Silvio Berlusconi und Karima el-Mahroug Der Premier und die Ausreißerin

Berlusconi und Ruby: Der Premier und die Ausreißerin

(Foto: dpa)

Mit ihrem Urteil gegen Silvio Berlusconi im Ruby-Prozess gingen die Richterinnen über das geforderte Strafmaß hinaus: Italiens ehemaliger Ministerpräsident soll wegen Sex mit einer Minderjährigen und Amtsmissbrauch sieben Jahre ins Gefängnis. Und Ruby ist nicht die einzige Frau mit auffälliger Oberweite, die vor Gericht eine Rolle spielte.

Von Andrea Bachstein, Rom

Finster und noch angespannter als sonst sieht das magere Gesicht von Rechtsanwalt Nicolo Ghedini aus, während er die Robe und die weiße Spitzenkrawatte im Gerichtssaal ablegt. Soeben hat die Vorsitzende Richterin das erstinstanzliche Urteil im "Ruby"-Prozess verkündet. Ghedinis Mandant Silvio Berlusconi erhielt sieben Jahre Haft, schuldig der Prostitution Minderjähriger und des Amtsmissbrauchs als Regierungschef. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, sollte eine der beiden Seiten Berufung einlegen. Es wird erwartet, dass Berlusconis Anwälte das Urteil anfechten.

Ein paar Minuten später sagt Ghedini am späten Montagnachmittag, er habe so ein Urteil erwartet, aber es sei "außerhalb der Realität". Er hatte Freispruch verlangt. Doch die drei Richterinnen in Mailand verhängten nach anderthalb Jahren und 52 Verhandlungen gegen Italiens Ex-Premier eine Strafe, die noch um ein Jahr über dem Strafmaß liegt, das Staatsanwältin Ilda Boccassini vor vier Wochen gefordert hat.

Und sie sind auch bei dem, was Berlusconi am meisten gefürchtet hat, über den Antrag der Anklage hinaus gegangen: Das Urteil schließt ein dauerhaftes Verbot ein, öffentliche Ämter zu bekleiden. Dass Berlusconi mit seinen fast 77 Jahren je in eine Gefängniszelle einziehen muss, ist allein aus Altersgründen äußerst unwahrscheinlich. Aber nicht mehr in der Politik mitmischen zu können, das ist für ihn verheerend. Sollte das Urteil bestätigt werden, muss Berlusconi seinen Parlamentssitz aufgeben.

"Sie wollen mich aus der Politik entfernen"

Der Angeklagte hatte dem Termin äußerst pessimistisch entgegengesehen: "Sie wollen mich aus der Politik entfernen", hatte Berlusconi dem Vernehmen nach am Wochenende zu Vertrauten gesagt. Er wusste, dass ihm keines seiner Verfahren so schaden würde wie jenes um die "Bunga-Bunga"-Nächte in seinem Anwesen in Arcore, die seinen Ruf international ruiniert haben. Zugleich wurde Karima el-Mahroug, junge Heimausreißerin marokkanischer Herkunft, eine globale Trash-Berühmtheit samt Gastauftritt beim Wiener Opernball.

Das Gericht kam jetzt zu der Überzeugung, Berlusconi habe bei Festen in seiner Villa mit der damals noch Minderjährigen mit dem Kitsch-Künstlernamen Ruby Rubacuori (Ruby Herzensräuberin) Sex gehabt und dafür gezahlt. Der Politiker stellte die Treffen in seiner Villa als elegante Abendessen dar, nach denen in der hauseigenen Disco getanzt wurde. Mit Ruby sei er nie intim gewesen, habe ihr geglaubt, dass sie 24 Jahre alt sei und zudem verwandt mit dem früheren ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. Mit den Tausenden Euro, die an Ruby aus Berlusconis Vermögen flossen, habe er ihr nur aus Schwierigkeiten helfen wollen.

"Jetzt tanze ich, dann ziehe ich mich aus und mache Sex"

Karima el-Mahroug hat das in ihren Aussagen bestätigt. Im Mai legte sie auf den Stufen des Mailänder Gerichts einen theatralischen Aufritt hin. Vor Empörung bebend versicherte sie, nie habe sie als Prostituierte gearbeitet, das sei mit ihren moralischen Prinzipien unvereinbar. Die Anklage beruft sich auf abgehörte Telefonate und Zeugen, denen gegenüber sie sich brüstete, Sex mit dem Premier gehabt zu haben; er sei ganz verrückt nach ihr. "Jetzt tanze ich, dann ziehe ich mich aus und mache Sex", habe Ruby ihr am Telefon in der Villa in Arcore erzählt, sagte eine Zeugin.

El-Mahroug gehört nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu einem Prostituierten-Kreis, der Berlusconi zur Verfügung gestanden habe, gemanagt von drei Vertrauten. Gegen die läuft der Prozess "Ruby 2" wegen organisierter Zuhälterei. Eine Angeklagte ist Nicole Minetti, gelernte Zahnarzthelferin mit auffälliger Oberweite, die für Berlusconis Partei PDL mit 26 Jahren Regionalabgeordnete der Lombardei wurde. Sie trat nicht nur in Arcore im knappen Krankenschwesterkostüm bei Bunga-Bunga-Abenden auf, sondern spielte eine Rolle beim zweiten Anklagepunkt, für den das Gericht jetzt ein neues, verschärftes Gesetzt angewendet hat, das zu der erhöhten Strafe führt: Er soll im Mai 2010 sein Amt als Regierungschef missbraucht haben, Druck auf Polizisten in Mailand ausgeübt haben. Bei denen saß Ruby, weil die Prostituierte, bei der sie wohnte, sie wegen Diebstahls angezeigt hatte.

Eine Richterin ordnete an jenem Abend an, el-Mahroug dem Jugendamt zu übergeben. Doch Berlusconi, der auf einer Tagung in Paris war, machte den Polizisten am Telefon klar, Ruby sei eine Nichte des ägyptischen Staatschefs, es drohten diplomatische Probleme. Er bewirkte, dass sie mit Nicole Minetti gehen durfte. Es sei nur ein Vorschlag gewesen, sagte Berlusconi dazu. Aus Angst vor einem Schuldspruch haben Berlusconi und die Getreuesten in seiner Partei PDL vergangene Woche alle Register gezogen: Seine TV-Sender zeigten umfangreiche Beiträge im Stil von Dokumentationen. Da gaben Berlusconi und diverse Zeugen ihre entlastenden Versionen zum Besten. Und Kreise der PDL ließen verstehen, das Überleben der römischen Regierung aus Sozialdemokraten und PDL hänge vom Ausgang des Verfahrens ab.