Schamanen unter sich Schweb doch mal rüber!

Bei einem internationalen Schamanismus-Kongress am Mondsee tauschen sich Virtuosen der Trance mit ihren Jüngern aus. Ganz entspannt und auch mit Wörtern.

Von Tanja Rest

Es begann damit, dass Wai Turoa-Morgan in ihrem Workshop fünf Steine verteilte. Wai aus Neuseeland, Maori-Schamanin in der sechsten Generation. Wai, Empfängerin der ¸¸drei Körbe des Wissens", die bei ihrer Geburt von einer Membran umgeben war und über große seherische Fähigkeiten verfügt. So heißt es. Und es war so, dass einer dieser Steine bei Jens Fischer aus München landete. Er trug ihn einige Minuten bei sich. Wai schaute den Stein an, lächelte, und dann sagte sie etwas.

Es war so, dass Wai Sachen sagte, die sie unmöglich wissen konnte.

Abend. Vorm Hotel ¸¸Leitner Bräu" schneidet Jens Fischer einen Spinatknödel entzwei und muss jetzt erst mal klarstellen: ¸¸Ich bin nicht der Typ, der im Auditorium in Tränen ausbricht und gereinigt von dannen fließt." Dann fängt er an zu erzählen. Dass ihm vor acht Jahren der Sohn gestorben ist, vier Tage nach der Geburt. Dass er ihn im ersten Entsetzen ungetauft in einem anonymen Urnengrab bestattet hat. Dass dies der größte Fehler seines Lebens war. ¸¸Sie hat gesagt: Dein Sohn schaut dir über die Schulter. Es wird Zeit, ihm einen Namen zu geben und ihn gehen zu lassen."

24 Stunden zuvor hat der 5. Internationale Schamanismus-Kongress in Mondsee, Österreich, mit erfrischend diesseitigen Problemchen begonnen. Dialog vorm sich füllenden Festsaal: ¸¸Rudi, mach doch mal "ne Durchsage, die müssen alle nochmal "raus, die müssen noch geräuchert werden." - ¸¸Ja, aber räuchern kann ich irgendwie schlecht sagen." - ¸¸Sag halt Zeremonie." Salbeidämpfe wabern, dann sitzt man sich erstmals gegenüber.

Unten: 400 Kongressteilnehmer. Ärzte, Heilpraktiker, Psychologen, Psychotherapeuten, ein Haufen rat- und rastloser Sinnsucher und ein Häuflein Skeptiker. Hoffnungsfrohe Gesichter allüberall, die Frauen in der Zweidrittel-Mehrheit; modisch dominiert das Wallende über das Körpernahe. Oben: 14 Schamanen aus fünf Kontinenten. Angereist aus Korea, New Mexico, Norwegen, der Steppe Swazilands, dem Moloch Delhi, dem Regenwald von Peru. Sie sind gekommen, um sich auszutauschen und das westliche Publikum, dem Transzendenten wild-entschlossener zugeneigt denn je, einen Blick tun zu lassen in die bodenlosen Dunkelkammern ihrer Weisheit.

Ausnahmezustand in Mondseeland. Eine Woche lang pilgern hessische Squaws, selbsternannte bajuwarische Druiden und echte Navajo-Medizinmänner mit Stammes-Totem übers Kopfsteinpflaster der Gemeinde, einer bildschönen Fremdenverkehrs-Preziose im Salzkammergut, wie vom Herrgott höchstselbst ans Nordufer des sichelförmigen Mondsees gezimmert. Alle Pensionen belegt, die Tische reserviert, Mondsee reibt sich die Hände - und erschrickt ein bisschen über die eigene Chuzpe. 400 Gottlose im Ort! Kann das recht sein? Anna von ¸¸Anna"s Mode G"wölb" fasst zusammen: ¸¸Schamanismus, wos is des scho, mir sogt des ned wirklich wos. Irgend so ein religiöses Ding halt, stimmt"s?"

Es stimmt nicht, jedenfalls nicht ganz. Ein Schamane ist alles: Priester, Heiler und Berater in Lebensfragen, Überlieferer der Mythen seines Volkes, Stimme der Geister, auserwählter Mittler zwischen Menschlichem und Göttlichem. Er entstammt in der Regel einer langen Familientradition, und seiner Berufung gehen oft tiefe Krisen, körperliche Leiden und verstörende Visionen voraus. Ziel ist die Heilung von Krankheiten - wobei ,Krankheit" stets ganzheitlich verstanden wird, als Störung des kosmischen Dreiklangs von Körper, Seele und dem Spirituellen. Schamanen sind Virtuosen der Trance. In ekstatischen Bewusstseinszuständen übermitteln sie Botschaften aus dem Jenseits, Tipps von Tierwesen, Geistern oder den Ahnen. Riesenhokuspokus? ¸¸Ich bin mir ganz ehrlich nicht sicher", sagt eine Salzburger Heilpraktikerin mit Buddha-Amulett. ¸¸Aber seit ich mich mit dem Thema beschäftige, sind meine Kreuzschmerzen weg." Letztlich zählt, was hilft.

Vormittag auf Schloss Mondsee. In Säulenhalle 2 winden sich 50 völlig losgelöste Körper unter Anleitung der koreanischen Ekstase-Tänzerin Hi-ah Park. Im ¸¸Prunkraum" hocken die Teilnehmer in einer imaginierten Indumba, einer afrikanischen Heilungshütte, und lauschen dem Knochenorakel von James Hall. Im Saal ¸¸Napoleon" berichtet Don Pedro Gonzalez von seiner zweijährigen Lehrzeit im amazonischen Regenwald, in der er von Pflanzengeistern unterrichtet wurde. Einen Kilometer entfernt hält der Navajo Francis Mitchell sein Sweat-Lounge-Ritual ab, obwohl der Ort bei 30 Grad im Schatten sowieso schon eine einzige Schwitzhütte ist.

Auf der Bühne des Festsaals steht die Russin Nadia Stepanowa. Kreisrundes Gesicht, munter auffunkelnde Augen. Sie erzählt von ihrer ersten Italienreise, nach Siena. ¸¸Als ich eintraf, sah ich eine schöne, ganz in Weiß gekleidete Frau. Und ich habe gefragt: hat diese Stadt eine Schutzheilige? Die Leute sagten: das ist die heilige Katharina." Sie habe, fährt die Stepanowa fort, zu Ehren Katharinas ein Opferritual abgehalten. Brot, Butter und Wodka. ¸¸Es war an diesem Tag noch eine andere Seherin anwesend. Plötzlich sagt sie: Schau mal, Nadia, da hinten liegt die heilige Katharina sturzbetrunken in der Ecke." Gelächter. Die Götter müssen verrückt sein. Kurz: Die Versuchung ist groß, den Kongress als geniales Spukgebilde abzutun.

Aber so einfach ist das nicht, im Gegenteil. Je genauer man hinschaut, umso komplizierter wird es. Die hier anwesenden Schamanen haben allesamt verblüffende Heilerfolge erzielt. Diese Erfolge sind zum großen Teil dokumentiert und der Schulmedizin ein schmerzendes Rätsel. Die Schamanen haben Krebs, Aids und Leberzirrhose im finalen Stadium genauso geheilt wie chronische Schnupfennasen, Schlaflosigkeit und gebrochene Herzen. Viele arbeiten in Krankenhäusern, lehren an Universitäten; zu ihren Patienten zählen Ärzte, Wirtschaftsleute, hochrangige Regierungsmitglieder.

Sie verlangen kein Geld für die Behandlung, da sie ihre Gabe als Gottesgeschenk empfinden, aus dem sie nicht Profit schlagen wollen. Ein paar Workshops besucht, und es sieht so aus: Selbst dann, wenn man den heißen Draht der Herrschaften zur Geisterwelt probehalber beiseite lässt, bleibt erstaunlich viel übrig. Hervorragende Kenntnisse über die Heilkräfte von Pflanzen, ein immenses Wissen über richtige Ernährung, gesunde Lebensweise und die obskuren Winkelzüge der menschlichen Psyche.

¸¸Es ist ohne Zweifel möglich, über schamanische Prozesse Heilung zu bewirken - wie sonst hätten diese Praktiken Jahrtausende überdauert?" Gerhard Mayer vom Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Ob Tiergeister, Pflanzenspirits oder Arzneianweisungen aus dem Jenseits ¸¸real" sind, darauf will er sich nicht festlegen. ¸¸Ich glaube aber, dass unsere rationalistischen Denkmodelle die Komplexität der Wirklichkeit längst nicht erfassen." Besonders bei seelisch-psychischen Leiden und chronischen Krankheiten wie Rheuma oder Migräne seien die Erfolge von Schamanen kaum von der Hand zu weisen. Die Schulmedizin, sagt Mayer, müsse sich heute notgedrungen mit dem so genannten Placebo-Effekt auseinander setzen - mit einer Heilung also, die auf Vorstellungskraft beruht statt auf Chemie.

Der Psychologe warnt allerdings davor, das Thema flott zur Weltanschauung umzufunktionieren. Rückbesinnung auf die Natur, Weitung des Blicks, Suche nach Halt und Sinn: schön und gut. Aber Schamanismus als Gratis-Ticket zur kosmischen Glückseligkeit, dieser Stairway to Heaven führe letztlich nirgendwo hin. ¸¸Es wird viel in Naturvölker hineinprojiziert, weil die Leute glauben, hier noch die direkte Kraft der Natur vorzufinden, das wahrhaft Authentische. Das sind größtenteils idealisierte Vorstellungen."

Die Wundererwartung ist gewaltig auf Schloss Mondsee. Über jedem Workshop lastet sie drückend wie ein turmhoch aufgestautes Sommergewitter, das sich jeden Moment blitzeschleudernd entladen kann. In den Pausen zucken Vollzugsmeldungen wie Fieberkurven durch die Korridore: Der Indianer hat einem Mann die Migräne ausgesogen. Die Maori hat wieder Unglaubliches gesehen, Tränen sind geflossen! Beim Tanz-Ritual von Kim Keum sind fünf Frauen in Trance gefallen!!! Das Kongress-Energiefeld ist positiv, voll von Enthusiasmen, mit einem wachsenden Drall ins Hysterische. Vorm Schloss-Bistro umklammert ein Rosenheimer Rasta-Man weinend eine Buche.

¸¸Die Menschen wollen von uns Dinge hören, die sie eigentlich selber wissen müssten. Du hast ein Problem? Weil du ihm erlaubst, da zu sein! Also sprich mit ihm und schick es weg." Im Garten des 600 Jahre alten Höribachhofs am Stadtrand, wo die Schamanen zwei Wochen lang wohnen, sitzt - Muschelgürtel zu Nike-Turnschuhen - der südafrikanische Bildhauer und Heiler Percy Konqobe inmitten seiner Skulpturen und sinniert über Möglichkeiten und Grenzen seiner Gabe. ¸¸Es gibt einen Platz, wo wir Schamanen eine Rolle spielen. Und es gibt einen Platz, wo die moderne Medizin eine Rolle spielt", stellt er fest. ¸¸Aber ihr Leute im Westen habt vergessen, wie man sich einem kranken Menschen nähert. Wie viel Zeit haben eure Ärzte für ihn? Was wissen sie über seine Seele?"

Stille. Vogelzwitschern. Sree Chakravarti biegt um die Ecke. Winzige Frau im kupferroten Sari, das schlohweiße Haar zum Zopf geflochten, blitzwach, bezaubernd, 78 Jahre alt. Berühmt geworden, weil sie Menschen durch die Berührung ihrer rechten Hand geheilt hat. ¸¸Ich bin auf der Flucht", sagt Sree Chakravarti und blinzelt. ¸¸What"s up?", fragt Konqobe. - ¸¸Da ist eine Frau aus Salzburg gekommen. Sie will, dass ich mache, dass sie ein langes Leben hat." Der Schamane haut sich auf die Schenkel, und dann lachen beide, amüsiert und durchaus nachsichtig.

¸¸Ein langes Leben!", sagt Sree Chakravarti. Herzensgüte leuchtet aus jeder Furche ihres Gesichts. ¸¸Wer außer Gott könnte das schenken?"