Für die einen kam der Schnee rechtzeitig zur Skisaison. Die anderen haben schon seit Tagen keinen Strom, saßen auf gesperrten Autobahnen fest oder müssen in Notunterkünften ausharren.
Der Schneesturm hat Nordrhein-Westfalen am Wochenende in ein bisher beispielloses Winterchaos gestürzt. Rund 1500 Unfälle, etwa 100 Verletzte, Millionenschäden und 250.000 Menschen, deren Haushalte viele Stunden lang ohne Strom waren - das ist die vorläufige Bilanz. Vor allem das Münsterland war betroffen.
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Der plötzlichen Last nicht gewachsen: Strommasten in NRW. Stromversorger RWE sieht höhere Gewalt am Werk und sich daher nicht schadensersatzpflichtig. (© Foto: AP)
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In den Kreisen Borken und Steinfurt wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Hier wie auch in anderen Regionen fiel binnen 24 Stunden etwa 30 bis 50 Zentimeter Schnee. Der Verkehr brach zeitweise völlig zusammen. Der Flughafen Düsseldorf musste stundenlang gesperrt werden. Züge kamen wegen umgestürzter Bäume nicht mehr voran.
Größte Herausforderung war am Sonntag die Reparatur des Stromnetzes. Dem Energiekonzern RWE war es zunächst gelungen, mehr als 100.000 Menschen wieder mit Strom zu versorgen. Die Stromleitungen hatten der Belastung durch die sturmgepeitschten "oberarmdicken Eispanzer" nicht standgehalten. 50 Hochspannungsmasten im Münsterland waren eingeknickt oder nicht mehr funktionstüchtig.
RWE trat Spekulationen entgegen, wonach Masten und Leitungen im Münsterland überaltert gewesen sein könnten. "Hier stehen die selben Masten wie in Bayern oder in Österreich", sagte ein Sprecher.
Rüttgers reist in die Region
NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) wollte am Sonntagnachmittag in die betroffene Region fahren und sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort machen. Gemeinden öffneten Turnhallen, wo sich die Menschen aufwärmen konnten. In einigen Kreisen wurde Kindern und Lehrern für den Montag schulfrei gewährt.
In Altenheimen, Krankenhäusern und auf Bauernhöfen, wo unbedingt die Kühe mit den Maschinen gemelken werden mussten, wurden mindestens 600 Notstromaggregate verteilt. Die Bewohner schwankten zwischen Sorge und Gelassenheit. "Die Münsterländer nehmen hin, was nicht zu ändern ist", sagt Krisenstab-Sprecher Stefan Bergmann.
Der Wintereinbruch in Nordrhein-Westfalen hat nach Einschätzung des Bonner Wetterdienstes donnerwetter.de historische Dimensionen. Es sei in Deutschland der bisher schwerste Schneesturm im Flachland in einem November gewesen. Im Flachland sei nur die Schnee-Katastrophe in Schleswig-Holstein von Ende Dezember 1978 vergleichbar.
"So etwas kennt man sonst nur aus Filmen über Sibirien", sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei Wuppertal angesichts von bis zu einem Meter hohen Schneewehen auf der A1. Die A31 bei Gronau war 46 Stunden lang gesperrt. Dort wie an vielen anderen Orten waren Starkstromkabel der Überlandleitungen von den Masten gerissen und hingen gefährlich nahe über der Fahrbahn. Tausende Autofahrer mussten die Nacht zum Samstag in ihren Autos verbringen.
Lastwagenfahrer luden Frierende in ihre geheizten Führerhäuser ein. Der Winterdienst war mit seinen fast 700 Fahrzeugen rund um die Uhr im Einsatz und streute 1500 Tonnen Salz auf die Straßen.
Bei der Bahn ging oft gar nichts mehr. 216 Züge verspäteten sich um insgesamt 7000 Minuten, viele Strecken waren unpassierbar. Am Hauptbahnhof Münster nächtigten rund 50 Menschen in einem Luftschutzbunker, weil weder Züge noch Taxis verkehrten und umliegende Hotels ausgebucht waren.
Auch das Ruhrgebiet war von den Schneefällen stark betroffen. Die Verkehrsbetriebe in Essen stellten zeitweise den Betrieb ein. "Wir haben hier fast den idealen Verkehrszustand erreicht - nämlich den Stillstand", meinte ein Polizeisprecher. Der Handel konnte hier den ersten Adventssamstag als Einnahmequelle praktisch streichen.
Für die teils katastrophalen Staus machten die Behörden nicht zuletzt Lastwagen verantwortlich, die mit Sommerreifen unterwegs waren, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Wegen der quer stehenden Transporter seien die Räumfahrzeuge kaum durchgekommen.
Leid hier, Freud da: Bei klirrender Kälte und teilweise schneidendem Wind hatten die Liftbetreiber im Sauerland am Samstag die Skisaison eröffnet. Die Wintersportler schnallten sich bei 30 Zentimetern Kunst- und Naturschnee die Skier unter. Der Ansturm von Wintersport-Begeisterten aus den Ballungsräumen an Rhein und Ruhr blieb aber auf Grund des Schneechaos auf den Straßen aus.
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(sueddeutsche.de/dpa)
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