Schusswaffen in den USA Was nach dem Amoklauf in Florida passieren wird

Schülerinnen und Schüler der High School in Parkland, Florida, wo ein Amokschütze mindestens 17 Menschen tötete.

(Foto: AFP)

Gebete, Mahnwachen, Trauerreden: Es ist verstörend, wie nach "school shootings" in den USA die immergleichen Prozesse ablaufen. Ohne, dass sich etwas ändert.

Von Oliver Klasen

17 Menschen sind tot. Schüler, Lehrer, Angestellte der Schule, genau weiß man es nicht, denn noch nicht alle Toten sind bisher identifiziert. Es sind die 17 Menschen, die keine Chance hatten, aus dem Gebäude zu fliehen. Die nicht Schutz suchen konnten, unter Schulbänken, in Schließfächern oder in Abstellräumen. Diejenigen, die dem Amokschützen hilflos ausgeliefert waren.

Zwölf Leichen wurden in den Räumen der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida gefunden, drei weitere Tote außerhalb des Gebäudes, zwei Opfer starben im Krankenhaus, vier schweben noch in Lebensgefahr. Alle wurden getroffen von Patronen aus einer AR-15, einer halbautomatischen Waffe, die in den USA frei verkäuflich ist, und - man muss das so sagen - die Lieblingswaffe aller School Shooter ist: geringes Gewicht, daher auch für weniger kräftige und geübte Schützen geeignet. Viele Schüsse in kurzer Zeit - ideal also, um das zu tun, was Amokschützen meist vorhaben: möglichst viele Menschen in kurzer Zeit zu töten.

Verzweifelte Eltern, fassungslose Schüler

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Kaum zu ertragen. Das ist die Tat, die der mittlerweile festgenommene 19-jährige Nikolas C. begangen hat. Kaum zu ertragen ist aber auch das, was nach solch einer Tat passiert - jedes Mal wieder.

Es wird eine erprobte Routine ablaufen in den kommenden Stunden und Tagen. Die Washington Post schreibt, dass seit dem Columbine Massaker im Jahr 1999 mehr als 150 000 Personen eine Schießerei an einer Schule oder Universität miterlebt haben. Die USA und mit ihnen die Weltöffentlichkeit sind also mittlerweile geübt im Umgang mit solchen Verbrechen.

Der zuständige Sheriff ist bestürzt. Er äußert sich kurz nachdem der Schütze festgenommen wurde. "Es ist ein entsetzlicher, wirklich entsetzlicher Tag. Es ist eine Katastrophe. Es gibt keine Worte dafür", sagt diesmal Scott Israel.

Der US-Präsident ist bestürzt. Er spricht den Familien der Opfer sein Beileid aus. Originalzitat Donald Trump, zwei Stunden nach den Schüssen: "Kein Kind, kein Lehrer oder irgendjemand sonst sollte sich jemals unsicher fühlen an einer amerikanischen Schule."

Die US-Bischöfe sind bestürzt. Sie rufen zu Gebeten auf. Erzbischof Thomas G. Wenski aus Miami sagt, es sei erschütternd, "wenn unschuldige Kinder sinnloser Gewalt zum Opfer fallen". Kardinal Daniel N. DiNardo verurteilt in einer Stellungnahme "sinnlose Schusswaffengewalt". Beide äußern sich wenige Stunden nach den Schüssen.

Britney Spears ist bestürzt. Die Popsängerin twittert unter dem Hashtag #Prayfor Parkland. Sechs Stunden nach den Schüssen.

Das sind einige der Reaktionen bisher. Man kann leicht voraussagen, wie es jetzt weitergeht - nicht aus Zynismus, sondern weil schon jetzt klar ist, wie wenig sich auch diesmal ändern wird.

Die US-Politik wird bestürzt sein. Gun-Control-Aktivisten werden Petitionen formulieren, dafür, dass endlich das US-Waffenrecht geändert wird. Man solle zumindest den Verkauf von halbautomatischen Waffen erschweren oder die Abgabe von Munition reglementieren. Einige, meist demokratische Politiker werden diese Vorstöße befürworten. Selbsthilfegruppen von Eltern, deren Kinder bei School Shootings umkamen, werden sich ihnen anschließen, Mahnwachen abhalten und dabei Transparente hochhalten.

Parkland wird bestürzt sein. Es wird eine Trauerfeier geben in der 25 000-Einwohner-Stadt einige Tage nach dem Amoklauf. Vielleicht wird Trump selbst dorthin reisen, vielleicht wird er eine Rede halten, vielleicht wird er einen seiner Minister vorschicken.

Das Ausland wird bestürzt sein. Steffen Seibert, der Sprecher von Angela Merkel hat den Anfang gemacht und auf Englisch getwittert: "Our hearts go out to the victims." Unsere Herzen sind bei den Opfern. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wird via Twitter mit seinen Gedanken in Florida sein. Die britische Premierministerin Theresa May ebenfalls, außerdem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Andrea Nahles äußert ihr Beileid, Markus Söder auch.

6,3 Tage im Durchschnitt, bis die National Rifle Organisation reagiert

Die Medien werden bestürzt sein. Was ist das für ein Mensch, der so etwas tut? Wie verlief seine Kindheit? War er ein Außenseiter, ein Loser, ein Nerd? Wurde er von seinen Eltern vernachlässigt, von Mitschülern gemobbt, von Lehrern gedemütigt? Die Suche nach Erklärungen beginnt, nach Mustern, nach Anzeichen in der Biografie, die man hätte früher sehen müssen. Experten, die sich mit School Shootings auskennen, werden befragt. Wie wär's mit einer Grafik? Daten zu Schießereien an Schulen und Universitäten sind in den statistikverrückten USA hervorragend aufgearbeitet. Es ist einfach. Letztlich braucht man nur die Artikel vom letzten School Shooting aktualisieren und die neuesten Zahlen einarbeiten. Alles andere stimmt noch.

Auch die National Rifle Association ist bestürzt, sie wird sich aber zunächst still verhalten. 6,3 Tage, das hat ein Journalist des Harper's Magazine ausgerechnet, warten die Aktivisten der US-Waffenlobby im Durchschnitt, bis sie sich nach einem Amoklauf öffentlich äußern. Einige, die mit der NRA sympathisieren, werden argumentieren, dass eine Verschärfung der Waffengesetzte nichts bringen würde. Das Problem seien bad guys, die sehr böse Dinge tun. Man könnte sie aufhalten, wenn nur genug rechtschaffene good guys in entscheidenden Situationen schneller reagieren als der Amokschütze. Am Ende wird die Forderung nach noch mehr Waffen stehen, für Lehrer zum Beispiel.

Die Diskussion wird eine Weile weitergehen, vielleicht fünf Tage, vielleicht zehn, dann wird das Thema erledigt sein. Und irgendwann wird irgendwo in den USA wieder jemand eine halbautomatische Waffe in seinen Rucksack packen, eine Schule betreten und um sich schießen.

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