Studie Rucksack oder Ranzen?

Dass Kinder schwere Lasten zur Schule schleppen, ist kaum der Grund für dauerhafte Rückenschmerzen. Schuld ist eher Mangel an Bewegung.

Von Von Michael Brendler

(SZ vom 9.9.2003) - Neun von zehn Schulkinder schleppen sich mit überladenen Schultaschen ab: Im Durchschnitt 6,7 Kilogramm oder rund 15Prozent ihres Körpergewichts muss die Wirbelsäule von Schülern auf dem Schulweg aushalten.

Ob Rucksack oder Ranzen - egal. Hauptsache, die Tragehilfe liegt gut am Rücken an.

(Foto: Foto: dpa)

Das besagen jüngste Zahlen, die eine Gruppe niederländischer Forscher an 745 Teenagern gemessen hat - und die für deutsche Heranwachsende wohl kaum anders aussehen.

In der Studie klagte zudem fast die Hälfte der Kinder über Rückenbeschwerden (1). Dennoch kommen die Forscher zu einem überraschenden Schluss: Die schwere Schultasche allein liefert keine Erklärung für anhaltende Schmerzen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Wissenschaftler der Universität Michigan. Auch sie fanden keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Gewicht der Ranzen und chronischen Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule.

Die wichtigsten Gründe für anhaltende Schmerzen waren andere: Zu viel Fernsehkonsum und Mangel an sportlicher Aktivität.

"Tatsächlich verursacht eine schwer beladene Schultasche eigentlich keinen Gelenkverschleiß oder chronische Beschwerden," bestätigt der Kinderorthopäde Fritz-Uwe Niethard von der Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Trotzdem solle das Gewicht eines Ranzen möglichst zehn Prozent des Körpergewichts nicht überschreiten, fordert auch die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie.

Denn wenngleich die Studien keine langfristigen Folgen wie Schmerz oder Verschleiß nachweisen, kann eine zu schwere Tasche zumindest kurzfristig Beschwerden auslösen.

Das, so Niethard, sei Grund genug, dem kindlichen Kreuz nicht zu viel zuzumuten.

Die Ursache für kurzfristige Beschwerden ist offensichtlich: Schwere Lasten ermüden die Muskulatur. Und für die Wirbelsäule, an der Kraft und Gegenkraft gleichzeitig zerren, bedeutet jedes Kilogramm Gewicht, das die Muskulatur nicht übernehmen kann, zwei Kilo zusätzliche Last.

Vor allem einhändig getragene Taschen verursachen durch die ungleich verteilte Kraft Beschwerden. Die Folgen sind Verspannungen und Fehlhaltungen, die sich sogar auf die Schulleistungen auswirkten, so Niethard: "Trainierte Kinder können sich besser konzentrieren. Dass für den, der verspannt und mit Schmerzen in der Klasse sitzt, das Gegenteil gilt, ist leicht vorzustellen."

Das zweite Problem von zu viel Ballast ist für den Fachmann mangelnde Sicherheit. Das Gewicht der Bücher in der Hand oder der hin und her schlappende Rucksack auf dem Rücken behindern die Bewegung.

Derart eingeschränkte Kinder können schlechter reagieren, etwa auf Autos. Die Konzentration auf den Verkehr leidet, wenn das Kind vor allem damit beschäftigt ist, die Tasche zur Schule zu wuchten.

Gesundheit und Sicherheit müssen aber nicht mehr Geld kosten. Ob Rucksack oder herkömmlicher Ranzen, darin sind sich die meisten Experten einig, entscheidend ist weniger das Modell als Gewicht und Trageweise der Tasche.

"Je enger der Tornister am Rücken liegt, desto geringer die Kraft, die an der Wirbelsäule zieht", so Niethard. Neue Moden, bei denen Hose und Tasche gemeinsam auf Höhe des Gesäßes schaukeln, sind weniger gesund.

Empfehlenswert ist auch ein Bauchgurt, der die Tasche fixiert.

Auch Niethard empfiehlt indes, bei Rückenschmerzen neben dem Schulranzen auf andere Dinge zu schauen. Bewegungsmangel spiele ebenfalls eine große Rolle: "Nur die Muskulatur entlastet das Kreuz. Wenn die Kinder aber heute sechs Stunden in der Schule und zweieinhalb vorm Fernseher sitzen, wann sollen sie sie trainieren?"