Von Sonja Zekri

Lenin und Stalin haben bei einer Internetabstimmung in Russland bestens abgeschnitten - die beiden Herrscher landeten ganz vorn bei der Frage, wer der Volksheld der Russen sei.

Auf den ersten Blick ist alles klar und ungeheuerlich: In einer Internetabstimmung über den größten Helden Russlands haben die Teilnehmer Stalin vorläufig an die Spitze gewählt. 156.000 Zuschauer des staatlichen Senders Rossija votierten für den "Vater der Völker", der Millionen Menschen auf dem Gewissen hat. "Der Name Russlands" heißt die Aktion, sie läuft seit dem 8. Mai. 500 Helden-Kandidaten starteten ins Rennen, 50 blieben übrig, darunter der Völker-Vater auf dem ersten Platz.

Umfrage Stalin

Auch heute hat Stalin in Russland noch zahlreiche Verehrer. (© Foto: Reuters)

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Dieses vorläufige Ergebnis hat bei liberalen Medien und Historikern in Russland spontanes Entsetzen ausgelöst, da es als Beleg für die Uneinsichtigkeit der Russen gilt, die geschichtsvergessen blutigen, aber glorreichen Zeiten nachhängen. Wladimir Lawrow, wissenschaftlicher Vize-Direktor für die Geschichte Russlands an der Akademie der Wissenschaften, fasste diese Kritik in der Zeitung Gaseta zusammen: "Man muss den Menschen die Wahrheit sagen - über Stalin und über Lenin. Sie kennen die Wahrheit nicht."

Lenin auf Rang 3

Lenin nämlich liegt auf dem dritten Platz, wenn auch mit eher bescheidenen 90.000 Stimmen. Zwischen Lenin und Stalin aber, und hier trübt sich das Bild, drängt sich der Liedermacher Wladimir Wyssotzky, die schwermütige Lichtgestalt der Intelligenzia, die heisere Stimme der Dissidenz. Zudem finden sich unter den restlichen 47 Kandidaten so unterschiedliche Charaktere wie Boris Jelzin und Iwan der Schreckliche, Jurij Gagarin und Andrej Sacharow.

Entsprechend gelassen reagierte der Kurator des Projektes beim Kanal Rossija, Alexej Golikow: Möglicherweise sei der Aufstieg Stalins das Ergebnis einer konzertierten elektronischen Aktion, eines Flash-Mobs der Kommunisten. Und Lawrow analysierte, der Sieg der Stalinisten sei nicht erstaunlich, da sie ihre Stimmen auf Lenin und Stalin allein versammelt hätten, während die Antikommunisten ihr Votum gestreut hätten.

Die Suche nach einem nationalen Helden endet nicht zum ersten Mal in Verlegenheit. Portugal hatte in einer Fernsehumfrage mit 41 Prozent den Diktator Salazar zum Volksheros gewählt. In der Ukraine lag vorübergehend Stepan Bandera vorn, ein Nationalist, der mit den Nazis kollaboriert hatte, und der erst nach einem SMS-Aufruf in letzter Minute von Jaroslaw dem Weisen überholt wurde.

Die russische Heldensuche endet im September. Zuvor werden die Finalisten noch im Fernsehen präsentiert: Stalin im Wahlkampf - zur besten Sendezeit. Das ist auch eine Wahrheit.

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(SZ vom 9.7.2008/vw)