Schluss mit Lustig Dickkopf im Bauwagen

Ein Vierteljahrhundert war Peter Lustig im ZDF "Löwenzahn" - nun hört er auf.

Von Rene Martens

ZDF-Intendant Markus Schächter ist manchmal selbst auf dem Bildschirm zu sehen, zum Beispiel bei wichtigen Fußballspielen auf der Tribüne neben anderen wichtigen Menschen. Einer wie er zeigt sich nie hemdsärmelig an einer Imbissbude. Doch das 25-jährige Jubiläum von Löwenzahn hat ihn dazu animiert, in eine solche Rolle zu schlüpfen. In dem jetzt zur Ausstrahlung gelangenden 70-Minuten-Film Löwenzahn: Die Reise ins Abenteuer hat der TV-Chef einen Auftritt als Würstchenesser.

Die Premiere markiert den Abschied von der ZDF-Institution Peter Lustig, der die Kinderserie Löwenzahn von Anfang an moderiert hat. Der Ausflug des Intendanten ins Schauspielfach ist somit eine Hommage an einen alten Weggefährten - als Schächter noch Kinderfernsehchef bei den Mainzelmännchen war, habe man hin und wieder zusammen "ein Rotweinchen getrunken", erzählt Lustig, der auch im wirklichen Leben so heißt.

Aus großen Leinwandplänen für den Löwenzahn-Langfilm wurde nichts. In der vorliegenden Form eigne er sich gar nicht fürs Kino, sagt Andrea Friedrich von der Produktionsfirma Studio-TV. Die Reise ins Abenteuer ist in drei Teile gegliedert, damit er später häppchenweise auf dem regulären Löwenzahn-Sendeplatz am Sonntag wiederholt werden kann.

Seit 20 Jahren mit einer halben Lunge

Das Geburtstagsgeschenk, in dem mit Cherno Jobatey und Gundula Gause weitere Figuren aus dem ZDF-Fundus in Mini-Rollen zu sehen sind, steht im Zentrum einer Löwenzahn-Dauerparty. Am frühen Sonntagmorgen laufen im ZDF knapp sechs Stunden lang alte Folgen des Wissensmagazins - für jene, die mit Peter Lustig groß geworden sind und sich mittlerweile die Nacht vor der Glotze um die Ohren schlagen dürfen. Am Montag dann räumt der Kinderkanal sein Nachmittagsprogramm für Lustig & Co. frei, dort gibt es fünf Wochen lang werktags je eine Folge zu sehen.

Lustig wird in wenigen Tagen 68 Jahre alt. Er gehe jetzt in den Ruhestand, weil er beim Drehen "an die Grenzen der körperlichen Belastungsfähigkeit" gekommen sei, sagt er. Seit 20 Jahren hat er nur noch eine halbe Lunge, und ohne seinen Spazierstock mit Silber-Griff kommt er kaum noch vorwärts. "Wenn ich eine Treppe auf eine Terrasse hoch gehen soll, langt die Luft nicht mehr, um oben noch einen Monolog zu sprechen, dann muss der Regisseur das schneiden." Solche Verzögerungen, die ja auch Geld kosten, wollte er dem Team nicht mehr zumuten.

Den Löwenzahn hat Lustig mit seiner angenehm onkelhaften Art zum Klassiker gemacht. Während sich Sendungen wie Sesamstraße oder Die Sendung mit der Maus behutsam modernisiert haben, hat Löwenzahn bis heute ein fast behäbiges Tempo. "Ein Ergebnis meiner Dickköpfigkeit. Ich wünsche mir, dass diese Langsamkeit bestehen bleibt", sagt Lustig. Kein Wunder, dass ihm die Trends auf dem Kinder-TV-Markt missfallen - besonders die Animes, die schnellen, aggressiven Trickfilme aus Japan. Obwohl er "wenig Fernsehen guckt, auch wenig Kinderfernsehen", will er extra betont wissen, nie TV-abstinent gelebt zu haben: "Ich bin kein Maschinenstürmer, wie mir einige unterstellen wollten."

Langzeitstudien, die ergeben, dass erhöhter TV-Konsum im Kindesalter ein niedrigeres Bildungsniveau mit sich bringt, sieht der Veteran skeptisch. "Ja, Gottchen, ich halte es da eher mit Günther Jauch, der gesagt hat, Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger." Der Name Peter Lustig stand stets für dosierten Fernsehkonsum. Nachdem er Regenwarnmaschinen und Sofamobil gebastelt hat oder Phänomene aus Flora, Fauna und Technik kindgerecht auf den Punkt brachte, fordert er am Ende stets: "Abschalten!" Auf dass die Kinder selbst vor die Tür gehen und die Welt da draußen entdecken.

Peter Lustig war früher Dreher und Schlagzeuger. Er hat Fernseher repariert und als Tonmeister fürs Fernsehen gearbeitet. Dabei wurde er durch Zufall entdeckt. "Ich habe immer versucht, die Figur Peter Lustig in Deckung zu bringen mit mir selbst. Ich kann ja nur den Lustig." Schließlich sei er "kein Schauspieler" und erst recht "kein Pädagoge". Vor vier Jahren verlieh ihm die Deutsche Physikalische Gesellschaft die Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik.

"Ich liebe Klischees"

Weil er in seiner Sendung im Bauwagen lebt - was sonst nur Aussteiger tun -, und weil er den Kindern auf spielerische Weise ein ökologisches Verständnis nahe bringt, sind Lustig oft Sympathien für alternative Positionen nachgesagt worden. Dagegen wehrt er sich heftig. "Ich habe nie eine Zigeunerlebensweise, so romantisch sie auch erscheinen mag, propagieren wollen." Dennoch wünsche sich "jedes Kind, jeder Erwachsene, für einen kurzen Lebensabschnitt im Bauwagen zu leben". Während der Dreharbeiten hat Lustig tatsächlich mal im Bauwagen übernachtet - wenn auch nur selten.

Die Reise ins Abenteuer nährt noch mal die Interpretation, der Löwenzahn-Mann sei ein Linker. Auf seinem Areal im Elchwinkel soll ein Vergnügungs- und Bürokomplex entstehen, und ein mafiotisch anmutender Baulöwe (Dietmar Bär) bietet ein vermeintliches Traumschloss als Ersatz. Die Boss-Figur wirkt überzeichnet, doch Lustig kontert: "Ich liebe Klischees, gebe gern dem Affen Zucker und mache eine dumme Figur noch dümmer, damit man das Klischee erkennt. Ich empfinde da ein bisschen kindlicher als viele Kritiker."

Sein Nachfolger als Löwenzahn-Moderator steht bereits fest. Ein Magazin zu präsentieren, das über ein Vierteljahrhundert nur ein Gesicht hatte, ist eine herkulische Aufgabe. Auf dem Schirm ist der Neue, dessen Name unter Verschluss gehalten wird, erst ab Herbst 2006 zu sehen, bis dahin rotiert Archivmaterial. Peter Lustig will sich derweil im Hobbyraum seines nordfriesischen Bauernhauses unter anderen "der Mikroskopie und Astronomie widmen". Sein Rat an den Nachfolger: "Er darf die Kinder nicht einwickeln, darf sich nicht einschmeicheln. Das merken Kinder schneller als Erwachsene."

Lange Löwenzahn-Nacht, ZDF, Nacht auf Sonntag, 1.05 Uhr; Löwenzahn: Die Reise ins Abenteuer, ZDF, Sonntag, 10.45 Uhr und Kika, Montag, 17 Uhr.