Seefahrer In Landnot

Gestrandet in der Seemannsmission: Wie Kapitän Jürg Niklaus finden sich viele Seeleute nach einem langen Leben auf dem Meer im Alltag nicht mehr zurecht.

Von Thomas Hahn

Der Kapitän Jürg Niklaus aus dem Schweizer Seeland hat es vor einem halben Jahr noch einmal versucht. Er wollte weg vom Seemannsheim Krayenkamp in Hamburg und endlich sesshaft werden wie die meisten anderen Leute auch. In Basel-Kleinhüningen am Rheinhafen hatte er eine hübsche Wohnung ausgemacht. Er packte seine Sachen und machte sich auf den Weg Richtung Süden, fort vom Meer. Aber auf der Fahrt holten ihn seine Ängste ein. Er dachte daran, dass er sich in einer eigenen Wohnung um vieles würde kümmern müssen, um das er sich in seinem langen Seefahrerleben nie kümmern musste, um die Einrichtung, um die Stromrechnung, ums Saubermachen. "Mir wurde ganz hibbelig." In Mannheim kehrte er um.

Das Heim der Deutschen Seemannsmission am Krayenkamp hat kürzlich seinen 125. Geburtstag gefeiert. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard kam ebenso zum Gratulieren wie die Landesbischöfin Kirsten Fehrs. Und Jürg Niklaus, 72, war natürlich auch da. "Schon aus Dankbarkeit", sagt er. Er sitzt in seinem kargen, unaufgeräumten Zimmer mit Blick auf den Michel und macht sich nichts vor: Er ist ein Fall für die Seemannsmission, ein gestandener Weltreisender, der in der Ferne verlernt hat, an einem festen Ort zu Hause zu sein. Niklaus hat eine Seefahrerkarriere vom Messejungen bis zur Kommandobrücke hinter sich. Er besitzt das deutsche und das britische Kapitänspatent. Er spricht fünf Sprachen. Er kann davon erzählen, wie er mal auf der Straße von Malakka zwischen Malaysia und Sumatra über Bord fiel. Wie er in Beirut, Lagos oder Kaliningrad die Hafenpolizei mit Geld und Zigaretten bestechen musste, um Unannehmlichkeiten zu verhindern. Wie er beladene Frachter durch die aufgewühlte Nordsee steuerte.

Mit den Unwägbarkeiten der Weltmeere konnte er immer umgehen. Aber das geregelte Bürgerleben überfordert ihn. Seit August 2015 lebt er im Seemannsheim am Krayenkamp. Er braucht die Sicherheit, dass jeden Tag das Zimmermädchen kommt und er zur Not zur Rezeption gehen kann: "Ich müsste ja sonst für mich selber sorgen."

Das Jubiläum am Krayenkamp hat der Seemannsmission und ihrer Kundschaft Aufmerksamkeit gebracht. Ausnahmsweise. "Wir haben manchmal das Gefühl, wir sind hier so ein bisschen in eine Nische gedrückt", sagt Inka Peschke, die Geschäftsführerin des Hamburger Seemannsheims. Wohl kaum ein Berufsfeld ist so vielen Vorurteilen ausgesetzt wie das der Seefahrerei. Seeleute sind demnach rau, männlich, trinkfest, haben ihr Fernweh zum Beruf gemacht und in jedem Hafen eine Braut. Dass die Wirklichkeit anders aussieht, geht leicht unter. Erst kürzlich hat Heike Proske, Generalsekretärin der Deutschen Seemannsmission, mehr Wertschätzung für die weltweit etwa 1,6 Millionen Seeleute angemahnt. Gerade in dieser Zeit, da sie auf den Meeren ständig neue Opfer der Flüchtlingskrise bergen müssen und von Piraten bedroht sind.

Der Anker ist ein Seefahrer-Symbol - und zugleich Ausdruck eines Lebensgefühls.

(Foto: imago stock&people)

Die Deutsche Seemannsmission hat insgesamt 800 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in 32 Stationen weltweit. 16 Stationen hat sie im Ausland, 16 in Deutschland, drei allein in Hamburg. Die Seemannsmission ist sozusagen der evangelische Teil eines weltweiten Wohlfahrtsnetzwerks, wo Seeleute nicht nur für wenig Geld eine Obhut finden, sondern das die Seeleute auch bei ihren Landgängen unterstützt, ihnen Internet bietet, Zerstreuung, Besinnlichkeit - und bei Bedarf auch Seelsorge.

Kapitän Niklaus ist kein typischer Seemannsheimbewohner, und das hat nur zum Teil damit zu tun, dass er mit seiner schmalen Gestalt und seiner zurückhaltenden Schweizer Art wie der Gegenentwurf zum polternden Seebären wirkt. Seeleute von seinem Rang nehmen eher selten die Dienste der Seemannsmission in Anspruch. Und die niedrigeren Jobs auf dem Schiff sind für Westeuropäer nicht mehr attraktiv, seit die Reedereien in den Achtzigerjahren dazu übergegangen sind, unter den Flaggen von Billiglohnländern zu fahren.

Im Frühstücksraum des Seemannsheims in Altona hängt eine Uhr mit der Ortszeit von Manila, der Hauptstadt der Philippinen. "Viele Seeleute kommen heute von den Philippinen", erklärt Fiete Sturm, Diakon und Heimleiter: aus einer Seefahrernation also, deren Einwohner sichere Einkünfte vor allem in der Ferne finden. Auch aus Indien, Afrika, Osteuropa, Südamerika stammen viele Seeleute. Jürg Niklaus folgte noch seinem Fernweh, als er einst Matrose wurde. Die Matrosen von heute fahren zur See, weil ihre Familien von ihrer Heuer abhängig sind. Neun oder zwölf Monate sind sie, ohne dass sie zwischendurch Heimurlaub bekämen, die willigen Gehilfen einer Industrie, die möglichst schnell möglichst viel Ladung über die Meere bringen will und auf die Befindlichkeiten des Personals wenig Rücksicht nimmt. Umso wichtiger sind für sie die Seemannsheime. Schon ein Gespräch an der Rezeption kann eine hilfreiche Abwechslung sein zur unpersönlichen Routine an Bord. "Die Seeleute wollen als Menschen wahrgenommen werden", sagt Fiete Sturm, "nicht als Rädchen im Getriebe."

Es gibt viel zu tun für die Seemannsmission in Hamburg. Vor allem wenn das Kreuzfahrtschiff Queen Mary hier für ein paar Wochen zur Überholung im Dock liegt. Dann werden besonders viele Helfer gebraucht für Bordbesuche und Freizeitgestaltung. 1200 Menschen arbeiten und leben auf der Queen Mary. Viele von ihnen sind Frauen, weshalb die Bezeichnung Seemannsmission in die Irre führt.

Am Krayenkamp hat es Inka Peschke neben den Kurzzeit-Gästen eben auch mit Leuten wie Jürg Niklaus zu tun. "Wir haben einige Dauerbewohner", sagt sie. Es sind Ghanaer darunter, die zu alt für den Dienst auf See sind und zu jung für die Rente. Weil sie auf deutschen Schiffen gearbeitet und deshalb Rentenansprüche in Deutschland haben, bleiben sie in ihren winzigen Zimmern im Seemannsheim für 320 Euro Miete pro Monat, leben von Hartz IV oder arbeiten, bis sie das Rentenalter erreicht haben. Andere scheinen im Seemannsheim eine Endstation zu sehen. Deutsche, die aus einer anderen Zeit der Seefahrt stammen. Sie steuern auf die 80 zu und bleiben. "Man versucht sie zum betreuten Wohnen zu überreden", sagt Inka Peschke, "aber da wollen sie nicht hin."

Jürg Niklaus kennt die Sorgen der Geschäftsführerin. Irgendwie gehört er ja selbst schon zum Sozialprogramm im Seemannsheim. So ähnlich wie die Putzfrauen oder die anderen Mitarbeiter, die immer für ein Gespräch zu haben sind. Niklaus hat schon Seeleute mit ins Konzert genommen, und natürlich weiß er, wovon sie reden, wenn sie von der See reden.

"Ich mache mir Gedanken darüber, was wird, wenn es schlechter wird", sagt Jürg Niklaus, und sucht nach dem Wort, das ihm eine kleine Sicherheit gibt. "Pflegezusatzversicherung." Er lächelt. Er denkt noch mal an seinen gescheiterten Versuch, das Seemannsheim zu verlassen. "Ich konnte einfach nicht aus meiner Unselbständigkeit heraus", sagt der alte Kapitän und scheint das selbst etwas wunderlich zu finden. Wenn das Leben ein Meer wäre, würde er es weniger fürchten.