorilla gesehen?", fragt Heiner Deubel. Als wäre dies eine nahe liegende Frage in einem Büro der psychologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität. Zum Glück scheint Deubel verständnislose Reaktionen gewohnt zu sein und erwartet keine Antwort. "Macht nichts", sagt er. "Das geht den meisten Versuchsteilnehmern ähnlich."
(© Foto: dpa)
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Das Experiment verläuft so: Eine Testperson sieht ein Video (siehe Link unten), auf dem sich Studenten einen Ball zuwerfen. Der Proband soll zählen, wie oft das weiße Team den Ball fängt. Und für denjenigen, der es nicht selbst versucht hat, kaum zu glauben: Fast niemand sieht, dass in dem Getümmel plötzlich ein Mensch im Affenkostüm auftaucht, sich gegen die Brust trommelt und gemächlich wieder aus dem Bild verschwindet.
Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Inattentional Blindness, Blindheit durch Unaufmerksamkeit. Das Gehirn ist so auf die Ballwechsel konzentriert, dass es sonst kaum etwas anderes wahrnimmt.
"Wir sind zwar überzeugt, bei geöffneten Augen alles gleichzeitig zu sehen, doch das ist nur eine Illusion", sagt Deubel. In Wahrheit nimmt der Mensch nur einen ganz kleinen Ausschnitt seiner Umgebung wahr - den, auf dem gerade seine Aufmerksamkeit liegt. Das ist im Prinzip auch sinnvoll.
Denn das Gehirn kann unmöglich alle visuellen Eindrücke verarbeiten. Es muss auswählen, welche Informationen wichtig sind. "Wir haben im Gehirn einfach keine Taktfrequenzen im Gigahertz-Bereich wie ein Computer", sagt Deubel. Wenn sie schnell sind, geben Neurone Signale mit 100 Hertz weiter, also alle zehn Millisekunden.
Leichenzug oder Hochzeit
Was ins Bewusstsein gelangt, hängt unter anderem davon ab, was der Mensch gerade vorhat. Will er zum Beispiel auf einen Gegenstand, etwa eine Tasse, zeigen, verlagert das Gehirn seine Aufmerksamkeit dorthin; und zwar noch bevor er die Tasse anschaut, geschweige denn die Hand hebt.
Auch Stimmungen oder die allgemeine Lebenseinstellung können beeinflussen, was wir wahrnehmen und was nicht: "Ein Mensch, der gerade traurig ist, wird in seiner Umgebung vor allem Dinge sehen, die zu diesem Gemütszustand passen", sagt Petra Stoerig vom Institut für experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf. "Er wird also eher einen Leichenwagen bemerken als einen Hochzeitszug."
Die meisten Menschen verlassen sich auf optische Eindrücke stärker als auf alle anderen Formen der Wahrnehmung. Was man mit eigenen Augen sieht, gilt als sicher. Doch wie trügerisch unser Sehsinn mitunter ist, zeigt auch die Change Blindness, Blindheit gegenüber Veränderungen.
Die amerikanischen Psychologen Daniel Simons und Daniel Levin haben dazu ein verblüffendes Experiment gemacht. Ein Wissenschaftler fragt eine Versuchsperson auf der Straße nach dem Weg.
Während der Proband noch überlegt, laufen zwei Handwerker, die eine Tür tragen, zwischen den beiden hindurch. Unterdessen wird der Wissenschaftler gegen eine andere Person ausgetauscht.
Und selbst wenn diese ganz anders gekleidet ist und der ersten überhaupt nicht ähnelt, bemerkt die Hälfte aller Versuchsteilnehmer keine Veränderung und erklärt den Weg, als ob nichts geschehen sei.
Deubel nennt dieses Phänomen "schauen ohne zu sehen". Der Gefragte schaut sein Gegenüber zwar an, nimmt den Menschen an sich aber gar nicht richtig wahr, weil sein Gehirn schon über den Weg nachgrübelt.
Genauso kann es passieren, dass ein Autofahrer den Blick auf die Straße gerichtet hat und trotzdem den dort querstehenden Lastwagen nicht sieht - etwa weil das Autoradio seine komplette Aufmerksamkeit beansprucht.
Die Aufmerksamkeit des Gehirns, die für eine bewusste Wahrnehmung notwendig ist, wird vor allem durch Bewegungen in der Umgebung, auf die bestimmte Zellen im Gehirn reagieren, von einem Ort zum anderen gelenkt.
Wenn ein Mensch keine Bewegung wahrnimmt, fällt es ihm extrem schwer, Veränderungen zu erkennen. Das zeigen Versuche, bei denen Testpersonen ein Bild gezeigt wird, etwa mit einer Kirche.
"Die meisten merken nichts"
Genau in dem Moment, in dem der Proband blinzelt und dabei die Augen 200 Millisekunden lang geschlossen hat, verändert sich die Position der Kirche. Statt in der rechten Hälfte des Bildes befindet sie sich nach dem Blinzeln in der linken.
"Die meisten Menschen starren auf das Bild und merken nichts", sagt Deubel. "Es kann minutenlang dauern, bis ihnen die Veränderung bewusst wird."
Messungen haben dabei ergeben, dass das Gehirn die Veränderung etwas früher entdeckt, als sie dem Menschen bewusst wird. Das Experiment macht auch deutlich, dass wir keineswegs das ganze Bild im Kopf gespeichert haben. Problemlos können Menschen vermutlich nur etwa drei Aspekte ihrer Umgebung gleichzeitig bewusst registrieren.
Dabei sind zu Beginn des Sehvorgangs noch alle Informationen vorhanden; auf die Netzhaut des Auges treffen alle Signale der Außenwelt ungefiltert. Doch danach folgt eine komplexe Analyse, an der zwischen 30 und 40 Prozent des Gehirns beteiligt sind.
Dabei werden bestimmte Informationen ausgewählt und in elementare Eigenschaften zerlegt. Es gibt Zellen im Gehirn, die nur auf bestimmte geometrische Elemente, etwa Kanten, reagieren und Bereiche, die ausschließlich für die Verarbeitung von Bewegung, Helligkeit oder Farbe zuständig sind.
Ungeklärt ist, wie diese Einzel-Informationen aus zum Teil weit voneinander entfernten Arealen zum bewussten Eindruck werden. Und was passiert mit dem Rest, den wir nicht bewusst wahrnehmen?
Unbewusstes Sehen
Dass viele der unbewussten Informationen irgendwo im Kopf vorhanden sind, zeigen Versuche mit Patienten, deren Augen zwar in Ordnung sind, die aber wegen eines Gehirnschadens auf einer Seite ihres Gesichtsfeldes blind sind.
Der New Yorker Neuropsychologe Oliver Sacks beschreibt eine solche Patientin in seinem Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte": "Manchmal beklagt sie sich, ihre Portionen seien zu klein, aber das kommt daher, dass sie nur von der rechten Hälfte des Tellers isst. Es kommt ihr nicht in den Sinn, dass er auch eine linke Hälfte hat. Manchmal trägt sie Lippenstift und Make-up auf - aber nur auf die rechte Seite ihres Gesichtes. Die linke lässt sie völlig unbeachtet."
Zeigt man solchen Patienten in ihrer blinden Gesichtshälfte Gegenstände, etwa einfache geometrische Formen, kommen sie mit großer Sicherheit auf das richtige Ergebnis.
Sie können sogar auf Dinge deuten, obwohl sie versichern, diese nicht zu sehen. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Blindsight, Blindsehen. Solche Menschen können sehen, ohne dass ihnen dies bewusst ist.
Das schwierigste an solchen Versuchen sei es, die Patienten zum Mitmachen zu bewegen, sagt Neuropsychologin Stoerig. Denn ihnen erscheinen die Experimente sinnlos, da die Hälfte der Welt, in der die Versuche gemacht werden, in ihrem Bewusstsein gar nicht existiert.
Stoerig glaubt, dass auch gesunde Menschen durch unbewusste visuelle Eindrücke beeinflusst werden. Ein umstrittenes Beispiel sind "sublime Bilder", von denen aber niemand so genau weiß, ob dieses Experiment tatsächlich stattgefunden hat.
Demnach sollen in den 50er Jahren während der Vorführung von Kinofilmen extrem kurze Werbebotschaften wie "Trink Coca-Cola" oder "Iss Popcorn" eingeblendet worden sein. Und obwohl sie angeblich so kurz gezeigt wurden, dass die Zuschauer sie nicht bewusst registrieren konnten, soll der Umsatz an Cola und Popcorn nach den Vorführungen drastisch angestiegen sein.
Einen seriöseren Versuch, den Einfluss unbewusster Informationen zu demonstrieren, hat ein Mitarbeiter von Deubel gemacht. Er zeigte Personen Pfeile, die entweder nach links oder nach rechts wiesen. Der Proband sollte entsprechend der Richtung mit der linken oder rechten Hand auf einen Knopf drücken.
Blitzte kurz vor dem eigentlichen Reiz für 50 Millisekunden ein anderer Pfeil auf, regiestrierte der Versuchsteilnehmer diesen überhaupt nicht.
Trotzdem hatte die kurze Einblendung einen merklichen Einfluss: Wies der Pfeil in die umgekehrte Richtung, wie der bewusst wahrnehmbare Pfeil, verlangsamte sich die Reaktion; zeigten beide Pfeile in dieselbe Richtung, drückte die Versuchsperson schneller auf den entsprechenden Knopf.
"Das Gehirn ,sieht' also den ersten Pfeil, obwohl sich die Testperson dessen nicht bewusst ist und kann seine Information sogar interpretieren", sagt Deubel.
Der blinde Fleck
Oft "sieht" das Gehirn sogar mehr, als bewusst oder unbewusst tatsächlich vorhanden ist, was eine weitere Fehlerquelle des Sehsinns und die Ursache vieler optischer Täuschungen ist. Das klassische Beispiel ist der blinde Fleck in unserem Gesichtsfeld, an der Stelle, wo der Sehnerv das Auge verlässt.
Rein physikalisch ist das menschliche Auge an dieser Stelle blind. Wir haben diesen Eindruck nur deshalb nicht, weil das Gehirn die Lücke ausfüllt; es entwirft eine Hypothese darüber, was an dieser Stelle sein könnte.
Doch nicht immer stimmen diese Hypothesen mit der Realität überein. Hält man etwa an die Stelle des blinden Flecks die Abbildung einer unterbrochenen Linie, "sieht" man aufgrund der Interpretation eine durchgezogene.
"Im Grunde ist alles, was wir sehen, nur eine Hypothese über das, was tatsächlich vor sich geht in der Physik", sagt Heiner Deubel.
Und so bestätigen wissenschaftliche Erkenntnisse über das Sehen, was Philosophen von Plato bis Kant schon lange vermutet haben: Dass das, was wir wahrnehmen, unter Umständen gar nicht mehr der Realität entspricht, nachdem es die Windungen unseres Gehirns passiert hat.
Verfolgt man diesen Gedanken konsequent weiter, könnten wir nicht einmal sicher sein, dass es uns überhaupt gibt. Ein Beweis dafür existiert nicht.
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(SZ vom 8.1.2004)
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