Von Kurt Kister

Lange Jahre war er einer der erfolgreichsten Parteichefs und Ministerpräsidenten des Landes. Doch am Ende stürzt Edmund Stoiber, ohne recht zu begreifen, warum.

Er sieht die Zeichen nicht, die seinen schleichenden Verlust an Macht und Ansehen begleiten: all die Stoiber-Witze, das Murren in der Partei, den Überdruss im Land an seiner Selbstherrlichkeit. Nach dem Rückzug aus Berlin 2005 ist auch das Stammland Bayern nicht mehr die sichere Bastion, die es zuvor war.

Stoiber

Ein letztes Mal Parteivorsitz: Edmund Stoiber lässt sich auf dem 72. Parteitag der CSU im September feiern. (© Foto: ddp)

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Es tut mir leid, dass ich mit meiner Entscheidung unsere Partei ... in eine schwierige Lage gebracht habe", sprach Edmund Stoiber am 14. November 2005, "ich leide selbst außerordentlich, ich leide wie ein Hund." Für Stoiber, den Fast-immer-Rechthaber und Selten-etwas-Zugeber, waren diese Sätze sehr bemerkenswert, sie öffneten ein Fenster auf seine Seele.

Stoiber versuchte damals, den Menschen ganz allgemein, aber vor allem seinen Parteifreunden zu erklären, warum er in einem urplötzlichen U-Turn das lange und heftig angestrebte Amt eines Superministers in der Regierung Merkel ausschlug, um doch in Bayern Ministerpräsident und CSU-Chef zu bleiben. Heute sind Stoibers Gründe dafür eigentlich nur noch für Polithistoriker wichtig. Entscheidend bleibt eines: Im Spätherbst nach der Bundestagswahl 2005 leitete Stoiber selbst jenen Prozess ein, der dazu führte, dass heute Günther Beckstein in Bayern regiert und Erwin Huber der CSU vorsitzt.

Ein grelles Alarmsignal

Nein, ein richtiger Sturz war das nicht am 18. Januar 2007 und eigentlich nicht mal ein Putsch. An diesem Tag kündigte Stoiber in der Staatskanzlei zwar seinen Rückzug aus den Ämtern an - allerdings nicht für sofort, sondern für Ende September. Die heutigen Profiteure von Stoibers Machtverfall - unter ihnen Beckstein, Huber und Joachim Herrmann - waren 2006, und etliche bis in den Januar 2007 hinein, zu loyal, zu unentschlossen und wahrscheinlich auch zu feige, um schnell und entschieden zu handeln.

Sie beobachteten vielmehr, wie sich gegen Stoiber eine Welle des Missbehagens nach der anderen aufbaute. Immer höher wurden die Brecher, und nach einigen Monaten hatten Stoibers schüchterne Vasallen dann im Januar 2007 verstanden, dass die Wellen zwar Stoiber bedrohten, sie jedoch auf ihnen ganz gut surfen konnten - wenn sie sich denn trauten.

Die Erosion von Stoibers Macht dauerte lange. Auch vor seinem Rückzug aus Berlin machten viele CSU-Wichtigs Witze über Edmund I. Die Grundstimmung dabei aber war eine Mischung aus Respekt, Fatalismus, etwas Neid und ein wenig Angst. Die Parteifreunde erzählten allerhand garstige Einzelheiten über ihren Chef, und vermittelten gleichzeitig den Eindruck, dass es keine Alternative zu ihm gebe - jedenfalls nicht auf absehbare Zeit. In Bayern dauert die unmittelbar absehbare Zeit manchmal nur eine Viertelstunde, hin und wieder aber auch fünf Jahre.

Nach Stoibers Rückkehr an die Isar und im Laufe des Jahres 2006 allerdings schwand der Respekt vor ihm immer deutlicher. Auch und gerade in der CSU empfanden viele Überdruss. Stoibers Alleinherrscher-Allüren gerieten immer stärker in die Kritik, was er selbst jedoch nicht bemerkte. Seine engsten Mitarbeiter hingen an ihm in überbordender Loyalität, verstellten ihm aber mit ihrem staatskanzlistischen Großstrategentum zusätzlich den Blick auf die Realität. Eindeutig: Der Chef hatte abgehoben. Aus der Partei richtete sich viel Zorn gegen diesen Klüngel, den Stoibers langjähriger Sprecher Martin Neumeyer und sein Büroleiter Michael Höhenberger verkörperten.

Ein grelles Alarmsignal, das weder Stoiber noch seine Staatskanzlisten richtig verstanden, waren die weit verbreiteten Stolper-Reden des Ministerpräsidenten. Der "Problembär", der "Flughafen-Zug" und die "gludernde Lot" brachten Hunderttausende zu anhaltendem Gelächter über Stoiber. Es lachten nicht nur PDS-Wähler in Mecklenburg- Vorpommern und SPD-Unterbezirke in Hessen und NRW, sondern auch und gerade die Leut' in Würzburg, Oberstdorf und Passau - die Bayern, seine Wähler. Sie lachten nicht freundlich, sondern viele taten das neuerdings hämisch, so wie man über einen Trottel lacht.

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