Sexuelle Nötigung Jury spricht Bill Cosby schuldig - in allen Anklagepunkten

  • Die Geschworenen des Gerichts in Norristown im US-Bundesstaat Pennsylvania sehen die Schuld von Bill Cosby in allen Anklagepunkten als erwiesen an.
  • Konkret ging es in dem Prozess um einen Fall aus dem Jahr 2004. Der 80-Jährige wird aber noch von zahlreichen weiteren Frauen beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben.
  • Das Strafmaß wird extra verhandelt - bis dahin bleibt Cosby auf freiem Fuß.
Von Jürgen Schmieder, Norristown/Los Angeles

Schuldig. Das ist das Urteil, zu dem die Geschworenen im Strafprozess gegen Bill Cosby nach nur 13 Stunden Beratung gekommen sind. Sie sehen es als zweifelsfrei erwiesen an, dass der frühere US-Schauspieler die damalige Uni-Mitarbeiterin Andrea Constand betäubt und danach sexuell missbraucht hat. Richter Steven O'Neill wird für die Verhandlung und Verkündung des Strafmaßes einen neuen Termin ansetzen - bis dahin bleibt Cosby auf freiem Fuß.

Staatsanwalt Kevin Steele wollte ihn sogleich verhaften lassen, schließlich bestünde wegen des Vermögens und eines Privatflugzeuges erhöhte Fluchtgefahr. Cosby, der während der kompletten Verhandlung geschwiegen hatte, stand auf und brüllte über sich in der dritten Person: "Er hat keinen Privatjet!" Er fügte an, und dieser Zusatz verdeutlicht, wie tief dieser Mensch gefallen ist: "Du Arschloch!"

Beim ersten Prozess vor zehn Monaten hatten die Geschworenen nach tagelanger Beratung erklärt, hoffnungslos festgefahren zu sein - es war ein Nichturteil, weil das amerikanische Recht bei Strafprozessen eine einstimmige Entscheidung vorschreibt. Nun kamen die zwölf Geschworenen überraschend schnell zu einem Urteil. Cosby, 80, könnte bis zu zehn Jahre ins Gefängnis kommen und damit den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen müssen. "Wir sind enttäuscht über das Urteil", sagte Cosbys Anwalt Tom Mesereau vor dem Gerichtsgebäude in Norristown und kündigte sogleich an, gegen den Schuldspruch vorgehen zu wollen: "Mister Cosby hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, der Kampf ist noch nicht vorbei."

57 Frauen werfen Cosby vor, dass er sie missbraucht habe

Es ist wichtig zu wissen, dass es bei diesem Prozess nur um diesen einen Fall aus dem Jahr 2004 ging - es war der einzige, bei dem Cosby strafrechtlich belangt werden konnte. Insgesamt 57 Frauen haben Cosby aber mittlerweile vorgeworfen, dass er sie betäubt und danach sexuell genötigt, missbraucht oder gar vergewaltigt habe. Das Urteil dürfte weitreichende Konsequenzen für die zahlreichen Zivilprozesse haben, die gegen Cosby angestrengt werden. "Es ist eine Botschaft an die Welt, dass den missbrauchten Frauen nun endlich geglaubt wird", sagte die Anwältin Gloria Allred, die 33 mutmaßliche Opfer von Cosby vertritt: "Es wird ihnen geglaubt, auch wenn sie für ihr Zeugnis angegriffen werden."

Es ist tatsächlich eine nicht zu überhörende Botschaft. Denn in dem Prozess ging es - je nach Sichtweise - auch um die bevorzugte Behandlung von Berühmtheiten oder deren Benachteiligung, um Rassismus und Sexismus. Denn Cosby war nicht nur der Hauptdarsteller der erfolgreichen Familienserie "The Cosby Show". Er war Vorbild und moralische Instanz, in der New York Times stand: "Der einflussreichste Prediger in Amerika ist nicht etwa Jim Bakker oder Jerry Falwell oder John O'Connor. Es ist Bill Cosby."

Dieses Bild des Vorbilds war schon während der ersten Verhandlung besudelt worden, weil Cosby bei Verhören ein paar nicht zu leugnende Fakten hatte gestehen müssen: Er hat seine Ehefrau Camille immer wieder betrogen. Er hat sich Schlafmittel (die er "kleine Freunde" nannte) besorgt, um mit jungen Frauen zu schlafen. Er hat seinen Finger in die Vagina von Constand gesteckt, ohne sich darum zu kümmern, ob sie das auch möchte. Er hat Reichtum und Einfluss missbraucht, um alle diese Affären jahrzehntelang geheim zu halten. Der Prozess war ein Einblick in das Leben des Entertainers, und das darin präsentierte Bild stimmt nicht überein mit jenem, das viele Menschen aus dem Fernsehen kannten.

Das Urteil gegen Cosby ist eine Botschaft

Dieses Bild des integeren Cosby wurde beim zweiten Prozess noch weiter zerstört, weil seine Verteidiger während der Verhandlung so getan haben, als hätte es die"Me too"-Debatte um sexuellen Missbrauch niemals gegeben. Wer wissen möchte, wie das sogenannte "Victim Shaming" funktioniert, das Beschuldigen und Beschimpfen der Opfer, der sollte sich das Schlussplädoyer von Kathleen Bliss und Tom Mesereau und die Vorwürfe gegen die Zeuginnen noch einmal genauer ansehen. Das einstige Supermodel Janice Dickinson: "Ein gescheitertes Starlet, das offensichtlich mit jedem Mann auf der Welt geschlafen hat." Die Lehrerin Heidi Thomas: "Die will doch nur berühmt sein." Die Kronzeugin Andrea Constand: "Eine pathologische Lügnerin."

Das Urteil ist auch deshalb eine Botschaft, weil Cosby der erste Prominente seit Beginn der "Me too"-Debatte ist, der strafrechtlich verurteilt worden ist. "Mister Cosby hat sein Geld, seinen Einfluss und seine mächtigen Freunde jahrzehntelang dazu missbraucht, seine Untaten zu vertuschen und die Opfer ruhig zu stellen", sagte Staatsanwalt Steele: "Wir haben gezeigt, dass Reichtum, Prominenz und Macht nicht vor einer gerechten Strafe schützen."

Constand wollte sich nach dem Urteil gegen Cosby nicht äußern. Sie verließ das Gerichtsgebäude in Norristown lächelnd in den Armen von zwei Freundinnen. Wenig später kam Cosby, er wollte nach seinem Wutausbruch im Gerichtssaal nichts mehr sagen. Sein Sprecher Andrew Wyatt hob mal wieder die Faust zum Black-Panther-Gruß, sein Anwalt Tom Mesereau sagte: "Der Kampf ist noch nicht vorbei!" Cosby schaffte nur ein kurzes Handheben, dann stieg er ins Auto. So sieht kein Gefallener aus, der noch einmal kämpfen wird.

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