Schmerzensgeld für Gutachten "Das zweite Gutachten könnte auch falsch sein"

Beendet ist der Kampf gegen die Mühlen der Justiz allerdings noch nicht. Am Donnerstag verhandelt das Landgericht Saarbrücken wieder. Norbert Kuß ist nicht da, er muss nicht, denn diesmal ist er nicht der Beklagte, sondern der Kläger: Er fordert 80 000 Euro Schmerzensgeld und einen Schadensersatz von 38 000 Euro von der Sachverständigen, die das erste Gutachten angefertigt hat.

Das Gericht fällt ein Teilurteil: Wissenschaftliche Standards seien nicht eingehalten worden, das Gutachten sei insofern grob fahrlässig erstellt worden, Kuß stehen 50 000 Euro Schmerzensgeld zu. "Der Kläger hätte nie verurteilt werden dürfen", heißt es zur Begründung. Über den Schadensersatz wird noch beraten. Ob es dabei bleibt? Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Ob die Gutachterin Einspruch einlegt, ist offen. Ihr Anwalt hält die Forderungen für verjährt. Er zieht in Zweifel, dass das Gutachten seiner Mandantin grob fahrlässig war - und fordert einen dritten Sachverständigen: "Wir haben hier zwei Gutachten - das meiner Mandantin und das aus Freiburg. Das zweite Gutachten könnte auch falsch sein."

Noch also dürfte der Fall nicht beendet sein. Und Kuß? Lebt weiter. "Ich bin immer noch wütend, aber Hass verspüre ich keinen. Das würde mich auffressen", sagt er. "Wir haben uns all die Jahre bemüht, normal zu leben. Wir waren arm, aber wir haben alle Feste gefeiert." Seine Frau hat zu ihm gehalten. Und nicht nur sie.

"Bis heute habe ich keinen bösen Anruf bekommen. Der Pastor aus dem Ort hat mich sogar im Gefängnis besucht", erzählt Kuß. Als die Zwangsversteigerung seines Hauses droht, seien Freunde und Nachbarn mit 55 000 Euro eingesprungen - obwohl sie nicht wussten, ob sie das Geld zurückbekommen. "Sie haben damals gesagt: Wir glauben an dich, aber wir glauben nicht an die Justiz", sagt der 71-Jährige. Und kann er den deutschen Gerichten noch vertrauen? "Unter dem Strich gibt es mehr gute Urteile als schlechte", sagt er. Und dann: "Ei jo", er überlegt noch einmal, "wer schuldig ist, braucht gute Anwälte. Wer unschuldig ist, braucht die besten."