Sonnenfinsternis in den USA "Wir wollen, dass Sie jeden Penny in Casper lassen"

Sonnenfinsternis in den USA: Für den befürchteten Stau gibt der Bundesstaat Wyoming nützliche Tipps.

(Foto: REUTERS)

Motelzimmer kosten 500 Dollar, es gibt zusätzliche Handymasten - und einen eigenen Wodka: Wie die US-Stadt Casper sich auf Sonnenfinsternis-Touristen vorbereitet.

Reportage von Thierry Backes, Casper (Wyoming)

Michael Zeiler hat historische Wetterdaten studiert. Er hat die geografische Lage von Casper, Wyoming, analysiert und abgewogen. Dann hat er gebucht, vor zwei Jahren schon. Einen Campingplatz für sich, seine Frau und auserlesene Freunde, fünf Nächte, 125 Dollar pro Zeltplatz. Er hat alles bis ins letzte Detail geplant.

Casper liegt mitten in dem bis zu 70 Meilen - mehr als 100 Kilometer - breiten Kernschatten. Es ist die erste totale Sonnenfinsternis seit mehr als 99 Jahren, die in den USA zu sehen ist. In 14 Bundesstaaten wird sich der Himmel verdunkeln, von Oregon an der West- bis nach South Carolina an der Ostküste. Vorausgesetzt, das Wetter ist günstig.

Zeiler, Jahrgang 1956, kurze Hosen, Wanderschuhe und ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Occupy Totality!", nennt sich selbst eclipse chaser, Sonnenfinsternisjäger. Seit 1991 hat er das Naturspektakel weltweit acht Mal beobachtet, vielleicht wird er Nummer neun tatsächlich jagen müssen.

Sonnenfinsternisjäger Michael Zeiler

(Foto: Thierry Backes)

"Ich bin beunruhigt", sagt Zeiler, der für den weltgrößten Softwarehersteller von Geoinformationssystemen arbeitet und zehneinhalb Stunden aus Santa Fe, New Mexico, angereist ist. Er zückt sein Handy und ruft eine Karte auf, die er eben auf seiner Website veröffentlicht hat. Sie basiert auf Rohdaten des "Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage" und prophezeit: Wolken über Wyoming.

Es sind noch fünf Tage bis zum Naturereignis, "zu früh für Entscheidungen", sagt Zeiler. "Aber wenn ich meine Position ändern muss, um die Sonnenfinsternis zu sehen, dann werde ich das tun." Das wäre Plan B.

Plan A heißt Casper. Über Städte wie Casper liest man in Reiseführern oft, sie seien Versorgungszentren. Es gibt: McDonald's, Applebee's und Taco John's, außerdem Tankstellen, Motels und zwei Walmarts. Die größte Touristenattraktion? Fort Caspar, der Nachbau einer militärischen Festung von 1865. Einmal im Jahr karren sie Bullen und Erde in das Events Center, zum Finale der nationalen College-Rodeo-Meisterschaft.

Was Casper derzeit attraktiv macht, ist seine Lage. Wenn sich der Mond am Montag um exakt 11.42:39 Uhr Ortszeit vor die Sonne schiebt, wird es hier für 2:25 Minuten dunkel, länger als an vielen größeren Orten in den USA. Die 60.000-Einwohner-Stadt, vier Autostunden nördlich von Denver, hat überdies eine 88-prozentige Chance auf wolkenlosen Himmel. Das hat die "National Oceanic and Atmosphere Administration" errechnet.

Das ist die Hauptattraktion in Casper, Wyoming: Eine rekonstruierte Militärfestung aus dem Jahr 1865.

(Foto: Thierry Backes)

Und dann ist da noch die Sache mit der Anbindung: "Wenn Sie auf eine Karte schauen, werden Sie große Straßen finden, die von hier über Hunderte von Meilen von West nach Ost entlang des Kernschattens verlaufen", sagt Zeiler. "Ich könnte also schnell nach Idaho oder Nebraska fahren, wenn das Wetter dort besser ist."

Caspers Bürgermeisterin Kenyne Humphrey kommt barfuß zum vereinbarten Gespräch. Es hat gerade geregnet, ihre Schuhe sind nass. Sie sieht in der Sonnenfinsternis die "einmalige Gelegenheit, unsere Stadt und unsere Lebensweise zu präsentieren". Sie sagt aber auch: "Tief in mir drin habe ich eine Scheißangst, dass es bewölkt ist."

Die Stadt hat ein Jahr lang an einem viertägigen Festival mit mehr als 40 Veranstaltungen gearbeitet. Man erwartet offiziell bis zu 35.000 Gäste. Ein Drittel soll aus dem Ausland anreisen, darunter mehrere Busladungen voller Touristen aus Japan. Vielleicht werden es aber auch 100.000 Menschen, das lässt sich nicht vorhersagen.

Die 2700 Hotelzimmer und 900 ausgewiesen Camping-Stellplätze sind jedenfalls komplett ausgebucht. Sie wurden in den vergangenen Wochen zu abenteuerlichen Preisen gehandelt. Ein Motelzimmer im "National 9 Inn" etwa war kurzfristig für 490,95 Dollar zu haben, in der Regel kostet es 54,95 Dollar. Bei Airbnb fand sich ein Haus für 3000 Dollar die Nacht, für den Platz auf einer Luftmatratze in einem alten Schulbus wollte jemand 550 Dollar haben und für einen Camping-Spot in der Prärie ein anderer 135 Dollar. Dazu sollte es zwei Holzpaletten als Unterstand geben und die Option, in der Tankstelle sieben Meilen entfernt zu duschen.