Ein Fall, der Geschichte geschrieben hat: Vor 25 Jahren begann der Prozess gegen Marianne Bachmeier, die den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschossen hatte - und mit ihrer Tat eine bundesweite Debatte über Selbstjustiz auslöste.
Kaum ein Fall der Nachkriegszeit hat so viel Aufsehen erregt wie der Fall Bachmeier: Am 6. März 1981 erschoss die damals 30-jährige Marianne Bachmeier im Lübecker Schwurgerichtssaal den Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna auf der Anklagebank.
Marianne Bachmeier 1982 vor dem Lübecker Landgericht: Sie wurde wegen Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt. (© Foto: AP)
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Der damals 35-jährige Schlachter Klaus Grabowski soll Bachmeiers Tochter am Nachmittag des 5. Mai 1980 in seiner Lübecker Wohnung sexuell belästigt und aus Angst vor Bestrafung erdrosselt haben.
Noch am selben Abend wurde er festgenommen, zehn Monate später musste er sich vor Gericht verantworten. Grabowski gestand, Anna mit einer Strumpfhose erwürgt zu haben, bestritt aber sexuelle Handlungen.
Marianne Bachmeier, die im Gerichtssaal den Prozess verfolgte, war tief verletzt, weil Grabowski einen Teil seiner Schuld auf ihre Tochter abwälzte. Schon früh schien sie den Entschluss gefasst zu haben, den Peiniger ihrer Tochter zu töten. Sie habe Rache üben und Grabowski daran hindern wollen, weiter Unwahrheiten über ihre Tochter zu erzählen, sagte sie später in einem Interview über ihre Tat.
Mediale Selbstdarstellung
In der 2005 produzierten WDR-Dokumentation "Die Rache der Marianne Bachmeier" sagte ihre beste Freundin, Bachmeier habe vor der Tat Schießübungen gemacht - im schalldichten Keller ihrer Lübecker Kneipe. Die Waffe habe sie in Annas Grab vergraben. "Wenn ich es gar nicht mehr aushalte, werde ich die Waffe holen", erinnerte sie sich an Bachmeiers Worte.
Am dritten Verhandlungstag, den 6. März 1981, schmuggelte Bachmeier die Waffe ins Gerichtsgebäude. Als sie hörte, Grabowski wolle eine weitere Aussage machen, sei ihr durch den Kopf gegangen: "Über meine Tochter wird nicht noch einmal öffentlich hergezogen", sagte Bachmeier 1995 in der Talkshow "Fliege". Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Dann erschoss sie Grabowski auf der Anklagebank. Die Journalistin Barbara Kotte berichtete damals für verschiedene Zeitungen und Radiosender: "Bachmeier kam zur Tür herein, zog eine Waffe und schoss. Dann ging alles ganz schnell. Grabowski brach zusammen...Draußen stand der damalige Lebensgefährte von Marianne Bachmeier und jubelte: 'Sie hat es getan!'", erinnerte sie sich in der Welt an die Tat. Bachmeier hatte acht Schüsse abgegeben, sechs davon waren tödlich.
Der Fall eroberte sofort die Titelseiten. Um die Anwaltskosten zu bezahlen, verkaufte sie ihre Lebensgeschichte exklusiv an die Zeitschrift Stern, breitete ihr Leben und die Tat in aller Öffentlichkeit aus. "Das war der erste Fall von Selbstjustiz in einem Gericht in Deutschland. Die Tat kam vollkommen unerwartet, damit hatte niemand gerechnet. Wir sind aus allen Wolken gefallen", erinnerte sich Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Schultz knapp zehn Jahre nach dem Mord in der Welt. Die Tat habe auch dazu geführt, dass heute in Gerichten schärfere Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, sagt Schultz.
Im November 1982 begann der Prozess gegen die Todesschützin. Bachmeiers Anwälte argumentierten, die Justiz trage an der Ermordung Annas und den Schüssen auf Grabowski eine Mitschuld.
Sexualdelikte unter den Augen der Justiz?
Dieser war wegen Sexualdelikten an Kindern vorbestraft und in einer Psychiatrie gewesen. Um dort rauszukommen, hatte er sich freiwillig kastrieren lassen, ließ sich später jedoch mit einer Gerichtsgenehmigung mit Hormonen behandeln. "Sozusagen unter den Augen der Justiz konnte er seinen Sexualtrieb reaktivieren", sagte Bachmeiers Anwalt Uwe Maeffert. Es hätte Grabowski untersagt werden sollen, sich einer Hormonbehandlung zu unterziehen; dann hätte er Anna nicht ermordet, so die Argumentation der Anwälte. Aus der Haft war er "wegen geringer Wiederholungsgefahr" freigekommen.
Vor 25 Jahren, am 2. März 1983, wurde Marianne Bachmeier für ihre Tat verurteilt. Das Lübecker Landgericht entschied auf sechs Jahre Haft wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes.
Die Öffentlichkeit war gespalten. Die einen sahen in der Mörderin eine verzweifelte Mutter, die anderen warfen Bachmeier vor, sie habe die Tat akribisch geplant. "Ich habe es für Dich getan", notiert die hübsche zierliche Frau später in Gedenken an ihre Tochter Anna. Auf einem Spendenkonto für ihre Verteidigung sammelten sich in kurzer Zeit etwa 100.000 Mark an. Eine Interessengemeinschaft namens "Freispruch für Marianne Bachmeier" wurde gegründet. In der Haftanstalt erhielt Bachmeier von einem Großvater einen Blumenstrauß. Auf der beiliegenden Grußkarte stand, er hätte "genauso gehandelt".
Einige erklärten die Tat neben dem Verlust des Kindes auch mit Bachmeiers Biografie: Sie wuchs in einem strenggläubigen, autoritären Umfeld auf, in das die als lebenslustig bekannte Marianne nicht passte. Mit 16 Jahren bekam sie ihre erste Tochter. Kurz vor der Entbindung ihrer zweiten Tochter wurde sie mit 18 Jahren vergewaltigt. Die beiden Kinder gab sie bald zur Adoption frei. Auch ihre dritte Tochter Anna, die 1973 geboren wurde, wollte sie Medienberichten zufolge ihrer Freundin überlassen. Eine Schulfreundin erinnerte sich, dass Anna wie ein freier Vogel gewesen sei und nie ein richtiges Zuhause gehabt habe. Vor Gericht jedoch bestritt Bachmeier die geplante Weggabe Annas, um sich als liebende Mutter darzustellen.
Die letzten Jahre auf Sizilien
Im Prozess sagten die Anwälte, Bachmeier habe die Tat vorher nicht geplant. Das Gericht folgte der Argumentation der Verteidigung, machte mildernde Umstände geltend und verurteilte Bachmeier zu sechs Jahren Haft. Von Fernsehkameras begleitet zog sie ins Gefängnis ein.
Nach drei Jahren kam sie frei. Sie heiratete einen Afrikaner und lebte bis zu ihrer Scheidung 1990 in Lagos/ Nigeria. Dann ging sie nach Sizilien und arbeitete dort in einem Hospiz als Sterbehelferin. Am 3. Juni 1996, ihrem 46. Geburtstag, erfuhr sie, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt war und kehrte nach Deutschland zurück. Die letzten Wochen vor ihrem Tod am 17. September 1996 soll Bachmeier in Sierksdorf an der Ostsee verbracht haben. In einem weißen Sarg wurde sie neben ihrer Tochter Anna begraben - sie hatte sich die eigene Beisetzung in Palermo gewünscht.
Ein Buch und zwei Kinofilme werden über den Fall veröffentlicht. Kurz vor ihrem Tod spielte Bachmeier noch einmal eine makabere Hauptrolle: Sie ließ sich auf eigenen Wunsch vom Filmemacher Lukas Maria Böhmer in den Monaten ihres Sterbens filmen. Öffentlich bereut hat Bachmeier die tödlichen Schüsse nie.
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(sueddeutsche.de/AP/dpa/cag/gal/lala)
Recht hat mit Gerechtigkeit relativ wenig zu tun. Trotzdem kann der Rechtsstaat Selbstjustiz nicht zu lassen.
Trotzdem, verstehe und billige sogar diese Tat.
Wenn man sich anschaut, wie Täter um ihrer Rechte willen geschützt werden, hingegen den Opfern praktisch keine Hilfe, oder bei weitem nicht in diesem Ausmaß wie den Tätern, zu teil wird, dann haben viele das Emfpinden das der Rechtsstaat aus dem Ungleichgewicht ist..
"Öffentlich bereut hat Bachmeier die tödlichen Schüsse nie."
Hätte sie das müssen? Hätte nicht auch die Öffentlichkeit und, vor allem, die Justiz Grund zur Reue gehabt? Grund, sich bei der Mutter des ermordeten Kindes zu entschuldigen - öffentlich?
Kann man nicht verstehen, was in dieser Frau vorgegangen sein muss, wie empört, verletzt und verzweifelt sie gewesen sein muss angesichts des leichtfertigen Umgangs der Justiz mit einem hochgefährlichen Täter und der Vorgänge während des Prozesses?
Ja, ja, es ist klar, Selbstjustiz ist mit guten Gründen verboten. Doch muss ein Rechtsstaat das Vertrauen der Bürger immer wieder neu gewinnen, muss beweisen, dass er das durch Straftaten verletzte Gerechtigkeitsempfinden der Bürger wiederherstellen kann. Im Mordfall "Anna Bachmeier" ist das leider nicht gelungen. Das sollte man wissen, wenn man Marianne Bachmeiers Handeln be- oder gar verurteilt.
Auch noch nach 25 Jahren: Bravo Frau Bachmeier