Studie über sexuellen Missbrauch Kirche weist Vorwurf der Zensur zurück

Die Aufklärung des Missbrauchsskandals ist gescheitert - und Wissenschaft und katholische Kirche geben sich gegenseitig die Schuld. Forschungsleiter Pfeiffer wirft der Kirche Zensur vor, der Missbrauchsbeauftragte Bischof Ackermann beklagt einen Mangel an Vertrauen. Das Projekt könnte aber dennoch weitergehen.

Die Debatte um den Stopp der Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche verschärft sich. Der Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, bekräftigte seinen Vorwurf, die Kirche habe die Arbeit seines Instituts zensieren wollen. "Die katholische Kirche wollte offenbar ein Gutachten ganz nach ihrem Geschmack", sagte Pfeiffer der Passauer Neuen Presse. "Es hat den Versuch der Zensur unserer Arbeit" gegeben. Die Kirchenvertreter hätten "über unsere Arbeit und die Texte" sowie die "Auswahl von Mitarbeitern entscheiden" wollen.

Die größten Widerstände seien aus der Diözese München und Freising gekommen, in der Papst Benedikt XVI. einst Erzbischof war. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass dieser Zusammenhang eine Erklärung sein könnte. "Für die Opfer ist der Stopp der Studie sehr enttäuschend. Wir werden die Opfer bitten, mit uns weiter zusammenzuarbeiten", bekräftigte Pfeiffer.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ist nach einem Zerwürfnis zwischen der Kirche und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vorerst gescheitert. Pfeiffer will das Forschungsprojekt trotzdem fortsetzen - auch ohne Unterstützung der Bischöfe.

Missbrauchsbeauftrager weist Zensurvorwurf zurück

Die Deutsche Bischofskonferenz will das Projekt ebenfalls fortführen - mit einem neuen wissenschaftlichen Partner. Der Missbrauchsbeauftragte, Triers Bischof Stephan Ackermann, wies den Vorwurf der Zensur zurück. "Wir haben kein Vetorecht eingefordert." Es sei nicht darum gegangen, "irgendwie die Ergebnisse der Wissenschaftler zu zensieren". Die Kündigung des Vertrags begründete Ackermann mit einem Mangel an Vertrauen. "Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des Instituts und den deutschen Bischöfen ist zerrüttet", erklärte er.

Auch der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp, nannte den Vorwurf der Zensur im Mannheimer Morgen absurd: "Der Wechsel des Projektpartners, den wir jetzt vollziehen, hat ausschließlich persönliche Gründe im Zerwürfnis mit dem Projektleiter." Er verwahrte sich gegen den Vorwurf, die Aufarbeitung sei an kirchlichem Widerstand gescheitert. "Es gibt kein Bistum, das aus dem Projekt ausgestiegen ist", sagte er.

Künast spricht von "Schlag ins Gesicht der Opfer"

Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, hat der katholischen Kirche nach dem Stopp des Forschungsprojekts über Kindesmissbrauch den Willen zur Aufklärung abgesprochen. "Ich habe den Verdacht, dass starke Kräfte in der katholischen Kirche jetzt nach der Methode Vergessen-und-Vergeben arbeiten", sagte Hilgers der Saarbrücker Zeitung. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sprach von einem "Schlag ins Gesicht der Opfer". Es müsse schnell ein neuer Weg für die rückhaltlose Aufklärung gefunden werden, verlangte sie in der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Der Münsteraner Theologe Klaus Müller vermutet einen Machtkampf unter den Bischöfen hinter dem vorläufigen Scheitern des Projekts. Insbesondere konservative Geistliche hätten Angst vor den Ergebnissen der umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung, sagte der Wissenschaftler vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Universität Münster der Nachrichtenagentur dpa. "Es kann nur daran liegen, dass die Seite der Bischöfe, die diese Form der Aufklärung für richtig halten, unter massivem Druck der konservativen Kräfte stehen."