Sommerloch 1981 Die Tage der Finsternis

Die Neutronenbombe des Ronald Reagan beschäftigt Moskau, die katholische Kirche will München vor Nacktbadern retten - und in London gibt's eine Traumhochzeit. Das ist der Sommer 1981.

Von Johannes Honsell

Was für ein Sommerloch: Es drohte glatt die Sowjets zu verschlucken. Ihr Weltreich versank in Finsternis, vom Schwarzen Meer bis zur Insel Sachalin verschwand die Sonne. Die Flüsse flossen bergauf. Racheengel des Westens kreisten am Firmament und warfen Neutronenbomben.

Na ja, nicht ganz. Das Flüsschen Wop, 200 Kilometer westlich von Moskau, trieb bergauf wegen eines Orkans, der nebenher auch noch einen ganzen Kiefernwald umlegte. Die Erde verdunkelte sich, weil sie das immer tut, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt. Und das mit den Racheengeln war gelogen - jedenfalls zum größten Teil.

In diesem Jahr 1981 war die Neutronenbombe seit Anfang August Realität. US-Präsident Ronald Reagan ließ sie bauen, aus Furcht vor russischer Überlegenheit. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass nannte das infernalische Gerät die "unmenschlichste Variante der Massenvernichtungswaffen", weil sie Menschen tötete, die Gebäude aber stehen ließ. Außerdem sei sie eine "unverschämte Herausforderung der öffentlichen Meinung Westeuropas".

Das war nicht einmal Propaganda. In Deutschland formierten sich die ersten Protestzüge, die später, im Herbst, zu gewaltigen Friedensdemonstrationen anschwellen sollten. Titanic ersann ein verwaistes Kreuz auf Golgatha fürs Cover und schrieb darunter "Rums!- da ist der Heiland weg."

Harter Stoff für die Katholiken, die in diesem Sommer ohnehin umzingelt waren, und zwar von "wilden Nacktbadern". Zumindest war das die Diktion des Katholikenrats der Region München. Und die Nackten waren nicht einfach nur nackt!

Dem katholischen Rat zufolge zeigten sie im Englischen Garten und auf dem Olympiagelände auch "eine erhebliche Aggressivität", die von "verbaler Kraftmeierei bis zum Zwang, sich ebenfalls auszuziehen" gereicht habe.

Sodom und Gomorrha also in Münchner Parks, Apokalypse am russischen Firmament und dazu noch Massenunruhen perspektivloser Jugendlicher in England. Gab es überhaupt Hoffnung? Wie man's nimmt.

Charles und Diana heirateten, weltweit sahen 750 Millionen Menschen zu, nur ein paar Versprengte verweigerten sich. Es schien eine Traumhochzeit zu sein, der Prinz und seine Märchenprinzessin mit dem schüchternen Augenaufschlag.

Einzig in der Sowjetunion bekam man wirklich gar nichts ab vom royalistischen Zuckerguss, weil das Staatsfernsehen die Berichterstattung über die Zeremonie verweigerte. Zehn Sekunden in den Spätnachrichten - mehr Traumhochzeit war nicht.

Der ganze monarchistische Zirkus solle bloß von der prekären Situation auf den Straßen Großbritanniens ablenken, argumentierte die Agentur Tass. Für das Sowjet-Volk war das schade. Denn so blieb es finster und trostlos im russischen Sommerloch.