Südostasien Die Ware Mensch hat Schiffbruch erlitten

Ein von der Polizei internierter Flüchtling auf der malaysischen Insel Langkawi

(Foto: AFP)

Vor den Küsten Südostasiens sind Tausende Flüchtlinge auf dem offenen Meer gefangen. Thailand hat, unter Druck des Westens, einen Feldzug gegen die Menschenschlepper ausgerufen. Mit dramatischen Konsequenzen für die Menschen in den Booten.

Von Arne Perras, Singapur

Sie tauchen jetzt überall auf vor den Küsten, zum Beispiel an der Nordspitze der indonesischen Insel Sumatra. Schiffe, vollgepackt mit Migranten aus dem Süden Asiens. Schlepperbanden haben sie in diese Gewässer gesteuert. Und wäre alles wie immer, so hätten die skrupellosen Banden ihre Ware Mensch längst an Land gebracht, in einem ihrer Lager versteckt und dann, gegen Bezahlung einer horrenden Summe, ausgelöst. Nur ist jetzt nichts mehr wie früher, das Schleppergeschäft in Südostasien ist unter Druck geraten. Mit dramatischen Konsequenzen für die geschleusten Menschen in den Booten, die nun nicht mehr landen können.

Die International Organisation of Migration (IOM) schätzt, dass etwa 8000 Migranten vor den Küsten in Booten dümpeln. Die Migranten, die zumeist aus Myanmar oder Bangladesch kommen, suchen Arbeit oder fliehen vor Not oder Verfolgung in ihren Ländern. Darin ähneln sie den Flüchtlingen und Migranten im Mittelmeer, die ihre Heimat im Nahen Osten oder Afrika verlassen.

8000 Menschen gefangen auf offenem Meer

Im nordöstlichen Indischen Ozean treiben Tausende Flüchtlinge aus Myanmar und Bangladesch - auf überfüllten Booten, ohne ausreichend Essen und Trinken. Die indonesische Marine schickte viele Verzweifelte sogar wieder hinaus auf das Wasser. mehr ...

In der Inselwelt Südostasiens geraten viele Migranten in die Falle der Zwangsarbeit, sei es auf Fischereikuttern, in Fabriken oder auf Plantagen. So haben sich im Laufe der Jahre auch in Südostasien gewaltige Menschenströme im Verborgenen entwickelt, geleitet von kriminellen Netzwerken, die damit den Vereinten Nationen zufolge in ganz Asien zwei Milliarden Dollar pro Jahr verdienen. Doch jetzt herrscht Unruhe in diesem Geschäft, weil Thailands Militärregierung, unter Druck der Amerikaner und Europäer, einen Feldzug gegen die Menschenschlepper ausgerufen hat. Die Schiffe haben jetzt kein Ziel mehr, das sie ansteuern können, der Süden Thailands ist für sie zu riskant.

"Diese Leute müssen an Land gehen"

Wer immer die Schiffe lenkt, wagt sich dort nicht mehr an Land, so irren die Boote auf hoher See umher, suchen Auswege, weil thailändische Soldaten den Wald nach Verdächtigen durchkämmen. Angesichts der wachsenden Not hat Thailand nun allerdings angekündigt, es könnte offizielle Lager anstelle der illegalen Camps einrichten. Das sagte Polizeichef Somyot Pumpunmuang der Bangkok Post. In den vergangenen Tagen nahmen die Behörden mehrere Hundert Migranten in Gewahrsam, die meisten gehören zum Volk der Rohingya, eine in Myanmar verfolgte muslimische Minderheit.

Indonesiens Militär schickte eines der Schiffe mit etwa 400 Menschen an Bord wieder auf die offene See hinaus. "Die Passagiere waren am Leben und in guter Verfassung", erklärte ein Sprecher der Marine. "Sie baten um Hilfe und wollten nicht nach Indonesien. Sie wollten nach Malaysia. So haben wir sie wieder auf den Weg geschickt, nachdem wir ihnen Essen, Wasser und Medizin gaben." So geht die Irrfahrt der Migranten mit offizieller indonesischer Unterstützung weiter. Ein Sprecher der Hilfsorganisation IOM nannte die Berichte "schockierend". "Diese Leute müssen an Land gehen", sagte er dem britischen Sender BBC.

Am Wochenende war in der indonesischen Provinz Aceh bereits ein Boot mit 600 Menschen gestrandet. Und im benachbarten Malaysia, auf der Insel Langkawi, kamen bis zu 2000 Flüchtlinge an. Es wird nun deutlich, dass der Staatenverbund Asean kaum gewappnet ist, um mit diesen grenzübergreifenden Problemen fertig zu werden. Rufe nach einem Flüchtlingsgipfel sind bereits laut geworden, doch die Interessen der einzelnen Staaten streben weit auseinander.

Schmutzige Milliarden-Geschäfte

Myanmar etwa verweigert den Rohingya das Staatbürgerrecht, dort leben diese Menschen als Geächtete. Viele Birmanen wollen sie in ihrem Land nicht sehen. Das erhöht den Druck. Andererseits gibt es in den Zielländern genügend skrupellose Geschäftemacher in der Schattenwirtschaft, die darauf warten, Migranten mit niedrigsten Löhnen oder gar als Zwangsarbeiter ausbeuten zu können.

Doch keiner der Staaten der Region möchte jetzt mit den schmutzigen Milliarden-Geschäften in Verbindung gebracht werden, die meist nur funktionieren können, wenn die Schlepperbanden Komplizen in lokalen Behörden oder in den Sicherheitsapparaten haben. Thailands Polizeisprecher zeichnete unlängst ein Bild, wonach dem Staat das ganze Ausmaß der Schlepperei erst vor wenigen Monaten bewusst geworden sei. Ja, man habe schon immer gewusst, dass da Leute gewesen seien, die Profit machten, in dem sie den Rohingya nach Malaysia verhalfen. Das aber habe stets nach kleinen Geschäften ausgesehen, versicherte er. "Wie Tourismus." Erst später sei dann aufgefallen, dass es doch Big Business war.

Kenner des Handels halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass der Staat so ahnungslos war. Aus Kreisen der thailändischen Fahnder wurde bekannt, dass sie die Netzwerke schon länger beobachteten und erforschten, aber für den großen Schlag offenbar auf grünes Licht von oben warten mussten. Der vom Militär eingesetzte thailändische Premierminister, General Prayut Chan-o-cha, hat erst vor wenigen Tagen angekündigt, dass er keine Nachsicht im Kampf gegen diese Verbrechen dulde.