Schwaben in Berlin "Bis Schwabylon frei ist"

Spätzle-Attentat am Kollwitzplatz.

(Foto: Jonas Rest/Berliner Zeitung/dpa)

Jetzt reicht es den Berliner Schwaben. Nachdem sich Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse über deren vermeintlich mangelnden Integrationswillen beschwert hat, fordern die "Wutbürger" die Ausweisung des SPD-Politikers. Der tut mittlerweile alles, um von seinem Ruf als Schwabenfeind wegzukommen - außer ans Telefon zu gehen.

Von Judith Liere, Berlin

Käthe Kollwitz sieht nicht glücklich aus, sie hat Spätzle im ganzen Gesicht kleben. Die Bronzeskulptur der Bildhauerin auf dem nach ihr benannten Platz in Berlin muss gerade die Folgen der Diskussion ausbaden, die Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse drei Wochen wieder anfachte, als er sich in einem Interview über die zugezogenen, vermeintlich integrationsunwilligen Schwaben in seinem Heimatbezirk Prenzlauer Berg beschwerte. Nun wehren sich die Schwaben - mit einem Spätzle-Attentat.

Nach dem Anschlag am Montag wurde eine Bekenner-Webseite erstellt. "Free Schwabylon" wird darauf anonym gefordert und erklärt: "Das Kollwitz-Denkmal ist das Symbol einer autoritären Berliner Minderheit. Wir haben es mit Spätzle beworfen, weil wir wütend sind." Der Begriff "Schwabylon" als Name für den Kiez um den Kollwitzplatz kursiert seit rund zwei Jahren, als dort immer wieder Aufkleber mit der Aufschrift "Willkommen in Schwabylon" auftauchten.

Der hübsch inszenierte Spätzle-Wurf ist eine der lustigeren Reaktionen auf die teils verbittert geführte Debatte um die Gentrifizierung des Bezirks und den vermeintlichen Untergang der Berliner Kultur durch Zugezogene. Die Spätzle-Werfer treiben den Streit mit ihrer polemisch überzogenen Spaßguerilla-Aktion auf die Spitze und fordern die Anerkennung "Schwabylons" als autonomen schwäbischen Bezirk: "In einem Viereck um den Platz sollen Schwäbinnen und Schwaben so schwäbisch sein können, wie sie wollen." Der "antischwäbische Agitator" Thierse, der dort lebt, solle ausgewiesen werden. "Wir wollen nicht akzeptieren, dass Berliner uns wie Bürger zweiter Klasse behandeln. Während Schwaben an der kulturellen und wirtschaftlichen Zukunft der Stadt arbeiten, siechen Berliner in ihrem Trotz dahin."

Wolfgang Thierse scheint das Thema mittlerweile nicht mehr hören zu können. Bei einem Anruf in seinem Büro mit der Bitte um ein kurzes Gespräch sagt eine Mitarbeiterin, als sie hört, um was es geht: "Ist das Ihr Ernst? Gibt's keine anderen Probleme in Deutschland?" Doch, klar, aber die sind nicht so lustig. Thierse ruft trotzdem nicht zurück. In den vergangenen Wochen versuchte der SPD-Politiker wegzukommen von seinem Ruf als Schwabenfeind, er machte Schwäbisch-Sprachtests mit, sagte, er habe das alles nicht so ernst gemeint, und beteuerte, seinen Urlaub am liebsten in Baden-Württemberg zu machen.

So richtig funktioniert hat Thierses Versöhnungspolitik aber nicht. Die Nudelwerfer drohen jedenfalls: "Unsere Spätzleschaber werden nicht ruhen, bis Schwabylon frei ist. Und sei es, dass der gesamte Prenzlberg unter einer Spätzleschicht schwäbischer Wut verschwindet." Und die Macht eines Wutbürgers aus Baden-Württemberg sollte man bekanntlich nicht unterschätzen.