Schumachers Arzt in Grenoble Zorn in seinen Augen

Michael Schumachers Arzt Jean François Payen ist vom Medienrummel um seine Arbeit alles andere als angetan.

Niemand kennt Schumachers Kopf momentan besser als dieser Intensivmediziner: Jean-François Payen. Er war es, der den Ex-Rennfahrer ins künstliche Koma versetzte. Unter Kollegen gilt er als umgänglich, als Team-Arbeiter. Doch auf den ihm so lästigen Pressekonferenzen lässt er Dampf ab.

Von Christian Wernicke, Grenoble

Würde man von der Miene dieses Arztes auf das Schicksal seines Patienten schließen - Michael Schumacher wäre wohl dem Tode geweiht: Finster schaut Jean-François Payen drein, trübselig lässt er seine Mundwinkel hängen. Die Bartstoppeln des hageren Mediziners lassen ihn müde wirken, abgekämpft, erschöpft. Doch dieser Eindruck täuscht.

Der 56-jährige Anästhesist, als Leiter der neuro-chirurgischen Intensivstation der Uni-Klinik in Grenoble derzeit der wichtigste Betreuer des verunglückten Ex-Rennfahrers, verbreitet neuerdings Hoffnung. Zwar schwebe Schumacher weiterhin in Lebensgefahr, diagnostiziert Payen, aber sein Zustand habe sich "leicht verbessert" und sei "stabiler".

Niemand auf der Welt kennt Schumachers Kopf momentan besser als dieser Spezialist der Intensivmedizin. Payen war es, der Schumacher ins künstliche Koma versetzte. Und Payen soll es auch gewesen sein, der am Montag nach einer Computer-Tomographie die Chance ausmachte, Schumacher von einem Hämatom in der linken Hirnhälfte zu befreien. Operiert haben dann andere; Payen ist kein Chirurg.

Der Mann mit der Statur eines Marathonläufers wird von seinen Kollegen geschätzt, von seinen Studenten fast verehrt. Er gilt als umgänglich, als Team-Arbeiter. Dass er dieser Tage so missmutig dreinblickt, wann immer er vor Journalisten sich äußert, erklärt ein Klinikmitarbeiter so: "Der Professor hat sich ganz der Medizin verschrieben. All der Wirbel, der Druck der Medien - das ist ihm zuwider!"

Jeden Tag steigen Schumachers Chancen

Erst seit zwei Jahren ist Payen Chefarzt auf der fünften Etage des klobigen Uni-Klinikums von Grenoble. Gestaltet aber hat er die Arbeit dort schon vorher. Payen zählte zu den treibenden Kräften, die die akut-medizinische Versorgung von Grund auf neu organisierten. Jährlich werden im Klinikum von Grenoble um die Tausend lebensgefährlich verletzte Patienten eingeliefert, jeder Vierte verunglückte beim Sport in den Bergen: im Sommer die Kletterer und Gleitschirmflieger, im Winter die Skiläufer. Zwar erlagen im Jahr 2009 13 Prozent dieser Patienten ihren Verletzungen. Ein Hoffnungsschimmer für Schumacher aber ist: Neun von zehn Opfern verstarben vor der Einlieferung ins Hospital oder innerhalb der ersten 48 Stunden nach ihrem Unfall. Rein statistisch steigen Schumachers Chancen demnach jeden Tag.

Es ist ein Erfolg dieses Not-Netzwerkes, dass Schumacher nach dem Unfall nach nur eineinhalb Stunden per Hubschrauber in Grenoble landete. Seither versucht Payen zu verdrängen, dass ihm die halbe Welt auf die Finger schaut. Er verweigert jede Prognose, aus leidiger Erfahrung: "In der Intensivmedizin kann sich alles schnell ändern - zum Guten wie zum Bösen."

Gegen Ende einer der ihm so lästigen Pressekonferenzen hat er nun Dampf abgelassen. Zorn flackerte in seinen Augen, als er über den Brillenrand auf die Journalisten starrte: "Wir behandeln hier jeden anderen Patienten genauso wie Michael Schumacher", giftete Payen, "der einzige Unterschied sind Sie!"