Schildkröte "Lonesome George" Der Letzte seiner Art

Weiß George nicht, wie man mit Frauen umgeht? Oder ist er gar schwul? Die Schildkröte "Lonesome George" ist das einsamste Tier der Welt - nun gibt es Hoffnung auf Nachwuchs.

Von Antje Weber

Das Leben ist ein sehr langsamer Spaziergang für eine Riesenschildkröte wie George. Morgens macht er ein bisschen Gymnastik, reckt den langen, faltigen Hals aus dem gefurchten Sattelpanzer, schiebt sich mit seinen elefantös dicken Beinen ein bis zwei Meter am Teich entlang. Gibt es Fressen, knurpselt er stundenlang genüsslich am Salat. Den Rest des Tages ruht er sich, verborgen im Schatten der Bäume, von der Anstrengung aus.

Kriecht nicht genug: Lonesome George müsste eifriger hinter Weibchen her sein, damit seine Art nicht ausstirbt.

(Foto: Foto: AP)

Das wäre weiter kein Problem, würde die Welt nicht seit 36 Jahren darauf warten, dass George endlich etwas aktiver wird. Denn George hat ein schweres Schicksal: Er ist er der Letzte seiner Art, der Elefantenschildkröten-Subspezies Geochelone nigra abingdoni von der Galapagos-Insel Pinta. 1972 fand ihn eine Forschergruppe allein auf der unbewohnten, von Ziegen kahlgefressenen Insel.

Mehrfach wurde Pinta seither auf der Suche nach Artgenossen durchkämmt, weltweit in Zoos nach Kröten mit gleichen Genen gefahndet - ohne Erfolg. Als "Lonesome George" oder "Solitario Jorge" hat der Einsame, dessen einzige Freunde über Jahre hinweg die Wärter der Schildkröten-Aufzuchtstation auf der Galapagos-Insel Santa Cruz waren, traurige Berühmtheit erlangt.

Vor kurzem jedoch keimte Hoffnung auf, dass seine Art vielleicht doch nicht mit ihm aussterben wird. Denn George teilt sein weitläufiges Gehege mit zwei Schildkrötenweibchen der phänotypisch ähnlichen Art Geochelone becki von der Insel Isabela. Seit 15 Jahren schon leben sie zusammen, doch bis vor wenigen Monaten interessierte George sich reichlich wenig für seine Mitbewohnerinnen mit den nüchternen Namen 106 und 107, im Gegenteil: Er reagierte aggressiv auf sie und scheuchte sie von seinem Futter weg.

Von der Streicheltherapie ungerührt

Dabei ist George mit seinen geschätzten 90 bis 100 Jahren - bei einer Lebenserwartung von bis zu 200 Jahren - längst erwachsen, überreif für die Liebe. Wissenschaftler rätselten: Weiß George einfach nicht, wie man mit Frauen umgeht? Müssen Riesenschildkröten in ihrer Jugend bei einem Paarungsakt zusehen, um zu lernen, wie es geht? Oder ist George gar schwul? Selbst auf die Streicheltherapie einer Schweizer Praktikantin, die andere Schildkröten binnen Minuten zum Orgasmus brachte, reagierte George vor einigen Jahren ziemlich ungerührt.

Was seinen Sinneswandel ausgelöst hat, ist ungewiss - doch vor ein paar Monaten hat George sich den Schildkrötenweibchen genähert und seine mehr als 100 Kilogramm auf deren Panzer gewuchtet. 16 Eier, von den beiden Gespielinnen im Laufe des Sommers in der Erde vergraben, wurden von den wachsamen Wärtern sogleich wieder ausgebuddelt und im Inkubator ausgebrütet. Würden aus diesen Eiern bis Ende des Jahres winzige Riesenschildkröten schlüpfen, es wäre der Durchbruch: "Man bräuchte vier Generationen, das heißt bei Schildkröten ungefähr 100 Jahre, um wieder annähernd reinrassige Tiere seiner Art zu züchten", sagt Sixto Naranjo, Vizedirektor des Nationalparks Galapagos in Puerto Ayora auf Santa Cruz.

Der erste Überschwang der Experten hat sich allerdings bereits wieder gelegt. Etwa 130 Tage dauert der Reifungsprozess von Schildkröten-Eiern; die Temperatur im Inkubator entscheidet darüber, ob ein Männchen oder ein Weibchen herauskommt. Die Befunde der ersten Eier zeigten jedoch: Wahrscheinlich kommt diesmal außer Schildkröten-Eidotter gar nichts heraus. Auch wenn vier Eier noch bis Ende Dezember im Inkubator brüten werden, ist für Sixto Naranjo bereits klar: "Sie sind wahrscheinlich alle unbefruchtet." Das könne mit dem Stress der Tiere in der Gefangenschaft zu tun haben oder mit ihrer Ernährung - zeitweise hatte man George, der zu fett geworden war, auf Diät gesetzt. Doch Naranjo ist optimistisch: Im Januar und Februar ist wieder Paarungszeit, für den Sommer erwartet man die nächsten Eier.

Immerhin ist Bewegung in die Sache gekommen. Es ist auch höchste Zeit. Auf der Insel Pinta, wo die verwilderten Ziegen ausgerottet wurden, müssten längst schon wieder pflanzenfressende Schildkröten leben, damit die Vegetation nicht alles überwuchert. Sollte man in den kommenden zwei Jahren nicht endlich Fortpflanzungserfolge bei George sehen, so Naranjo, werde man dort notgedrungen Schildkröten einer anderen Art aussetzen, damit das Ökosystem nicht völlig aus dem Gleichgewicht gerät. Doch noch will man die Hoffnung auf direkte Nachkommen keineswegs aufgeben. Gerade erst war wieder eine Spezialtruppe von Genetikern auf der Insel Isabela unterwegs: Anhand von Blutproben möglichst vieler Kröten wollen die Experten herausfinden, ob sich nicht doch irgendwo ein Exemplar versteckt, dessen Gene denen von George besonders ähnlich sind - und die ersten Analysen deuten darauf hin.

Derweil kriecht der nicht mehr ganz so einsame George weiter als lebende Mahnung herum, ein Symbol für die Ausrottung der Tierwelt durch den Menschen. Denn dass er der Letzte seiner Art ist, hat er Piraten und Walfängern zu verdanken, die über Jahrhunderte das schmackhafte, praktischerweise lebend im Schiffsrumpf einlagerbare Fleisch der Riesenschildkröten schätzten. Noch verheerender waren auf der Galapagos-Inselgruppe anschließend Ziegen, Katzen und Hunde, die Siedler mitgebracht hatten. Die Riesenschildkröten-Unterarten wurden auf fast allen Inseln der Galapagos-Gruppe nahezu ausgerottet; mühsam hat man einige Populationen in der Charles-Darwin-Station auf Santa Cruz in den vergangenen Jahrzehnten wieder aufgepäppelt. Von einst 15 Unterarten gelten vier bereits als ausgestorben - und sollte George einst ohne Nachkommen aus dem Leben scheiden, wird es noch eine mehr sein.

George kann nicht ahnen, wie sehr ausgerechnet sein Schicksal die Menschen rührt. Manchmal scheint er zwar für die Kameras der Touristen zu posieren, die ihn von einem Holzsteg aus von ferne bestaunen dürfen. In seinen besten Momenten beschenkt er sie mit einem runzeligen E.T.-Grinsen und einem stechenden Blick aus kleinen, schwarzen Augen, die an die Urzeiten der Welt zu erinnern scheinen; an Zeiten, als die Erde noch von Dinosauriern bewohnt wurde und von Riesenschildkröten. Doch schon zieht George den Hals wieder ein, streckt den Besuchern seinen mächtigen Hintern entgegen und schleppt sich langsam von dannen: Zeit fürs Mittagsschläfchen.