Sonnenfinsternis Die finstere Jagd

Für die totale Finsternis brechen manche Sonnenanbeter durchs Eis der Arktis: Eine Reportage aus der Barentssee von Birgit Lutz-Temsch

Barentssee, 79°52' nördliche Breite, 41°57' östliche Länge - Als der Sturm seinen Höhepunkt erreicht, schlagen die Wellen bis auf das oberste Deck der Polaris und hüllen das weiß-blaue Schiff in einen Gischtnebel. Die schwarzen, eisigen Wasser des Nordmeers erheben sich wütend gegen die Polaris und schlagen gegen ihre Bordwände, krachend und gewaltig. Es ist nicht mehr möglich, an Deck zu stehen, zu plötzlich fällt das Schiff in Wellentäler, zu sehr tost der Wind.

Obwohl in diesen Breiten jetzt Polartag ist, die Sonne nicht mehr untergeht, wird es so düster, dass drinnen im warmen Schiffsbauch die Lichter brennen. Die Passagiere und sogar Teile der Crew leiden. Die Gesichter werden erst bleich, dann grün. Wilde Wolken jagen über den dunkelgrauen Himmel, dick und undurchdringlich.

Es ist Donnerstag, und seit die Polaris am Dienstagabend Longyearbyen auf Spitzbergen verlassen und sich auf den Weg nach Franz-Josef-Land gemacht hat, sind die Wellen beständig höher, der Wind immer stärker, der Himmel dunkler und dunkler geworden.

Es ist dies allerdings kein gewöhnlicher Donnerstag. Es ist der Tag vor der totalen Sonnenfinsternis, und mindestens die Hälfte der 58 Passagiere an Bord der Polaris haben die Expeditionsreise von Spitzbergen nach Franz-Josef-Land nur wegen dieses Naturereignisses gebucht. Die Jagd nach der totalen Sonnenfinsternis 2008, sie droht ein Riesenflop zu werden.

Auf der Brücke beugen sich die Hobby-Astronomen sorgenvoll über Seekarten, zusammen mit dem russischen Kapitan Sergey Vasilievitch Pashkov und Expeditionsleiter Andreas Umbreit. Immer wieder wird der Kurs diskutiert, der optimale Beobachtungsort ausbaldowert, entlang der Kernzone der Finsternis.

Das Problem: Im Süden liegt laut den Wolkenwahrscheinlichkeitskarten, die sich die Sonnenjäger extra per Satellit haben schicken lassen, das Bewölkungsrisiko bei 90 Prozent. Im Norden, wo die Wahrscheinlichkeit geringer ist, ist auf der Eiskarte des Kapitäns eine geschlossene, feste Packeisdecke zu sehen. Zu viel für die kleine Polaris. Der Atomeisbrecher Jamal, der ebenfalls mit Eklipse-Süchtigen an Bord unterwegs ist, hat es einfacher: Die Polaris hält ständigen Kontakt mit der Jamal. Sie hat sich einen Weg in die voraussichtlich beste Gegend gebrochen.

Die Begeisterung des Bord-Astronomen Wolfgang Strickling lässt sich weder von den Wolken noch von dem Sturm bremsen. "Wir werden die Finsternis erleben!", wiederholt er beständig, mit leuchtenden Augen, "egal, wie das Wetter ist. Wir haben Teil an einem kosmischen Schattenspiel! Machen Sie das zum Erlebnis Ihres Lebens!" Diejenigen Passagiere, die primär wegen des Besuchs Franz-Josef-Lands an Bord sind, schauen etwas ratlos drein ob der enthusiastischen Beschreibungen Stricklings, der, seit er die Polaris betreten hat, über nichts anderes als Sonnenfinsternissen aller Art gesprochen hat. "Öffnen Sie Ihr Herz!" ruft er mit leuchtenden Augen. Und die Nicht-Sonnenjäger schauen noch ratloser.

Am Morgen des Eklipsen-Tages sind die ersten Passagiere schon um sechs Uhr auf der Brücke. Und das Wunder ist geschehen: Der Sturm hat nachgelassen, am Himmel sind große Lücken in den Wolken. Gerüstet mit Windmesser, beklebten Fernglasern und Objektiven stehen die Fotografen der Finsternis am Oberdeck.

Der Himmel reißt auf. Der Mond schiebt sich zwischen Erde und Sonne. Um 11:48 Uhr tritt die Totale ein. Und der Polartag 2008 ist für zwei Minuten unterbrochen. Dunkelheit hüllt die kleine Polaris in der großen Barentssee ein, außer den Wellen ist nichts zu hören. Gebannt beobachten nun alle den Himmel - egal, ob Eklipsenjäger oder nicht. Die Temperatur fällt schlagartig von 5,5 auf 0,7 Grad. Als der Diamantring der Sonne wieder zu sehen ist, jubelt Strickling. Expeditionsleiter Umbreit und Kapitan Pashkov, der damit schon seiner vierten Sonnenfinsternis erfolgreich hinterhernavigiert ist, sind zufrieden: Die schwierige Mission ist erfüllt.

Ein Anruf der Jamal: Sie hängt in einer Nebelbank, keine Chance auf einen Blick zur Sonne. Und auf der Polaris? Hier öffnen sich auf der Weiterfahrt nach Franz-Josef-Land die Herzen, wie es der Astronom vorhergesagt hat. Der Wodka hilft dabei.

Die Schwarze Sonne

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