Streit um Eluana Englaro Sterben und leben lassen

Wettlauf um den Tod: In letzter Minute will die Regierung Berlusconi verhindern, dass die künstliche Ernährung der Komapatientin Eluana Englaro nach 17 Jahren eingestellt wird.

Von Julius Müller-Meiningen

"La Quiete", die Ruhe, heißt das Hospiz in Udine, in das Eluana Englaro in der Nacht zum Dienstag gebracht wurde. Doch der Name der Klinik, deren Ärzte die 37-Jährige eigentlich in den Tod begleiten sollen, gibt ein falsches Bild von dem, was sich gerade in Italien abspielt.

Die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi beriet am Freitag über ein Dekret, um den Tod Eluana Englaros aufzuhalten, obwohl der Oberste Gerichtshof im November verfügt hatte, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen für die Frau eingestellt werden dürfen. Eluana Englaro liegt nach einem Autounfall seit 17 Jahren im irreversiblen Koma. Sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt nun.

Napolitano will die Unterschrift verweigern

Am Freitagmorgen begannen die Mitarbeiter des Hospizes, die künstliche Ernährung von Eluana zu reduzieren. Innerhalb von 48 Stunden sei der Vorgang unumkehrbar, ließen Ärzte wissen. Deshalb verabschiedete Italiens Regierung am Freitag einstimmig ein Dekret, das Eluanas Tod verhindern würde und sofort wirksam wäre.

Dazu ist nur die Unterschrift des Staatspräsidenten notwendig, erst später müsste das Parlament zustimmen, in dem es wohl eine große, parteiübergreifende Mehrheit für das Dekret gibt. Doch Staatspräsident Napolitano sprach sich am Freitag per Brief gegen einen Eingriff der Regierung aus und deutete an, die Unterschrift zu verweigern.

Die Regierung selbst stand bei dem Dekret vor einer Zerreißprobe. Drei Minister hatten sich zuvor gegen eine Einmischung ausgesprochen, schwenkten aber offenbar im letzten Moment um. Ministerpräsident Silvio Berlusconi soll in der Sitzung gesagt haben, er wollen nicht schuld am Tod Eluanas sein.

Die Mehrheit der Italiener steht der Zeitung La Repubblica zufolge dagegen auf der Seite der Familie Englaro, die Eluana sterben lassen will. Beppino Englaro nannte die Versuche, den Tod seiner Tochter zu verhindern, eine "unglaubliche Gewalt". Solange das Recht auf seiner Seite sei, mache er weiter.

Er kämpft seit Jahren dafür, dass die künstliche Ernährung seiner Tochter eingestellt wird. Mehr als zehn Gerichtsurteile sind ergangen. Erst Anfang dieser Woche, als sich "La Quiete" zur Aufnahme von Eluana bereiterklärte, wirkte es, als ginge die Geschichte Eluanas wirklich zu Ende.

Auch der Vatikan macht seit Tagen Stimmung gegen die aktive Sterbehilfe für Englaro. Von "Euthanasie" ist die Rede, das Urteil des Obersten Gerichtshofes hatten konservative Politiker und die Katholische Kirche "Attentat auf das Leben" und "gerichtlich angeordneten Totschlag" genannt. Auch vor der Klinik in Udine und vor dem Palast des Staatspräsidenten in Rom protestierten Gegner der Sterbehilfe.

Zuletzt wurde auch noch die Staatsanwaltschaft Udine aktiv: Sie beschlagnahmte die Krankenakte und will die Zeugenaussagen überprüfen, auf deren Grundlage der Oberste Gerichtshof entschieden hatte. Theoretisch könnten die Ermittler dann Eluanas Krankenzimmer und die Geräte beschlagnahmen, mit denen sie künstlich ernährt wird.