Sterbehilfe-Debatte in Frankreich Letzte Anklage

Nach 70 gemeinsamen Jahren sind Bernard und Georgette Cazes zusammen in den Tod gegangen. In ihrem Abschiedsbrief macht das greise Paar dem französischen Staat schwere Vorwürfe - und hat so die Debatte über Sterbehilfe neu entfacht.

Von Christian Wernicke, Paris

Der Tod war schon immer Teil ihres Lebensplans gewesen. 70 Jahre lang hatten Bernard und Georgette Cazes zusammen verbracht, und ihr Sohn Jérôme bezeugt: "Schon vor Jahrzehnten" seien die beiden Eheleute übereingekommen, auch ihren letzten Weg gemeinsam zu gehen. "Mehr als den Tod fürchteten sie die Trennung", sagt Jérôme. Nun, an einem kalten Novembertag in Paris, war es so weit: Das greise Paar bezog ein Zimmer im ehrwürdigen Luxushotel "Lutetia", und Georgette legte zwei Abschiedsbriefe auf den Nachttisch.

Hand in Hand, ihre Köpfe von Plastiksäcken bedeckt - so lagen die beiden 86-Jährigen am nächsten Morgen nebeneinander. Selbst dieser Moment war geplant gewesen: Bernard hatte, auf dass ein Hoteldiener sie schnell entdeckte, am Vorabend Frühstück aufs Zimmer bestellt.

Nun wirken die Cazes über den Tod hinaus. Schon adelt die Zeitung Le Monde die beiden als "eine Legende", schließlich haben "die alten Liebenden des Lutetia" (Le Parisien) Frankreichs Debatte über Euthanasie und Suizid-Beistand neu entfacht. Die strengen Gesetze des katholischen Landes erlauben bisher weder aktive noch passive Sterbehilfe.

Post mortem haben Bernard, einst hochrangiger Beamter der staatlichen Planungskommission, und Georgette, die frühere Professorin der Philologie, die zuletzt an ihrer Erblindung verzweifelte, dagegen Klage erhoben: "Missachtung der Freiheit des Bürgers durch den französischen Staat" lautet ihr Vorwurf im Abschiedsbrief. Als Vermächtnis verlangen sie, der Staatsanwalt solle gegen die Republik ermitteln, weil deren Gesetze ihnen verboten hatten, "auf stille Weise das Leben zu beenden".

Wahlversprechen: mehr Selbstbestimmung am Lebensende

Man darf vermuten, dass diese beiden zeitlebens hellwachen Intellektuellen sehr genau den politischen Kalender kannten, als sie den Zeitpunkt ihres Suizids wählten: Noch im Dezember nämlich soll der nationale Ethikrat die Ergebnisse einer geheimen Bürgeranhörung zu dem heiklen Thema veröffentlichen. Der neue Report könnte Präsident François Hollande helfen, endlich ein altes Wahlversprechen einzulösen: Im Frühjahr 2012 hatte der Sozialist zugesagt, was laut Umfragen eine klare Mehrheit seiner Landsleute seit Jahren wünscht - eine Lockerung der Normen über Leben und Tod.

Zwar ist es auch den Ärzten im Nachbarland seit 2005 verboten, unheilbar kranke Menschen mit "Therapien um jeden Preis" zu traktieren. Eine von Hollande berufene Expertenkommission stellte jedoch vor einem Jahr fest, dass die Mediziner die Paragrafen zur Sterbehilfe äußerst eng auslegen. Siechende oder alte Patienten (und deren Angehörige) hätten zumeist das Gefühl, die Mediziner würden ihren Wunsch nach einem Ausweg aus Leiden und Leben ignorieren.

Tabu aktive Sterbehilfe

Tabu in Frankreich ist bisher der "suicide assisté", also die Beihilfe zum Freitod per Giftpille auf Rezept. Dafür kämpft Frankreichs "Vereinigung für das Recht auf einen Tod in Würde" (ADMD). Mit jährlich 3000 Suiziden von Menschen über 65 Jahren verzeichnet Frankreich zwar eine der höchsten Raten unter Senioren weltweit. "Aber nur einem Zehntel von ihnen gelingt es, sich dazu die nötigen Medikamente zu verschaffen", empört sich ADMD-Präsident Jean-Luc Romero. "Die meisten müssen einen brutalen Tod durchleiden." So wie die Cazes, die sich Müllsäcke über die Köpfe zogen und erstickten.

Im Abschiedsbrief beauftragten die Cazes ihren Sohn Jérôme, ihre Klage gegen die Republik und für "die letzte Freiheit" fortzuführen.