Skandal mit HIV-Daten Der Verrat von Grindr

Grindr bezeichnet sich als größtes Netzwerk für homo-, bi- und transsexuelle Menschen. Es vernetzt Nutzer für kurz- und langfristige Bekanntschaften.

(Foto: picture alliance / Everett Colle)
  • Die Dating-App bietet ihren Nutzern die Möglichkeit an, ihren HIV-Status im Profil anzugeben.
  • Beim Start dieser Funktion wurde Grindr für die Initiative überwiegend gelobt.
  • Jetzt wurde allerdings bekannt, dass diese sensiblen Daten weitergegeben wurden - angeblich nur, "um die App zu verbessern".
Von Laura Hertreiter und Hakan Tanriverdi

Gerade erst hat die Dating-App Grindr mit einer neuen Funktion weltweit für Begeisterung gesorgt. Und nun, wenige Tage später, herrscht Entsetzen. Die Geschichte, die von Fluch und Segen privater Informationen im Netz erzählt, begann vergangene Woche.

Die Entwickler der Plattform, die sich als größtes soziales Netzwerk für homo-, bi- und transsexuelle Menschen bezeichnet, kündigten an, ihre Nutzer alle drei bis sechs Monate an einen HIV-Test zu erinnern und auf die nächstgelegene Teststelle in der Umgebung hinzuweisen. Die mehr als drei Millionen täglichen Nutzer müssten dafür der neuen Funktion zustimmen. Das erklärte Ziel, den Umgang mit Aids und dem HI-Virus zu normalisieren, wurde erst einmal von vielen Seiten bejubelt.

Der US-Mediziner Jonathan Mermin etwa sagte der New York Times, es seien "alle effektiven Anstrengungen zum regelmäßigen Testen willkommen", je mehr Organisationen sich bemühten, umso besser. Gerade Männer, "die sich über Apps wie Grindr zum schnellen Sex verabredeten", seien "hochgefährdet, sich zu infizieren". Auch Nutzer begrüßten die Neuerung, wie schon vor einem Jahr, als Grindr die Möglichkeit einführte, den HIV-Status im Profil angeben zu können, um "einen offeneren Dialog zu fördern". Wenn daran nun ein Vorsorgeservice geknüpft sei, so der Tenor: umso besser.

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Nun aber gerät das Netzwerk massiv unter Druck, die Euphorie schlägt ins Gegenteil um. Eine Untersuchung der unabhängigen norwegischen Forschungsorganisation Sintef hat einem Bericht der Webseite Buzzfeed zufolge gezeigt, dass Grindr Nutzerdaten weitergegeben haben soll, auch die Informationen zum HIV-Status. James Krellenstein, der in der Vereinigung "Act up New York" für die Rechte von Aidskranken eintritt, nannte das Vorgehen "ungeheuerlich" - und das ist nur eine von zahllosen Stimmen der Entrüstung.

"Kein kommerzieller Zweck" - das ist nur ein Teil der Wahrheit

Grindr-Sicherheitschef Bryce Case lenkte am Montag nach heftiger Kritik ein, dass man in Zukunft keine Daten über eine HIV-Infektion von Nutzern an andere Firmen mehr weitergeben werde, der Prozess werde mit dem nächsten Software-Update eingestellt. Gleichzeitig verteidigte er das Vorgehen laut Buzzfeed: Die Daten seien nicht zu kommerziellen Zwecken geteilt worden, sondern nur, "um die App zu verbessern".

Sintef zufolge landeten sie über verschlüsselten https-Datenverkehr bei zwei App-Betreibern, Localytics und Apptimize, die laut Grindr für die Optimierung der Anwendung bezahlt werden. Das gehöre "zum Standardverfahren bei der Entwicklung von mobilen Apps" und diene keinem kommerziellen Zweck, sagte Case. Allerdings ist das nur ein Teil der Wahrheit.