Silvester Böllerrepublik Deutschland

Ein Schild mit der Aufschrift "Feuerwerkskörper verboten!" in mehreren Sprachen in einer Flüchtlingsunterkunft in Sarstedt bei Hannover.

(Foto: dpa)

Böller sind gefährlich, sie verpesten die Luft - und bei manchem neuen Nachbarn wecken sie Traumata. Erste Politiker fordern ein Verbot.

Von Martin Zips

Nie schlug dem Silvesterböller hierzulande mehr Antipathie entgegen als in diesem Jahr. Aus gutem Grund. Eine durchschnittliche Silvesternacht in einem Großstadt-Krankenhaus sieht laut der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie nämlich so aus: "60 Teilverletzungen, wie zum Beispiel abgetrennte Finger oder Fingerglieder, und fünf bis zehn schwere Verletzungen, wie zum Beispiel eine zerstörte Hand."

Durch Böller beschädigte Trommelfelle, zerfetzte Genitalien, Sehnen, Gefäße, Nerven und Knochen, das wird es vor allem unter alkoholisierten jungen Männern bald wieder geben. Darum polterte jetzt Christopher Lauer, Ex-Pirat im Berliner Parlament: "Das Geld, das der Staat an Steuern durch den Böllerverkauf einnimmt, rechnet sich in keiner Weise gegen die Kosten, die andere Systeme zu tragen haben - wie etwa die Krankenkasse, die eine abgefetzte Hand finanzieren muss."

Der Grüne Hans-Christian Ströbele wagte sogar den Brückenschlag zur allgemeinen Terrorangst: "Die Leute wissen ja nicht, was das ist, was so fürchterlich bumst." Ein Verbot besonders lauter Böller müsse her.

Silvesterböller verursachen Feinstaub

Doch jetzt bumst es wieder. 129 Millionen Euro gaben die Deutschen laut dem Verband der pyrotechnischen Industrie allein 2014 für Feuerwerksartikel aus. Wer vernimmt da noch das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt, das unter dem Motto "Brot statt Böller" seit mehr als 30 Jahren bittet, das Geld doch lieber an Bedürftige zu spenden?

Auch das Thema Feinstaub interessiert zum Jahreswechsel offenbar kaum noch. Mit 4000 Tonnen Kracher-Feinstaub rechnet das Umweltbundesamt in der Silvesternacht, immerhin 15 Prozent der jährlich vom deutschen Straßenverkehr produzierten Menge.

Im deutsch-polnischen Grenzgebiet indes, auch das hat Tradition, entdeckte die Polizei dieser Tage wieder tonnenweise illegale Kracher. "So schlimm war es noch nie", klagt man im Hauptzollamt Frankfurt/Oder. Gefährliches Zeug, ganz ohne CE-Zeichen oder Kontrollnummer der Bundesanstalt für Materialprüfung.

Kriegsflüchtlinge assoziieren mit Kanonenschlägen nichts Positives

Doch egal, ob legales Schwarzpulver oder illegales Ammoniumnitrat: Der Krach, mit dem eigentlich böse Geister vertrieben werden sollen, er jagt auch guten Geistern Angst ein. Gerade den Menschen, die Krieg und Terror am eigenen Leib erfahren mussten, ist jeder Kanonenschlag einer zu viel. Ältere Personen, die noch Erinnerungen an den Weltkrieg haben, leiden ebenso wie Flüchtlinge.

Deshalb haben Regierungspräsidien in Baden-Württemberg, aber auch der brandenburgische Städte- und Gemeindebund zum Verzicht auf Böller und Raketen in und vor Flüchtlingsunterkünften aufgerufen. Die Bezirksregierung Arnsberg (Nordrhein-Westfalen) verhängte in ihren Aufnahme-Einrichtungen gar ein entsprechendes Verbot. Allein im unterfränkischen Reichenberg ließ der Bürgermeister vor 60 Flüchtlingen ein Einführungsfeuerwerk zünden (zwei Raketen, ein Böller). Eine "Informationsveranstaltung", die Fremden das deutsche Brauchtum ein wenig näherbringen soll.

Und in Ellwangen dürfte selbst der lauteste Silvesterkracher kaum noch jemanden erschrecken. Die Erstaufnahmeeinrichtung befindet sich hier nämlich direkt neben dem Truppenübungsplatz.

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