Skandal bei Unicef Verspieltes Vertrauen

In den fragwürdigen Vorgängen bei Unicef erwies sich das Kinderhilfswerk als unfähig im Krisenmanagement. Dabei sollte es sich schnellstens wieder auf seine ursprüngliche Aufgabe konzentrieren: Kindern in Not zu helfen.

Kommentar: Hans Leyendecker

Das Wort Skandal hat seine Wurzeln in der Antike. Die Griechen bezeichneten das Stellhölzchen einer Falle als scandalon. Die Fangvorrichtung klappte zu, wenn das Hölzchen berührt wurde. Der Unglückliche saß in der Falle und wurde vom Publikum bestaunt. Voraussetzung für einen ordentlichen Skandal in unseren Tagen ist es allerdings, dass es einem Skandalierer gelingt, ein Ereignis als Skandal zu definieren.

(Foto: Foto: AP)

Meist versuchen Medien, zu bestimmen, was ein Skandal ist und was eine Bagatelle bleibt. Sind die Vorgänge um das Kinderhilfswerk Unicef ein Skandal? Wenn allein das Rauschen der Blätter ein Maßstab für eine solche Beurteilung wäre, handelte es sich im Fall Unicef um eine handfeste Affäre. Nach den üblichen Kriterien für die Beurteilung von illegalen Vorfällen im Reich der Wirtschaft hingegen ist der Fall eher eine Bagatelle.

Weder sind Gelder veruntreut, noch sind sie im Wortsinn verschwendet worden. Zwar führt die Staatsanwaltschaft Köln gegen den Geschäftsführer der Organisation ein Ermittlungsverfahren, aber die in solchen Situationen übliche Floskel, es handele sich nur um einen Anfangsverdacht, ist diesmal nicht nur ein Allgemeinplatz. Die Akte der Ermittler besteht im Wesentlichen aus Presseartikeln und Hinweisen von Zeitungsvertretern auf angeblich verdächtige Vorgänge.

Dazu hat das Büro der damaligen Unicef-Vorsitzenden Heide Simonis im Dezember noch kräftig Vages und Unkonkretes geliefert. Selbst erfahrene Strafverfolger erleben nicht alle Tage, dass sich eine Vorsitzende derart exponiert. Mit dem Wunsch nach Transparenz und Aufklärung ist das Vorgehen der ehemaligen Kieler Ministerpräsidentin nicht zu erklären. Dass Außenstehende wie Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen "Unicef vor Unicef in Schutz" (Wilke) nehmen mussten, war ein Versuch, die totale Selbstdemontage zu verhindern. Der gemeinnützige Verein sprach mit mindestens zwei Zungen.

Warum aber finden die Vorwürfe, die genauer betrachtet, eher überschaubar sind, ein solches Echo? Warum lassen Ehrenamtliche ihr Ehrenamt ruhen, warum wenden sich Spender in Scharen enttäuscht ab? Sie alle sind verunsichert, verwirrt. Die Organisation erwies sich als unfähig im Krisenmanagement. Unicef war in den wochenlangen Auseinandersetzungen nicht in der Lage, der Öffentlichkeit zu erklären, wie eine solche Organisation funktioniert. Auch das ist Missmanagement und dafür verantwortlich ist der Geschäftsführer.

Das Wort des Interims-Vorsitzenden Reinhard Schlagintweit, dass der Geschäftsführer manchmal nicht penibel und akkurat vorgehe, aber ansonsten sehr tüchtig sei, war vermutlich nett gemeint, aber ist doch eine Ohrfeige. Die Enttäuschung über Unicef hängt womöglich auch damit zusammen, dass sich die Öffentlichkeit ein falsches Bild von Hilfsorganisationen macht. Sie misstraut ganz generell Politikern, Managern und Journalisten - und sie hat Vertrauen zu Medizinern, Lehrern und Helfern.

Unicef war in den vergangenen Jahren, die öffentlichen Zuschüsse nicht berücksichtigt, bei den Spendeneinnahmen erfolgreicher als andere vergleichbare Organisationen wie "Brot für die Welt", "Kindernothilfe", "Greenpeace", "Welthungerhilfe" oder "Terre des Hommes". Das spricht für das Management und den Einsatz der Ehrenamtlichen.

Aber auch der Spendenmarkt ist letztlich nur ein Markt und auf dem konkurrieren Organisationen um jeden Euro. Es bedarf einer gutausgestatteten Organisation, die das Sammeln und das Spenden organisiert und sie muss sich auch auf externe Berater stützen können, die für das Akquirieren von Geldern entlohnt werden. Niemand darf allerdings erwarten, dass praktisch annähernd hundert Prozent der Spenden in die Projekte fließen. Eine solche Quote kann keine Hilfsorganisation leisten.

Aber die Vorgänge müssen für die Öffentlichkeit transparent sein, sonst geht das Vertrauen verloren, das für Hilfsorganisationen, die Spenden sammeln, die vielleicht wichtigste Grundlage ihrer Tätigkeit ist. Der gute Ruf ist für sie lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. Sie können sich keine Skandale und keine Unsauberkeiten leisten, weil das ihr Image zerstört. Sie müssen auch deshalb vorbildlich erscheinen, weil viele Menschen in einer Welt voller Skandale einfach glauben wollen, dass es irgendwo noch Einzelne oder Organisationen gibt, denen man vertrauen kann.

Unicef ist durch die Vorgänge in eine Vertrauenskrise geraten und es wird die wichtigste Aufgabe des neuen Vorsitzenden sein, das Ansehen der Organisation so gut es geht wieder herzustellen. Ob am Ende ein ziemlich erfolgreicher Geschäftsführer gehen muss oder nicht, ist eher eine Randfrage. Wichtiger ist, dass sich Unicef möglichst bald wieder seiner eigentlichen Aufgabe zuwenden kann: Kindern in Not zu helfen. Denn ihre Lage ist in vielen Ländern der Erde immer noch elend. Sie werden als Soldaten in Kriegen eingesetzt, als Arbeiter in Betrieben verheizt und als Prostituierte missbraucht. Kinder können sich nicht selbst helfen. Sie brauchen Organisationen, die Hilfen organisieren können - weil sie Vertrauen genießen.