Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek Band 7: Mein Urgroßvater und ich von James Krüss

Der erste Tag, an dem ich meine Schwestern Anneken und Johanneken, meine Obergroßmutter, meinen Urgroßvater und mich selbst vorstelle. Zeigt, wie Abc-Gedichte entstehen, und gibt zwei Beispiele. Enthält nützliche Hinweise über das Alphabet, über unsere Art zu reden und über Erste Hilfe bei abgebrochenen Absätzen.

Mein Urgroßvater war ein weiser Mann. Als er fünfundsechzig Jahre alt war, zog er das Boot und die Fangkörbe, mit denen er sein Leben lang Hummer gefangen hatte, an Land und fing zu drechseln an. Er drechselte Drehkreisel und Gedichte für Kinder, was - wie jeder zugeben muss - eine weise Beschäftigung ist. Zu meiner Zeit, das heißt, als ich zehn Jahre zählte, war mein Urgroßvater schon vierundachtzig. Aber er drechselte immer noch - allerdings mehr Gedichte als Drehkreisel. Er wohnte auf dem Oberland der Insel Helgoland bei seiner Tochter, die meine Großmutter war und die ich, weil sie oben auf dem Felsen Helgolands wohnte, die Obergroßmutter nannte. Meine andere Großmutter, die auf dem Unterland am Fuße des Felsens wohnte, nannte ich Untergroßmutter, aber die kommt erst später dran.

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Jetzt will ich von meiner Obergroßmutter reden, bei der mein Urgroßvater wohnte. Sie hatten ein Haus in der Trafalgarstraße auf dem Oberland. Aber mein Urgroßvater verbrachte fast alle Tage vom frühen Morgen bis zum späten Abend in der Hummerbude, die dem Wohnhaus gegenüber auf der anderen Straßenseite stand. Hier besuchte ich ihn, so oft ich konnte. Wir drechselten dort zusammen, aber keine Kreisel, sondern Reime. Mein Urgroßvater hatte auch dafür gesorgt, dass ich zwei Jahre vorher, als Achtjähriger, zum Leuchtturm auf den Hummerklippen hatte fahren dürfen. Dort hatte ich eine ganze Woche lang Geschichten gehört. Und nun, als ich zehn Jahre alt war, kam wieder so eine Geschichtenwoche auf mich zu, weil meine Schwestern Anneken und Johanneken die Masern hatte

Das ist zwar eine ärgerliche Krankheit, aber Anneken und Johanneken, die bald kein Fieber und gar keine Schmerzen mehr hatten, fanden die Masern am Ende ganz hübsch. Sie brauchten nicht zur Schule zu gehen, konnten den lieben langen Tag mit ihren Puppen spielen und bekamen obendrein noch Leckereien von den Nachbarn und Verwandten. Den größten Vorteil von den Masern aber hatte ich. Weil es nämlich eine ansteckende Krankheit ist, wurde ich umquartiert. Und so kam ich in die Trafalgarstraße zu meiner Obergroßmutter und meinem Urgroßvater. "Hallo, Boy!", rief der, als ich mit Sack und Pack dort angezogen kam. "Willst du das Schiff wechseln?" "Jawoll, Käptn!" antwortete ich und legte die linke Hand an die Pudelmütze.

"Man grüßt mit der rechten Hand", sagte mein Urgroßvater. "Außerdem bin ich nicht der Kapitän. Der steht dort in der Tür." Er zeigte auf meine Obergroßmutter, die darüberverdrießlich den Kopf schüttelte und "dummes Zeug" brummte. Meine Obergroßmutter, die oben auf dem Inselfelsen wohnte, war eine ernste Frau. Seitdem ihr Mann, mein Großvater, einen richtigen Motorkutter gekauft hatte und damit zwischen unserer Insel und dem Festland hin- und herfuhr, war sie noch viel ernster geworden. "Der Kutter frisst uns noch die Haare vom Kopf", sagte sie, als wir nach dem Mittagessen in der Küche saßen. "Früher, als wir bloß die Schaluppe hatten, brauchten wir jedes Jahr ein Knäuel Tauwerk, ein paar Planken, zwei Eimer Farbe und ein paar Flicken für das Segel. Aber was wir jetzt alles brauchen, du meine Güte, das kostet jeden Monat ein Vermögen!" "Dafür verdient ihr fünfmal so viel wie früher", lachte mein Urgroßvater. "Verdienen?", schrie meine Obergroßmutter. "Nennst du das verdienen, wenn ich jede Mark, die er mir bringt, gleich wieder hergeben muss für Proviant? Ich möchte wissen, wer diese Berge von Proviant auf dem Schiff eigentlich verzehrt! Davon könnten siebenundsiebzig ausgehungerte Klabautermänner satt werden!" "Oje", flüsterte mein Urgroßvater mir zu. "Wenn sie von Klabautermännern anfängt, dann hört sie erst beim Jüngsten Gericht wieder auf. Komm, wir verdrücken uns!" Er stand auf und sagte: "Ich geh drechseln, Margaretha, und den Kleinen nehme ich mit." "Ja, macht ihr euch nur aus dem Staub und lasst mich mit meinen Sorgen allein", rief sie. "Das verstehen alle Männer. Und bring das dem Jungen nur zeitig bei, damit er auch so ein Taugenichts wird wie du!" Ich mischte mich in den Streit der Alten nie ein. Ich sagte: "Tschüs, Obergroßmutter!", und wutschte hinter dem Urgroßvater zur Küchentür hinaus. "Wenn ihr Kaffee mit heißen Wecken haben wollt, müsst ihr um vier Uhr rüberkommen!", schallte es hinter uns her. "Ich setze keinen Fuß in euer Sodom und Gomorrha." "Was ist denn Sodom und Gomorrha, Urgroßvater?" "Das waren zwei Städte, in denen alles drunter und drüber ging, Boy. Du kannst es in der Bibel nachlesen." "Aber was meint denn die Obergroßmutter mit Sodom und Gomorrha?", fragte ich.

"So nennt sie meine Werkstatt, Boy. Und nun setz deine Pudelmütze auf. Wir müssen über die Straße." Auf der Insel war immer Wind, und in die Trafalgarstraße konnten die Winde vom Meer her ohne Umwege hineinpusten. Im Herbst, wenn die Nordoststürme über die Insel fegten, war der Wind in den Gassen so stark, dass ein Kind wie ich sich bequem dagegen lehnen konnte, ohne umzufallen. An diesem Tag allerdings war es nicht so schlimm, denn wir hatten - obwohl es Ende September war - mildes Wetter. Trotzdem waren meine Backen windgerötet, als ich die vier Schritte über die Straße gegangen und mit dem Urgroßvater in seine Hummerbude eingetreten war. Ich wollte gleich die kleine Holztreppe hinaufklettern zur Drechselwerkstatt im ersten Stock. Aber mein Urgroßvater sagte: "Zurück, Boy! Wir bleiben unten." "Ich will mir nur ein paar Kreisel zum Spielen holen", rief ich und kletterte weiter die Leiter hinauf. "Vorsicht! Die Lederne Lisbeth ist oben!", sagte mein Urgroßvater. "Die Lederne Lisbeth?", rief ich erschrocken. Und Schritt für Schritt stieg ich wieder abwärts. "Du weißt doch, dass unser Hummerboot am Strand liegt", sagte mein Urgroßvater. "Und wenn das Boot nicht auf dem Wasser ist, wird die Lederne Lisbeth in der Hummerbude untergebracht. Stimmt's?" "Ach ja", sagte ich und kletterte schnell die letzten Sprossen hinunter.

Die Lederne Lisbeth war eigentlich keine schlimme Frau. Sie war eine lebensgroße Puppe aus Leder, die mein Urgroßvater auf dem Hamburger Dom, dem Jahrmarkt, für viel Geld gekauft hatte. Sie lag seit vielen, vielen Jahren in der kleinen Kajüte des Hummerbootes, das natürlich auch Lederne Lisbeth hieß. Die Puppe war so eine Art Schutzgeist für das Boot und daher eine achtbare Person. Aber die Erwachsenen erzähl ten uns Kindern oft so gruselige Geschichten von ihr, dass sie uns nicht ganz geheuer schien. Nur mein Urgroßvater erzählte keine unheimlichen Geschichten. Er sagte: "Das ist lauter dummer Schnickschnack. Das Ding ist eine Puppe und weiter nichts. Basta!" Trotzdem hatte er mir eben, als ich auf der Leiter stand, ein bisschen bange machen wollen. Aber ich wusste schon, warum: Er wollte mich in die Tienerbude locken. Denn wenn ich einmal oben in der Drechselwerkstatt war, ließ ich mich so leicht nicht wieder herunterholen. Ich folgte meinem Urgroßvater nun in die Tienerbude, in der runde oder viereckige Körbe aus Holz und Tau standen, die mir damals bis fast an die Brust reichten. Das waren die Tiener, mit denen man Hummer fängt. Sie werden an langen Schnüren auf den Meeresgrund hinuntergelassen, und dort bleiben sie eine Nacht lang stehen. Durch die lange Leine, an der sie sozusagen hängen, findet man sie leicht wieder. Die Leine ist nämlich mit lauter Korkstücken besetzt. Sie sieht aus wie eine Kette, auf der man Kümmelbrötchen aus Kork aufgereiht hat. Oben über Wasser läuft die Leine in einen großen runden Korken aus, auf dem ein bunter Wimpel flattert. Mein Urgroßvater hat in seinem Leben viele Tiener angefertigt. Er hat sie auch oft repariert, wenn die Stürme sie beschädigt hatten. Die Werkstatt, in der er sie herstellte und ausbesserte, hieß die Tienerbude, und hier machten wir es uns jetzt gemütlich. "Setz dich auf die Korken, Boy!", sagte mein Urgroßvater. Da ließ ich mich auf die länglichen aufgestapelten Korkplatten nieder, aus denen man die Kümmelbrötchen für die Tienerleinen schnitzt. Mein Urgroßvater nahm eine andere Korkplatte, die an der Wand lehnte, holte sich das kurze, breite Messer und begann, Korken zu schnitzen, die er in einen Wäschekorb warf. "Ich habe Krischon Hinker einen Korb voll Tienerkorken versprochen", sagte er. "Dabei können wir uns unterhalten und meinetwegen auch reimen, wenn du willst." "O ja, reimen wir was!", sagte ich. "Erst erzähle ich dir eine Geschichte", sagte mein Urgroßvater. "Anschließend reimen wir zur Erholung ein bisschen. Du hast doch Lust auf eine Geschichte?" O ja, die hatte ich! Mein Urgroßvater konnte nämlich hübsch erzählen. Er fragte mich zuerst, wie Krischon Hinker mit richtigem Namen hieße. Aber das wusste ich nicht. Ich kannte die meisten Leute unserer Insel nur bei ihren Spitznamen.