Scientology: Prozess in Paris Der Preis des Glaubens

"Geld, Geld, noch mehr Geld": In Paris steht Scientology vor Gericht - die Organisation soll ihre Mitglieder systematisch betrogen haben. Das Urteil könnte der Anfang eines Verbots sein.

Von Gerd Kröncke

Ist Scientology eine Religion oder nicht? Oder ist sie nur eine Sekte? Der Untersuchungsrichter Jean-Christophe Hullin hatte sich auf solche Fragestellungen gar nicht erst eingelassen.

Und vielleicht könnte gerade deshalb der Prozess, der am Montag in Paris gegen die "Association de l'Église de Scientologie" begonnen hat, über die Zukunft der Organisation zumindest in Frankreich entscheiden. Scientology gilt in Deutschland als Sekte, in Frankreich bereits seit 1994, während die Organisation in den USA schon seit den siebziger Jahren als Religionsgemeinschaft akzeptiert ist.

Vor Gericht stehen nicht nur sieben Scientologen. Die Organisation selbst ist, was bisher in Frankreich erst einmal vorgekommen ist, als juristische Person angeklagt. "Organisierter Bandenbetrug" lautet der Vorwurf.

Sollte am Ende ein Schuldspruch herauskommen, könnte dies, wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind, ein erster Schritt zum endgültigen Verbot sein. Es handele sich um eine Organisation, sagt ein Anwalt der Nebenkläger, deren einziger Zweck darin bestehe, ihre Mitglieder zu betrügen.

Von vielen Geschädigten haben sich am Ende nur zwei dazu durchgerungen, sich dem Stress eines juristischen Verfahrens auszusetzen. Madame M. hat dem Untersuchungsrichter geschildert, wie sie, nach einer Trennung besonders anfällig, für jeden noch so absurden Zuspruch war.

Buchstäblich auf der Straße hatte sie sich von einem Scientology-Mitglied zu einem Persönlichkeitstest überreden lassen, der natürlich negativ ausfiel. Daraufhin ließ sie sich ein "dianetisches Seminar" für knapp 5000 Euro aufschwatzen, das aber nichts brachte. Also wurde ihr der Kauf von Büchern des Sektengründers L. Ron Hubbard dringendst empfohlen. Kosten: 1670 Euro. Ein sogenannter Elektrometer, der die geistige Spannung messen soll, schlug mit ebenfalls 5000 Euro zu Buche. Dabei handelt es sich um ein Messgerät, dessen Materialwert bei wenigen hundert Euro liegt. Um den Organismus zu entschlacken, sind angeblich Sauna-Besuche nötig. Für Madame M. wurde alles sehr teuer, am Ende war die Frau ruiniert.

Lügner und Belogene

Ein Scientologe begleitete sie eines Abends nach Hause, um sie einige Schecks zugunsten der Organisation ausstellen zu lassen. Er hatte sie zudem dazu gedrängt, Kredite bei einem Institut aufzunehmen, mit dem er regelmäßig zusammenarbeite. Immer geht es ums Geld, jede vermeintliche Erkenntnis hat ihren Preis. Der Untersuchungsrichter zieht deshalb eine klare Linie von den Methoden der Funktionäre zu den Maximen des L. Ron Hubbard: "Macht Geld, macht Geld, macht noch mehr Geld."

Bekannt geworden sind die Methoden der Sekte bisher überwiegend durch Dissidenten. Roger Gonnet, der in Lyon erst in die Fänge der Organisation geriet und ihr später als Regionalverantwortlicher zu Diensten war, sagte in einem Zei-tungsinterview am Montag: "Man hat mich belogen, und ich habe selbst gelogen." Um die Aspiranten nicht zu verschrecken, ist von Geld zunächst nicht die Rede, später bleibt ihnen keine Wahl, als immer mehr zu zahlen. Man habe ihnen suggeriert, sagt Gonnet, "das große Geheimnis des Universums" sei bei Scientology zu finden.

Es ist nicht das erste Mal, dass Scientology in Frankreich juristisch belangt wird. Selbst Hubbard, der seine Karriere als Science-Fiction-Autor begann, war - freilich in Abwesenheit - wegen Betrugs zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er starb 1986 auf seiner Ranch. Nach eigenen Angaben hat Scientology inzwischen Millionen von Anhängern. Da aber schon die Zahl von angeblich 6000 Mitgliedern in Frankreich nach Meinung von Experten als um ein Vielfaches zu hoch gegriffen gilt, haben solche Angaben wenig Aussagekraft.

Gönner in hohen Ämtern?

Allerdings hat die Sekte einflussreiche Mitglieder, besonders stolz sind die Scientologen auf ihren "Top Gun" Tom Cruise. Bevor Nicolas Sarkozy zum Präsidenten gewählt wurde, hatte er sich einmal öffentlichkeitswirksam mit dem Schauspieler gezeigt. Dafür ist Sarkozy heftig kritisiert worden, obwohl ihm, dem praktizierenden Katholiken, eine Affinität zur Scientology von niemanden unterstellt wurde. Trotzdem gibt es manchmal Gerüchte, dass Scientology Gönner in hohen Ämtern hat.

Staatsanwälte zögern manchmal bei der Strafverfolgung, wiederholt haben sie die Einstellung von Verfahren beantragt. So ist es vor allem dem zuständigen Ermittlungsrichter zu verdanken, dass ein Prozess überhaupt zustande gekommen ist. Der Anwalt einer Klägerin monierte gar eine besonders "wohlwollende Attitüde der Staatsanwaltschaft gegenüber Scientology".

Für Maître Patrick Maisonneuve, den Scientology-Anwalt, ist die Haltung der Staatsanwaltschaft hingegen ein Beleg für die Haltlosigkeit der Beschuldigungen. Selbst wenn nicht auszuschließen sei, dass einzelne Mitglieder sich strafbar gemacht hätten, habe das nichts mit Religion oder ethischen Fragen zu tun. Es käme doch auch niemand auf die Idee, die Katholische Kirche wegen einiger pädophiler Priester zu verbieten. Wenn es wirklich so viele Geschädigte gäbe, warum träten dann nur zwei Nebenkläger auf?

Selbst Ex-Sektenmitglieder, die sich emanzipieren konnten, schrecken davor zurück, sich mit ihren einstigen Peinigern anzulegen. In der Tat sitzen bei den Nebenklägern außer zwei Damen nur die Vertreter der Apotheken-Kammer. Scientology wird vorgeworfen, mit dem Verkauf von Vitaminpillen gegen das Arzneimittel-Gesetz verstoßen zu haben. Der Prozess soll bis zum 17. Juni dauern.