Soziale Spannungen im Berliner Wedding Angriff aus der falschen Richtung

Im Berliner Stadtteil Wedding ist ein linkes Wohnprojekt von einer türkischstämmigen Gang überfallen worden. Die Autonomen wissen noch nicht recht, wie sie darauf reagieren sollen: "Da es sich weder um Nazis noch um Bullen handelt, sind die üblichen aktionistischen Mittel nicht anwendbar." Das Weltbild der Linken wankt.

Von Thorsten Schmitz, Berlin

Am Tag nach dem Interview schreibt der Sozialarbeiter eine Email. "Bitte nennen Sie meinen Namen nicht. Ich möchte keinen Besuch bekommen. . ." Der Sozialarbeiter, ein sehr freundlicher Mann, der schon viele brenzlige Situationen erlebt hat, fürchtet ungebetenen Besuch von den "Streetfighters".

Das ist eine Gang aus dem Stadtteil Wedding. Auf YouTube-Videos sieht man sie in martialischer Pose, die signalisieren soll: Der Wedding gehört uns. In der Schererstraße betreiben die "Streetfighters" ein Vereinshaus. Es spricht viel dafür, dass in dem Club nicht nur Backgammon gespielt wird.

"Wir fürchten uns alle vor denen"

Die Nachbarin mit den zwei Tüten in der Hand kommt gerade von der Arbeit und will nur noch in die warme Wohnung. Als man sie auf die "Streetfighters" anspricht, vergisst sie die Kälte. "Drogen werden da gehandelt. Wir fürchten uns alle hier vor denen. Wenn Sie wirklich wissen möchten, was hier passiert, dann müssen sie riechen. Die kiffen von morgens bis nachts, ich lass schon immer die Balkontür zu." Die Nachbarin ist mit einem Türken verheiratet. Das, sagt sie, "sollten Sie auch noch wissen für Ihren Artikel".

Die junge Künstlerin ist gerade nach Wedding gezogen, Ihre Miete in Mitte war unbezahlbar geworden. Jetzt sehnt sie sich nach der heilen Welt am Hackeschen Markt zurück. Sie steigt aufs Fahrrad, eine Ausstellungseröffnung in Mitte besuchen. Sie sagt: "Hier herrscht die türkische und die arabische Mafia."

Drei Stimmen aus Wedding. Aus einem Teil Berlins, in dem jede Straße gleich auszusehen scheint: Spielsalon, Internetcafé, Dönerbuden. Internetcafé, Dönerbude, Spielsalon. Das kennt man: Die Stimmen und das Straßenbild.

Autonome fürchten sich vor Straßenbanden

Neu ist: Dass sich jetzt auch die Autonomen Berlins vor Straßenbanden fürchten, die Bewohner des linken Wohnprojekts in der Schererstraße 8 zum Beispiel. Sie wohnen direkt gegenüber der "Streetfighter"-Zentrale.

Am vergangenen Wochenende hat es in der Schererstraße geknallt. Etwa 30 Mitglieder der "Streetfighters" sind nach Polizeiangaben in das Haus der Alternativen eingedrungen, haben mit Baseballschlägern Fensterscheiben und Mobiliar von Kneipe und Info-Laden zertrümmert. Einen Tag später wurden zwei Musiker, die in dem linken Hausprojekt ein Konzert geben sollten, attackiert und verletzt.

Wenn man die Globalisierungs- und Atomkraftgegner aufsucht, kommt man bis zum Hofeingang, dann wird man wieder nach draußen gebeten. Man ist auch gegen Journalisten hier. Die Visitenkarte darf man dalassen. Man werde zurückgerufen, wenn die Bewohner ein Gespräch mit der Zeitung okay finden, sagt eine junge Frau mit Rastalocken. Der Rückruf kommt nie.

Ein Polizist, dessen Namen man nicht nennen darf, weil er nicht autorisiert ist, mit der Presse zu sprechen, sagt zum Überfall auf das linke Wohnprojekt nur: "Wenn das Nazis gewesen wären, hätten Sie längst Ihr Gespräch gehabt."

Die Fensterfront haben die Bewohner des Hauses, das mal besetzt war und jetzt gemeinsam gekauft werden soll, notdürftig mit Spanplatten repariert. Ein Kioskbesitzer erzählt, der Streit zwischen den Linken und den "Streetfighters" habe im letzten Sommer begonnen. Zwei Bandenmitglieder hätten gegen das Haus uriniert, daraufhin habe ein Bewohner eine Flasche auf die Wild-Pinkler geworfen.

Die Fenster des "Streetfighters"-Clubs gegenüber sind zugeklebt mit Plastikfolien. Man soll nicht sehen, was drinnen passiert. Menschen, die den Club von innen kennen, sagen, der Raum bestehe aus Sofas und Tischen, ein Boxsack hänge von der Decke, Hanteln fürs Gewichtheben lägen herum.

"Präsident" der "Streetfighters" wurde von den "Hells Angels" überfallen

Angemietet hat den Ladenraum der "Präsident" der "Streetfighters", der Kurde Ahmet A. Er ist der Polizei bekannt. Vor ein paar Wochen ist er von Mitgliedern der Berliner "Hells Angels" überfallen worden. Die meisten der 23 "Streetfighters" sind wegen Gewaltdelikten mit dem Gesetz in Konflikt geraten. In einem Polizeibericht heißt es, die jungen Männer seien "heranwachsende Straftäter" und hätten "zumeist türkischen Migrationshintergrund".

Auffallend ist, dass die Bewohner der Schererstraße 8 sich nicht zum Zoff mit den türkischen Jugendlichen äußern möchten. Auf ihrer Internetseite flehen sie: "Liebe Leute, kommt NICHT bei uns vorbei. Es ist aus unserer Sicht wirklich nicht hilfreich. Wir freuen uns, dass ihr solidarisch sein wollt! Tut das aber NICHT heute und NICHT durch Konfrontation."

Die Sprachlosigkeit der linken Hausbewohner über die Gewalt der überwiegend türkischen "Streetfighters" hat womöglich einen einfachen - absurden - Grund. Im Internet kursiert auch noch eine frühere Version dieser Stellungnahme. Darin heißt es: "Da es sich weder um Nazis noch um Bullen handelt, sind die üblichen aktionistischen Mittel nicht anwendbar. Wir werden auf Euch zukommen und um Unterstützung bitten, wenn wir wissen, wie Ihr uns helfen könnt."

Der Sozialarbeiter kennt einige Leute aus dem Hausprojekt. Er sagt: "Die sind verwirrt, dass sie nicht von Nazis angegriffen werden, sondern von Migranten. Das passt nicht in ihr Weltbild." Es heißt, die "Streetfighters" hätten von den Alternativen Schutzgeld erpresst. Die Polizei kann das nicht bestätigen.