Skandal um Schwangerschaftsabbrüche in Großbritannien Wenn das Geschlecht zum Abtreibungsgrund wird

Großbritannien hat ein liberales Abtreibungsgesetz, das den Ärzten viel Freiraum lässt - den diese mitunter auch missbrauchen. Mediziner sollen in mehreren Fällen dazu bereit gewesen sein, ein Kind abzutreiben, nur weil es in den Augen der Mutter das falsche Geschlecht hatte. Das offenbaren die Recherchen einer Gruppe von Journalisten.

Von Lena Jakat

Sind die Gesetze zu lax? Die Beratungsorganisationen voreingenommen? Die Mediziner unmoralisch? In Großbritannien ist eine neue, scharfe Debatte über Abtreibung entbrannt, aus schockierendem Anlass: Ärzte in mehreren britischen Kliniken sollen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt haben, weil das Kind nicht das gewünschte Geschlecht hatte - oder zumindest die Bereitschaft zu dem Eingriff signalisiert haben. Zu diesem Ergebnis kamen investigative Recherchen des Telegraph.

Redakteure der Tageszeitung begleiteten undercover schwangere Frauen in neun Abtreibungskliniken im ganzen Land. Dort verlangten die Mütter einen Abbruch, angeblich, weil sie mit dem Geschlecht des Kindes nicht einverstanden seien. In drei der neun Kliniken gingen die Ärzte auf ihre Bitten ein, boten zum Teil sogar an, in den notwendigen Unterlagen falsche Angaben zu machen. "Ich stelle keine Fragen", sagte etwa eine Gynäkologin der Daily Mail zufolge. "Wenn Sie einen Abbruch wollen, wollen Sie einen Abbruch."

Nach Veröffentlichung der aufsehenerregenden Recherchen kündigte das Gesundheitsministerium umgehend eine Untersuchung an. Der zuständige Minister Andrew Lansley sagte, er sei "extrem besorgt" über diese Verdachtsfälle. "Ich habe meine Beamten gebeten, in dieser Sache mit Hochdruck zu ermitteln." Die Selektion nach Geschlecht sei nicht nur "moralisch falsch", sondern auch "illegal", sagte Lansley.

In Großbritannien regelt das Abtreibungsgesetz von 1967 die Bedingungen für einen Abbruch bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Dieser ist nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist, wenn das Kind "schwer behindert", oder die Schwangerschaft geeignet ist, die "mentale oder körperliche Gesundheit" der Mutter oder etwaiger Geschwister zu beeinträchtigen. Eine Abtreibung wegen des Geschlechts des Kindes ist verboten.

Allerdings bietet die Klausel der "mentalen Gesundheit" seit jeher Ärzten einen großen Interpretationsspielraum. "Man hört immer wieder, dass es soziale und kulturelle Gründe dafür gibt, ein Geschlecht dem anderen vorzuziehen und wir müssen mehr darüber wissen, warum diese sich entwickeln", sagte der Präsident des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists dem Telegraph. "Die Sachlage ist komplex. Zum Beispiel werden manche Frauen möglicherweise unter Androhung von Gewalt zu einem Abbruch genötigt. Wir müssen diese Frauen ausfindig machen und ihnen Unterstützung anbieten."

Abtreibungsgegner sehen sich durch die Recherchen in ihrer Kritik an der Abtreibungspolitik Großbritanniens bestätigt: "Die Nachforschungen bestätigen die Realität von Eugenik in der modernen britischen Medizin", sagte Anthony Ozimic von der Society for the Protection of Unborn Children dem Telegraph. Abtreibungsbefürworter fürchten dagegen Einschränkungen der seit 1967 so gut wie unveränderten liberalen Gesetze.

Im Jahr 2010 wurden 189.574 Schwangerschaftsabbrüche in Großbritannien durchgeführt. Eine EU-weite Statistik zeigte 2009, dass es auf der Insel mehr Abtreibungen gibt als anderswo in Europa. Die Hälfte aller Teenager-Schwangerschaften (2009 waren es 38.259) enden mit einem Abbruch.

Die britischen Kliniken, in denen während der Telegraph-Recherchen den Müttern Abbrüche aus Geschlechtsgründen angeboten wurden, bemühen sich indes um Schadensbegrenzung. Eine Gynäkologin des Pall Mall Medical im nordenglischen Manchester wurde vom Dienst suspendiert, eine Ärztin einer Londoner Klinik wurde ebenfalls freigestellt. Klinikbetreiber haben ihrerseits Ermittlungen angekündigt.