Einladungen absagen, Gottesdienste schwänzen, nichts verschenken: Ein Interview mit dem Vereinfachungs-Weltmeister Werner Tiki Küstenmacher.
Werner Tiki Küstenmacher ist evangelischer Pfarrer und arbeitet seit 1990 als Autor und Karikaturist. Von ihm und Lothar J. Seiwert stammt der Bestseller "Simplify your life". Im Interview erklärt er, wie man das Leben Weihnachten vereinfachen kann.
Autor Küstenmacher ratlos: "Warum ist Schnee an Weihnachten den Menschen so wichtig?" (© )
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sueddeutsche.de: Es ist schon wieder Dezember und noch kein einziges Geschenk eingekauft. Ist eine fröhliche und vor allem stressfreie Advents- und Weihnachtszeit nur noch ein Traum?
Werner Tiki Küstenmacher: Es ist zwar schon sehr knapp, aber noch nicht zu spät. Die Familie sollte sich so schnell wie möglich zur Weihnachtskonferenz treffen. Jeder beantwortet die Fragen: Wie sehen schöne Weihnachten für mich aus? Was nervt mich?
Da kommen dann ganz verblüffende Dinge zu Tage: Keiner mag in den Weihnachtsgottesdienst, zu laut, zu voll. Dann beschließt man eben, dass er ausfällt. Keiner kommt in die Hölle, wenn er nicht am 24. um 17 Uhr in die Kirche geht. Ich liebe die ruhige nächtliche Christmette oder den entspannten Vormittagsgottesdienst am ersten Feiertag.
sueddeutsche.de: Ein großer Stress-Faktor: Die Geschenke! Kennen Sie das perfekte Geschenk?
Küstenmacher: Diese Schenkerei ist wirklich ein krasser Aufwand. Allein ein Päckchen zu verschicken. Viel besser wäre, sich zu entspannen und aus dem Schenk-Fest ein Beschenkt-Werden-Fest machen.
sueddeutsche.de: Aber das entspricht nicht unserer guten Erziehung: Nehmen heißt auch geben.
Küstenmacher: Man sollte Weihnachten sehen als das Fest, an dem man beschenkt wird. Das ist ja eigentlich auch die Grundidee, dass wir von Gott beschenkt werden. Gott kommt als Mensch auf die Erde. Insofern ist das beschenkt werden wichtiger als das Schenken.
sueddeutsche.de: Aber dann hat doch der andere den Stress!
Küstenmacher: Das muss man aushalten können und mutig in den Kindermodus schalten: Das Weihnachtlichste ist doch die Freude, wenn die Kleinen etwas kriegen und nichts geben müssen. Außerdem nimmt man ja so auch Stress heraus, weil man weniger Hektik verbreitet in der Familie. Und die anderen merken dann: Er meint es ernst, Weihnachten soll kleiner und ruhiger werden.
sueddeutsche.de: Also gar keine Geschenke mehr?
Küstenmacher: Geschenke sollten hauptsächlich etwas Symbolisches sein. Oft ist die kleine Postkarte, auf der man ein paar Gedanken drauf schreibt, das wertvollere Geschenk als das Buch oder die CD.
Auch die Familie sollte gemeinsam beschließen, dass große Anschaffungen getrennt werden von Weihnachten. Wenn jemand neue Skier braucht oder ein neues Fahrrad, dann bekommt er das, aber nicht als Weihnachtsgeschenk. Diese Anschaffungen müssen doch so oder so gemacht werden. Deshalb ist es ganz wichtig aus der Spirale herauszukommen: Nur weil der eine Sohn ein neues Fahrrad braucht, muss der andere auch ein riesiges Geschenk erhalten.
sueddeutsche.de: Was tun mit schrecklichen Geschenken?
Küstenmacher: Weg damit. Immer befürchtet man, dass der Schenker kommt und kontrolliert, ob sein Geschenk auch aufgebaut ist. Das passiert doch so selten. Wir haben von einem befreundeten Maler ein ganz fürchterliches Bild bekommen. Eine optische Beleidigung. Überhaupt nicht unser Stil. Wir haben es weiterverschenkt. Der Maler hat übrigens nie danach gefragt.
sueddeutsche.de: Aber beleidigt man damit nicht den Schenker?
Küstenmacher: Nein, überhaupt nicht. Sie können doch seine gute Absicht würdigen. Und es ist doch nicht beleidigend, wenn man das Geschenk nicht selber nutzt.
sueddeutsche.de: Wie entkommt man dem Familienmarathon?
Küstenmacher: Der Hauptgrund, warum das weihnachtliche Familienfest Jahr für Jahr nach demselben Muster abläuft, ist die Angst vor Schuldgefühlen. Bewerten Sie Ihre negativen Gefühle auf einer Skala von ein bis zehn. Wenn "sich schuldig fühlen" eine volle zehn erzeugt, entschuldigen Sie sich höflich und sagen den Besuch ab.
sueddeutsche.de: Aber trotzdem gibt es Besuche, die man absolvieren muss. Wie bringt man die einigermaßen gut gelaunt hinter sich?
Küstenmacher: Schon lange vorher ausmachen: Wir kommen zum Mittagessen und bleiben bis zum Kaffee. Danach werden wir aber wieder gehen. Wenn dieser Zeitrahmen geklärt ist, kann der Gastgeber nicht enttäuscht sein, weil er nun auf seinem vorbereiteten Abendessen sitzen bleibt.
sueddeutsche.de: Apropos Essen: Neben den Geschenken ist das der große Stress-Faktor zur Weihnachtszeit.
Küstenmacher: Ja, das ist erstaunlich. Selbst bei ganz vernünftigen Menschen bricht der Ehrgeiz aus: Ich muss meine Familie festlich bekochen mit Gans und allem Drum und Dran. Dabei hat das Weihnachtsfest einen Simplify-Charme: Jesus wird in einem Stall geboren. Deshalb ist es doch ganz im Sinne von Weihnachten, wenn es einfacher, schlichter gefeiert wird.
sueddeutsche.de: Also Pizza-Service statt Gans aus dem Ofen?
Küstenmacher: Nein, das auch wieder nicht. Aber was spricht gegen Würstchen mit Kartoffelsalat?
sueddeutsche.de: Das gibt es bei Ihnen am Heiligen Abend?
Küstenmacher: Nein, wir machen einen einfachen Putenrollbraten.
sueddeutsche.de: Mal ehrlich: Haben Sie schon alle Geschenke besorgt?
Küstenmacher: Leider nein. Es hat wieder nicht geklappt. Aber wir haben uns schon an das halb-perfekte Fest gewöhnt und genießen es um so mehr. Deshalb kann ich gar nicht oft genug mein oberstes Simplify-Gebot wiederholen: Entperfektionieren Sie Ihr Leben!
Zum Thema: Marion und Werner Tiki Küstenmacher "simplify your life - Die Weihnachtsfreude wiederfinden", Campus Verlag, 9,90 Euro.
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(sueddeutsche.de)
Studie von UN-Kinderhilfswerk