Spaniens Eisenbahnindustrie Zugkatastrophe gefährdet lukrative Aufträge

79 Menschen starben beim Zugunglück in Santiago de Compostela, die spanische Justiz ermittelt gegen den Lokführer wegen fahrlässiger Tötung. Doch zunehmend beschäftigt die Frage nach dem Warum das ganze Land. Die Eisenbahnunternehmen weisen alle Schuld von sich - ein technischer Fehler hätte Folgen für ein lukratives Geschäft im Ausland.

Von Karin Janker

Stieg man in Spanien in den Zug, fühlte man sich sicher. Die Waggons sind komfortabel, oft mit kostenlosem Wlan-Zugang ausgestattet und die Ticketpreise im Vergleich zu Deutschland ein Schnäppchen. Spaniens Eisenbahnunternehmen sind an der Spitze in Europa, was Service und Technik angeht. Knapp 2,25 Millionen Passagiere im Langstrecken-Zugverkehr zählte das spanische Statistik-Institut im Mai dieses Jahres. Doch seit dem schweren Zugunglück vom Mittwochabend, bei dem mindestens 79 Menschen ums Leben kamen und 178 zum Teil schwer verletzt wurden, steigen vermutlich viele Fahrgäste mit mulmigem Gefühl in den Zug.

Die spanische Justiz hat gegen den Lokführer des Unglückszugs ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Es handelt sich dabei um eine Art Voranklage, die im deutschen Recht so nicht existiert. Der 52-Jährige wurde am Samstag aus dem Krankenhaus entlassen und auf die Hauptpolizeiwache im Unglücksort Santiago de Compostela gebracht, teilte Innenminister Jorge Fernández Díaz mit. Bis Sonntagabend solle er der Justiz überstellt werden. Neben einem möglichen Fehlverhalten des Lokführers untersuchen die Ermittler einem Bericht der Zeitung El País zufolge aber auch mögliche Mängel am Bremssystem. Das allerdings hatten die betroffenen Eisenbahnunternehmen bisher ausgeschlossen.

Dass Renfe, ADIF und Talgo bei der Frage nach Warum und bei der Suche nach den Ursachen der Katastrophe sofort auf den Zugführer zeigen, der mit überhöhter Geschwindigkeit in die enge Kurve eingefahren sein soll, könnte auch ökonomische Gründe haben. Denn für die Konzerne steht ein lukratives Geschäft auf dem Spiel: Die Staatsunternehmen spähen derzeit nach Brasilien.

Spaniens Eisenbahnunternehmen fürchten eine Klausel im Vertrag

In der Vergangenheit hat sich Spanien eine Vorreiterrolle beim Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes erarbeitet. Auf den mehr als 3000 Kilometern des spanischen Netzes erreichen die Züge eine Geschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern. Deutschlands Hochgeschwindigkeitsnetz ist nicht einmal halb so umfassend. Nach China belegt Spaniens Streckennetz Platz zwei weltweit. Die erste Trasse zwischen Madrid und Sevilla wurde 1992 eingeweiht.

Seit längerem sind die spanischen Eisenbahnunternehmen auch jenseits der Landesgrenzen aktiv. Einen ersten großen Vertrag unterschrieb das staatliche Unternehmen Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles (CAF) 2009 für die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Ankara und Istanbul. Danach folgte ein milliardenschwerer Auftrag für die Strecke zwischen Mekka und Medina in Saudi-Arabien.

Zudem haben die Spanier in Brasilien einen Auftrag für die Strecke Rio de Janeiro - São Paulo - Campinas ergattert, der nun aber nach Informationen von El Mundo durch das schwere Unglück in Santiago de Compostela gefährdet ist. Die Zeitung berichtet von einer Klausel im Vertrag, nach der Unternehmen ausgeschlossen würden, auf deren Strecken sich in den vergangenen fünf Jahren ein Unfall mit Todesopfern ereignet hat.

Ein chinesisches Angebot ist demnach von Brasilien bereits abgelehnt worden, weil es dort 2011 einen Unfall mit 33 Toten gegeben habe. Die Regel beziehe sich auf Unfälle mit technischen Ursachen, so El Mundo. Es dürfte den spanischen Zugunternehmen also umso mehr daran gelegen sein, dass ein technischer Fehler in Santiago de Compostela ausgeschlossen werden kann.