Soziale Netzwerke und Mafia Mafia likes Facebook

Das organisierte Verbrechen macht sich auf Facebook breit. Die Mafiosi drohen Feinden, protzen mit ihrem Reichtum und diskutieren über ihre Karrierechancen. Auch der italienischen Polizei gefällt das - manchmal.

Von Andrea Bachstein, Rom

"Die Handschellen machen keine Angst - aber die machen Angst, die anfangen zu singen, damit sie aufgehen." Das ist nicht schwer zu verstehen: Wer mit der Polizei redet, ist ein Charakterschwein und wird auch so behandelt. Dass Mafiosi so denken, ist wenig überraschend. Dass sie solche Nachrichten auf Facebook posten, ist noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber digitale Realität.

Die zitierte Warnung an Verräter stammt von der Facebook-Seite von Gregorio Palazotto. Dort war auch gepostet, als stamme es von einem Kämpfer für Gerechtigkeit: "Wir öffnen diese Gitter - Amnestiiiiiie" oder "besser die Freiheit verlieren als Ehre und Würde".

Gregorio Palazotto firmierte als Transportunternehmer in Palermo, aber nach Ansicht der Polizei in Siziliens Hauptstadt war er ein Haupt der Cosa Nostra im Stadtteil Arenella. Auch sein Cousin Domenico Palazzotto suchte den Auftritt auf Facebook, wenngleich nicht unter echtem Namen.

Der 29-Jährige, den die Ermittler für den jungen Boss von Arenella halten, präsentierte sich da auf Fotos prahlend, als wäre er ein Mafioso aus einem Film: im Fond einer Stretchlimousine mit Champagnerflöte und Zigarillo in der Hand, oder mit nacktem Oberkörper auf einem Motorboot. Auf einem Video rühmte er sich, der wahre Pate zu sein - vermutlich am Tag seiner Machtübernahme.

Für Domenico Palazzotto hatte das neue Leben aber schnell ein Ende. Nur zehn Tage, nachdem er das Stretchlimousinen-Foto gepostet hatte, wurde er als einer von 95 Verdächtigen Ende Juni bei der Operation "Apokalypse" in Palermo verhaftet - ein großer Schlag gegen die neue Führung der Cosa Nostra. Seither debattiert Italien über die Internet-Präsenz der Mafiosi.

Strategiewechsel bei der Mafia

Ihren berüchtigten Vorgängern wäre so etwas nie eingefallen. Der sizilianische Superboss Bernardo Provenzano etwa, der sich mehr als 40 Jahre versteckt hielt, ehe er 2006 in einer Hütte bei Corleone gefasst wurde, ist berühmt für Botschaften alter Schule: Er kommunizierte mit "Pizzi" - kleinen Zetteln, die er engst beschrieb mit Anordnungen oder Grüßen, die über Mittelsleute an die Adressaten gelangten.

Aber die Mafia ist immer schon mit der Zeit gegangen; dass archaische, halbreligiöse Rituale oder ein toter Fisch als Warnung noch üblich seien, ist eine eher folkloristische Vorstellung. Sie nutzt selbstverständlich Handy und Computer wie alle anderen, und so nutzen vor allem jüngere Mafiosi auch soziale Netzwerke - privat und geschäftlich. Wie weit das geht, darüber berichtete das italienische Magazin Espresso.

In Palermo erhielten demnach Ladenbesitzer Drohungen, mit denen Schutzgeld erpresst werden sollte, auf ihren Facebook-Seiten. In einem Fall hatte der Absender sogar sein Foto angeheftet. Das ist nicht unbedingt intelligent. Die potenziellen Opfer zeigten ihre Erpresser an, sie wurden festgenommen.

"Hahahaaaa - ihr seid nur ein Stück Scheiße, Gehörnte, Bullen und Huren."

Natürlich ist der Polizei nicht entgangen, dass Mafiosi Spuren im Netz hinterlassen. Vor allem ihr Beziehungsgeflecht lasse sich aus Facebook-Auftritten erkennen, sagt ein Experte. Kleine Lichter in der Mafia-Hierarchie lassen sich aus über ihre Aufstiegsmöglichkeiten.

Einer, der schon ahnte, dass gegen ihn ermittelt wird, ging offenbar davon aus, dass die Polizei mitliest: "Die Leute hören nie auf, Gemeinheiten über mich zu verbreiten", schrieb er, und: "Hahahaaaa - ihr seid nur ein Stück Scheiße, Gehörnte, Bullen und Huren."

Als auf einen kampanischen Camorrista geschossen wurde, postete der aus dem Krankenhaus, es gehe ihm wieder gut und er gedenke, nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn zu handeln: "Keine Gnade mit denen, die dir Böses tun." Dafür erhielt er Solidaritätsbekundungen. Die bekommen auch andere Mafiosi, die Seite des inhaftierten Gregorio Palazzotto war sogar voller Liebeserklärungen seiner Frau.

Kriminelle Propaganda über Facebook

Eine Art kriminelle Propaganda könne über Facebook entstehen, sagt ein Ermittler, ein Instrument, mit dem Mafiosi Sympathien für sich und ihre Sache schaffen. So hat zum Beispiel auch der Sohn des einstigen Cosa-Nostra-Oberhauptes Totò Riina, Giuseppe Salvatore Riina, eine Facebook-Seite.

Der Mann, der sich in Medien stolz über seinen Vater geäußert hat und selbst schon acht Jahre lang im Gefängnis saß, präsentiert sich da als netter Kerl, modebewusst gestylt, der betroffen postet zum tragischen Tod eines Kindes oder banale Weisheiten verbreitet - die auch als Botschaften verstanden werden können.

Auch Riinas seit 1993 inhaftierten Vater findet man auf Facebook, ebenso Bernardo Provenzano, den großen Pizzi- Kommunikator. Sie sind in Hochsicherheitsgefängnissen isoliert und bearbeiten ihre Seiten gewiss nicht selbst.

Nicht immer ist klar, ob es Mafia-Kritiker sind, die diese Profile anlegen, oder Fans, denn auch mit bewunderndem Unterton wird da von vielfachen Mördern gesprochen. Eine italienische Initiative wirbt deshalb nun für eine Petition mit der Forderung, Beiträge aus sozialen Netzwerken zu entfernen, die Mafiosi oder mafiöses Verhalten anpreisen. Die Mafiosi selbst werden sich kaum vertreiben lassen.