Slackline-Profi Dickey "Du hast Angst zu sterben"

Seit dreieinhalb Jahren balanciert Faith Dickey auf der ganzen Welt über schwindelerregend hohe Schluchten und Abgründe. Die Amerikanerin ist der Star der sogenannten "Slackliner"-Szene, mittlerweile kann sie von ihrem Hobby leben. Doch trotz aller Erfahrung und Sicherungen ist die Todesangst auf dem Seil mit dabei.

Von Anja Perkuhn

Eine Ukelele und ein Messer zum Trampen und ein paar Bänder aus dichtgewebtem Nylon - viel mehr braucht Faith Dickey nicht. Das behauptet sie, während sie im halbhohen Gras im Münchner Englischen Garten steht, ein frisch gepflücktes Gänseblümchen hinter dem linken Ohr. Faith Dickey ist Slacklinerin, früher hätte man vielleicht gesagt: Seiltänzerin. Sie ist eine der besten, die es gibt, und ohne Sicherung auf einem wankenden Kunststoffband zwischen Gebirgszügen zu wandeln, ist ihre Art, sich innere Freiheit zu erarbeiten. Oder zumindest wahnwitzig viel Spaß zu haben.

Slacklinerin Faith Dickey aus Texas beim Training im Englischen Garten in München.

Faith Dickey ist 23 Jahre alt, aufgewachsen ist sie in Austin, im US-Bundesstaat Texas. Fünf Jobs gleichzeitig hatte sie, arbeitete 80 Stunden pro Woche als Babysitterin oder Kellnerin, weil sie Geld sparen wollte für ihr Studium: Modedesign in New York. Doch dann kam der Unfall, vor vier Jahren. Sie war mit dem Auto unterwegs nach Hause, völlig übermüdet, und nickte kurz ein. Das Auto kam von der Straße ab, überschlug sich - Totalschaden. Ihr selbst passierte nichts bei dem Unfall, äußerlich war alles gleich geblieben, bis auf ein paar blaue Flecken. "Aber das hat mich dazu gebracht, ein paar Dinge zu überdenken. Mit 19 so viel und so hart zu arbeiten anstatt zu leben, das war die falsche Entscheidung für mich." Also packte sie ihre Sachen, zog los nach Europa und begann über so viele Abgründe wie möglich zu balancieren. Das ist zwar auch nicht ganz ungefährlich, machte sie aber glücklicher.

Den Extremsport hatte Faith Dickey erst kurz zuvor kennengelernt: Sie war in einem Park in Austin unterwegs, sah eine Slackline zwischen zwei Bäumen, versuchte sich - noch recht ungeschickt - an einem Lauf. Von Baum zu Baum zu kommen, das ist erst der Anfang des Slacklinings. Schwieriger wird es beim Longlining und Highlining. Die Longline wird auch über ebenem Gelände gespannt. Das Entscheidende ist, sich zehn, zwanzig Minuten lang konzentrieren zu können, die gesamte Psyche auf das Ziel auszurichten, das Ende einer 50, 100, 200 Meter langen Line zu erreichen. Faith Dickey hält hier den Frauenweltrekord mit 220 Metern.

"Du hast Angst zu sterben"

Bei der Highline dagegen ist alles anders. Auch hier hält Dickey den Weltrekord - 85 Meter mit Sicherung, 26 Meter free solo, also ohne jegliche Sicherung. Allein mit Konzentration ist es hier nicht getan, denn die Slackline wird über einen Abgrund gespannt. Das können zwei Gebäude sein, zwei Felsvorsprünge, zwei Brückenpfeiler. Und dann kommt die Angst. "Es ist die selbe Art Konzentration", sagt Faith Dickey, "aber selbst, wenn du mit einer Leine gesichert bist, hast du Angst zu sterben." Der Wind weht unvorhersehbar, der Körper protestiert, der Verstand ebenfalls. "Jeder redet über ,die Zone'. Wenn du erst einmal in der Zone bist, wenn du gar nichts mehr denkst, du nur noch in einem physischen Zustand vorhanden bist, dann ist das etwas sehr Reines." Und es ist eine kleine Flucht aus dem Alltag, ähnlich wie das Klettern, sagt sie: "Nur du, die Natur und das Adrenalin."

Seit dreieinhalb Jahren ist sie nun schon unterwegs, reist von Stadt zu Stadt, von Schlucht zu Schlucht, anfangs mit ihren Ersparnissen für das Studium, inzwischen mit Sponsorenmitteln, per Anhalter, kommt bei Freunden unter, Bekannten, Fremden. Sie ist Mitglied in einem Slackliner-Team geworden, hat ein eigenes Team für Frauen gegründet. Frauen sind vor allem auf hoch gespannten Bändern eine Seltenheit. Wer da Begabung und Begeisterung hat, Zeit und Ausdauer, der gehört schnell zur Spitze, so wie Faith Dickey. Im Mai war sie mit ihrem Team in Marokko und hat die sechs ersten Highlines eröffnet, die es dort jemals gegeben hat. Die Mission, sagt sie, sind so viele neu eingeweihte Pfade wie möglich, überall auf der Welt. Slacklining ist ein junger Sport, er stammt aus den Anfängen der Achtziger Jahre und war zunächst eine Nebenbeschäftigung von Freikletterern.

Noch ist die Slackline-Community überschaubar. Nur ein paar Teams sind so gut und so ausdauernd unterwegs, dass sie ihren Lebensunterhalt mit diesem Sport bestreiten können. Faith Dickey antwortet zwar schon lange auf die Frage nach ihrem Job mit "professionelle Slacklinerin", davon leben kann sie aber erst seit etwa einem Jahr. Es ist eine kleine, verrückte Großfamilie, die sich da gefunden hat. In den vergangenen Jahren ist der Sport populärer geworden, in den meisten großen Parks hängen zwischen den Bäumen Gurte, Menschen, Ehrgeiz in der Luft. Man könnte auch sagen: Das Balancieren ist Mainstream geworden. Nicht jeder Slackliner schätzt diese Entwicklung.

Von der Line in den Playboy

In Fernsehen und Internet läuft gerade ein Werbespot für einen Autohersteller, in dem Faith Dickey auftritt: Eine Slackline ist zwischen zwei Trucks gespannt, die auf zwei Tunnelröhren zufahren - während sie auf der Line balanciert. Auch mit solchen Aktionen schubst man einen Sport in Richtung Rampenlicht und nimmt ihm die Magie des Abseitigen. Gibt das nicht Ärger in der Community? Ach, sagt Faith Dickey, eine solche Entwicklung kann keine Diskussion aufhalten. Und immerhin könne sie dann mehr Menschen erklären, was den Sport wirklich ausmache: "Natürlich ist das alles sehr tiefgehend und philosophisch, was man auf der Slackline tut. Aber es kann auch einfach Spaß machen."

Während Sie den monk auf der Line versucht, eine Art Hocke mit mönchartig vor der Brust gefalteten Händen, räuspert sich der Pressesprecher der Truck-Firma. Er lehnte bis dahin ruhig an einem Baum, doch gerade ist ihm wieder etwas eingefallen: "Ach, Faith, der Playboy hat angefragt, ob du eine Fotostrecke machen willst." Faith Dickey verliert, zum ersten Mal an diesem Tag das Gleichgewicht und fällt vom Band.