Schweiz "Heiler" infizierte Patienten mit HIV - 13 Jahre Haft

Er gab sich als "Heiler" aus - und spritze mindestens 16 Menschen Blut mit dem HI-Virus. Jetzt ist er in Bern zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Reue? Keine Spur.

Warum infiziert ein Mensch mehr als ein Dutzend andere absichtlich mit dem Aids-Erreger? Eine Frage, auf die das Gericht im schweizerischen Bern keine Antwort fand. Den Mann, der das getan hat, hat das Regionalgericht jetzt zu fast 13 Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 54-Jährige mindestens 16 Menschen mit HIV ansteckte. Der Berner Musiklehrer, der sich selbst als Heiler bezeichnet, nahm das Urteil ohne jede Regung auf. Er streitet alles ab - und gibt seinen Opfern die Schuld.

Ein Schweizer Manager war der erste, der Anzeige gegen den Mann erstattete: Ihn hatten starke Migräneanfälle und leichte Epilepsie 2004 auf Empfehlung einer Bekannten zu dem angeblichen Wunderdoktor geführt. Der 54-jährige Angeklagte versprach dem Mann, dass seine Schmerzen durch eine spezielle Akupunktur gelindert werden könnten. Im Wohnzimmer des "Heilers" musste sich der Mann auf den Bauch legen und einen Stein fixieren. Danach gab es einen kurzen Stich in den Rücken und die Behandlung war beendet.

Tatsächlich steckte der Mann den Manager mit dem Aids-Erreger an. Dass die Bekannte des Managers, die diesem den "Heiler" empfohlen hatte, bereits selbst mit HIV infiziert war, wussten beide nicht.

Doch bis zum Prozess war es ein langer Weg: Nach seinem Besuch beim "Heiler" fühlte sich der Manager, der inzwischen an Aids erkrankt ist, schwach. Im Krankenhaus erfuhr er von seiner HIV-Infektion. Von einer Anzeige gegen den Wunderdoktor riet der leitende Oberarzt ab: Diese These könne nicht nachgewiesen werden. Doch der Mann ließ sich nicht abhalten: "Mir war klar, dass es weitere Opfer geben wird, wenn wir nicht die Polizei einschalten."

Schleppende Ermittlungen

Erst als sich mehrere Verdachtsfälle häuften, begann die Justiz mit Ermittlungen. Das Virus aller Opfer stammte vom gleichen Stamm, wie Untersuchungen später ergaben. Das Blut soll er jahrelang einem HIV-positiven Mann abgezapft haben, dem er eine mögliche Heilung vorgaukelte.

Der selbsternannte Heiler sah sich zu Unrecht angeklagt. Seine Opfer hätten sich selbst durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt oder Drogen gespritzt, meinte er. Das Krankenhaus, das Gericht und die Aids-Hilfe hätten die Opfer dann "aktiv auf mich gehetzt", war sich der Mann sicher. Viele seiner Patienten seien nämlich neidisch auf sein Haus gewesen. Außerdem hätte er auf keinen Fall verseuchtes Blut abzapfen oder bei sich lagern können, da er an einer Blutphobie leide.

Unklares Motiv

Der Gerichtspräsident Urs Herren sprach von einem "skrupellosen, hinterhältigen, sinnlosen und menschenverachtenden" Vorgehen. Das Motiv des Mannes blieb bis zum Prozessende ungeklärt.

In dem zwei Wochen dauernden Prozess galten strenge Sicherheitsvorkehrungen. Nur akkreditierte Journalisten durften in den Gerichtssaal. Zuvor mussten sich die Reporter verpflichten, keine Informationen über die Identität der Opfer zu veröffentlichen. Viele der Opfer halten ihre Erkrankung bis heute geheim. Die Folgen könne er seiner Familie nicht zumuten, sagte etwa der Manager.

Obwohl es sich um ein noch nicht rechtskräftiges Urteil in erster Instanz handelt, muss der Mann im Gefängnis bleiben, das Gericht ordnete eine Sicherheitshaft an. Während des Prozesses hatte sich der Berner 24 Stunden vor der Polizei in seinem Haus verschanzt, statt an der Verhandlung teilzunehmen.